Österreich und Ungarn seien für ein Wochenende wieder vereint, bemerkte Erzbischof Josef Grünwidl am Samstagabend mit heiterem Unterton. Wer an diesem Wochenende im Stephansdom mitfeierte, konnte verstehen, was er meinte. Rund um die Ikone von Maria Pócs kamen Menschen zusammen, die durch ihren Glauben, ihre Geschichte und die Liebe zur Gottesmutter miteinander verbunden sind.
Zum 330. Jahrestag des Tränenwunders waren die griechisch-katholischen Bischöfe Ungarns mit Metropolit Fülöp Kocsis an der Spitze nach Wien gekommen. Mit ihnen feierten Bischöfe aus Rumänien, Kroatien, der Slowakei und der Ukraine, zahlreiche Priester und Hunderte Gläubige. Viele dieser Kirchen verbindet eine gemeinsame Geschichte mit Österreich. Wesentliche kirchliche Strukturen entstanden im Gebiet der späteren österreichisch-ungarischen Monarchie mit Unterstützung der Habsburger. Besonders Maria Theresia förderte eigenständige Bistümer und die Ausbildung ihrer Priester. Beim gemeinsamen Feiern im Stephansdom wurde diese historische Verbundenheit auf eine sehr persönliche Weise lebendig. Am Samstagabend versammelten sich die Gäste gemeinsam mit dem Domkapitel, Erzbischof Grünwidl und Kardinal Christoph Schönborn zum Akathistos-Hymnus. Der vielleicht berührendste Moment des Wochenendes war dabei die nicht enden wollende Schlange von Gläubigen, die während des gesungenen Marienhymnus zur Ikone kamen. Einer nach dem anderen trat vor das Bild der Gottesmutter, um es zu verehren, viele sichtlich gerührt. In diesen persönlichen Begegnungen wurde spürbar, wie viel den Menschen dieses Bild bedeutet. Anschließend führte eine große Lichterprozession um den Dom.
Am Sonntagvormittag wurde die Göttliche Liturgie im byzantinischen Ritus gefeiert. Neben Deutsch und Ungarisch waren auch Griechisch, Kroatisch, Ukrainisch, Kirchenslawisch und Rumänisch zu hören. Chöre aus Ungarn und aus dem Collegium Orientale in Eichstätt gestalteten die Liturgie musikalisch. Zu den Pilgern kamen viele Menschen, die einfach den Sonntagsgottesdienst im Dom besuchen wollten. Sie wurden Teil einer Feier, in der verschiedene Sprachen und Traditionen ganz selbstverständlich zusammenfanden.
Was bedeuten die Tränen der Muttergottes? Dieser Frage ging Kardinal Schönborn in seiner Predigt nach. Wenn wir jemanden weinen sehen, fragen wir nach dem Grund: Sind es Tränen des Schmerzes, der Schuld, der Trauer oder der Freude? So stelle sich auch vor der Ikone von Maria Pócs die Frage, was Maria den Menschen mit ihren Tränen sagen wolle. Ihr Gesicht auf der Ikone habe sich nicht verändert. Maria zeige auf Jesus. Sie sei die Hodegetria, die Wegweiserin, die zu ihrem Sohn führt. Die Menschen hätten damals gespürt: Maria ist da. Sie ist bei uns. Diese Erfahrung machten Gläubige vor ihrem Bild bis heute. Schönborn erinnerte an einen Mann, den er vor der Ikone weinen gesehen hatte. