Mittwoch 4. November 2026

Schnellsuche auf der Website

Besuch der St. Joseph Boarding School for Orphans in Ajeltoun
Erzdiözese Wien / Besuch der St. Joseph Boarding School for Orphans in Ajeltoun
03.11.2026

Libanon – Eindrücke aus einem Land zwischen Ruinen und Hoffnung

Über die Situation der Christen im Libanon berichtet der Pressesprecher der Erzdiözese Wien, Benedikt Neumayer. Er war mit dem Generalvikar der Erzdiözese Wien, Andreas Kaiser und Manuel Bagdhi, Berater für die christlichen Ostkirchen, einige Tage im Land unterwegs. 

Ende Oktober war ich gemeinsam mit dem Generalvikar der Erzdiözese Wien, Andreas Kaiser und Manuel Bagdhi, Berater für die christlichen Ostkirchen, einige Tage im Libanon unterwegs. Der kleine Staat in der Levante ist nicht nur geprägt durch das Wirken und Zusammenleben von 18 anerkannte Religionsgemeinschaften (darunter als größte die maronitischen Christen, gefolgt von schiitischen sowie sunnitischen Muslime), sondern vor allem gefordert von einer langjährigen Wirtschaftskrise und dem ebenso lang andauernden offenen Konflikt zwischen der islamistischen Terrororganisation und starken politischen Kraft der Hissbollah und Libanons südlichem Nachbarn, Israel.

 

Warum die Bevölkerung trotz zahlreicher Probleme und Herausforderungen die Hoffnung nicht verlieren, welchen Beitrag Menschen aus der Erzdiözese Wien für die Hilfe zur Selbsthilfe vor Ort leisten und welche Gedanken uns auch in Österreich begleiten sollten, möge meine Rückschau auf die Reise beantworten.

 

Neue Gebäude und Ruinen

Fährt man vom im Süden Beiruts gelegenen Flughafen Richtung Downtown, fallen sie gleich auf: große Schutthaufen und Gebäude, die nur nach als Gerippe in der Landschaft stehen. Rund um den Hafen von Libanons Hauptstadt zeigt sich ein ähnliches Bild. Neu errichtete Gebäude wechseln sich mit Ruinen und ausgemergelten Häusern ab.

 

Diese ersten Eindrücke stehen für zwei der großen Herausforderungen, mit denen das kleine Land in der Levante nicht erst seit gestern kämpft. Sind es im schiitisch geprägten Süden die Einsätze israelischer Kampfjets, die sich bei ihrer Jagd auf die Führungsriege der islamistischen Hisbollah für die zerstörten Häuserblöcke verantwortlich zeigen, kunden die Ruinen im Hafenviertel als Zeugen von der verheerenden Explosion, die 2020 ganze Viertel der Stadt am Mittelmeer verwüstete, über 200 Todesopfer forderte, 300.000 Einwohner auf einen Schlag obdachlos machte und die seit 2018 wütende Wirtschaftskrise im Land weiter verschärfte.

 

Der Grund unserer Reise

Gemeinsam mit dem Generalvikar der Erzdiözese Wien, Andreas Kaiser und Manuel Baghdi, Berater für die christlichen Ostkirchen sind wir auf einer mehrtägigen Reise durch ein Land, dessen Einwohnerinnen und Einwohner trotz vielfältiger Probleme die Hoffnung auf eine bessere Zukunft nicht aufgeben.

 

Unser Besuch hat dabei vorrangig zwei Gründe. Zum einen ist er sichtbares Zeichen der Verbundenheit mit den vielen christlichen Religionsgemeinschaften, die zwar noch knapp 40 Prozent der libanesischen Bevölkerung ausmachen, aber durch Migration und äußere Einflüsse verstärkt unter Druck geraten.

 

Austausch mit Patriarch Ignatius Aphrem II
Austausch mit Patriarch Ignatius Aphrem II
Austausch mit Patriarch Ignatius Aphrem II
Besuch der St. Joseph Boarding School for Orphans in Ajeltoun
Besuch der St. Joseph Boarding School for Orphans in Ajeltoun
Besuch der St. Joseph Boarding School for Orphans in Ajeltoun
Zerstörungen nach der Explosion im Hafen von Beirut 2020
Zerstörungen nach der Explosion im Hafen von Beirut 2020

 

War das Land vor dem zwischen 1975 und 1990 tobenden Bürgerkrieg noch mehrheitlich von Christen bewohnt, haben sich die Kräfte in den vergangenen Jahrzehnten stark verschoben. Dafür verantwortlich ist eine starke Migration, die vor allem Christen nach Europa und in die Golfstaaten treibt. Ohne die dort erwirtschafteten Einkommen, die zu einem Teil in den Libanon fließen, um die dort verbleibenden Teile der Familie zu unterstützen, wäre das Land noch ärmer, als es ohnehin schon ist.

 

Das bringt uns zum anderen, bedeutenden Grund unserer Reise. Wir bringen direkte Unterstützung zu Hilfsprojekten vor Ort, die auch dank großzügiger Unterstützung aus Österreich die Not der Bevölkerung lindern. In einem Staat, dessen Gefüge von jahrelanger Misswirtschaft und Korruption geprägt ist, sind es die vielfältigen caritativen Einrichtungen, Hilfsprogramme und privaten Initiativen, die gerade für die knapp 50 Prozent der Bevölkerung da sind, die unter oder an der Armutsgrenze leben.

 

Wo die Hilfe direkt ankommt

Besonders der Besuch der St. Joseph Boarding School for Orphans in Ajeltoun hinterlässt bei mir bleibende Erinnerungen. Im von den Barmherzigen Schwestern betreuten Haus werden über 240 Schülerinnen und Schüler aus den ärmsten Gesellschaftsschichten unterrichtet und versorgt. Darunter sind auch einige Waisenkinder, die im angeschlossenen Internat ganzjährig Unterkunft finden. Schwester Zahia und die ehrenamtliche Koordinatorin (und ehemalige Schülerin) Maria Ghaya erzählen uns von der schwierigen Lage: Hyperinflation, stark steigende Energie- und Lebensmittelpreise und das Ausbleiben zugesagter finanzieller Mittel durch den libanesischen Staat (der zumindest für die Gehälter des Lehrpersonals aufkommen sollte) sorgen für einen steten Überlebenskampf.

 

Umso mehr wirken finanzielle Beiträge und die langfristige Unterstützung, die aus der Erzdiözese Wien ihren Weg in den Libanon finden. Denn aufzugeben ist für die vielen engagierten Kräfte vor Ort keine Option.

 

Bildung ist ein wichtiger Hebel für ein besseres Leben. In einem Land, wo christliche Schulen und Universitäten einen bedeutenden Teil der Ausbildung stemmen, braucht es diesen Einsatz und Willen, trotz widriger Umstände weiterzumachen.

 

Die angespannte Lage der christlichen Gemeinden

Das gilt auch für die immer kleiner werdenden christlichen Gemeinden. Ob Maroniten, griechisch-orthodoxe, melkitische griechisch-katholische, armenisch-apostolische oder armenisch-katholische Christen. Sie alle spüren die Abwanderung und die schwierige Situation im Nahen Osten. Wobei nicht unerwähnt bleiben soll, was uns alle Vertreter, mit denen wir in Kontakt waren, einhellig sagen: nicht die Religion ist das Problem. In kaum einem anderen Land des nahen und mittleren Ostens leben so viele verschiedene Religionsgemeinschaften ohne gröbere Friktionen neben- und miteinander. Das unterstreichen auch unsere Eindrücke, etwa bei unseren Besuchen der Marienstatue Our Lady of Lebanon oder am Grab des heiligen Scharbel, an dem Christen und Muslime nebeneinander zusammenkommen, beten und um Hilfe bitten.

 

Es sind andere, vor allem wirtschaftliche und politische Herausforderungen, die den Alltag bestimmen. Gerade der Dauerkonflikt der islamistischen Schiitenbewegung Hisbollah mit ihrem erklärten Erzfeind Israel hat große wirtschaftliche Auswirkungen, ist doch unter anderem der Tourismus fast vollständig zum Erliegen gekommen. Auch der Staat im Staat, den die Hisbollah vor allem mit Hilfe aus dem Iran über Jahre aufgebaut hat, muss hier genannt werden, Wo die eigentliche staatliche Organisation versagt, füllt die Verwaltung der Hisbollah das Machtvakuum.

 

Neben dem Konflikt mit Israel und dem Iran-Krieg, wird auch die Situation in Syrien von den christlichen Gruppierungen genau beobachtet. In langen Gesprächen hat uns der syrisch-orthodoxen Patriarchen Ignatius Aphrem II eindrucksvoll von der herausfordernden Situation seiner Gemeinden und anderer christlicher Religionsgemeinschaften beiderseits der Grenze berichtet. „Womit wir helfen können?“, frage ich ihn. Die Antwort zeigt sehr deutlich, welche Bedeutung auch unserem Besuch innewohnt: „Natürlich freuen wir uns über finanzielle Unterstützung, diese kommt hier direkt bei Hilfsbedürftigen an. Genauso wichtig ist die Verbundenheit im Gebet. Aber was mindestens so bedeutend ist, wie die ersten beiden Dinge, ist eure Anwesenheit. Sie zeigt, dass wir nicht vergessen werden. Unsere Gemeinden müssen spüren, dass sie nicht allein sind, dass es auch in Europa Menschen und Kirchen gibt, denen ihr Überleben nicht egal ist und die zu uns kommen, um ihre Verbundenheit auch vor Ort zu zeigen.“

 

„Wir haben immer Hoffnung. Der Moment, wo wir aufhören in unserem Land zu wirken, hört auch unsere Gemeinschaft auf. Und selbst wenn nur noch einer da ist, soll er weitermachen, um das Zeugnis zu erhalten und damit anderen Vorbild zu sein!“, hallen mir auf der Fahrt retour zum Flughafen die Abschiedsworte des syrisch-orthodoxen Patriarchen nach, die nicht nur die Situation der christlichen Minderheiten in der Gegend zusammenfassen, sondern auch uns im wohlsituierten Europa zu denken geben sollte.

 

Autor: Benedikt Neumayer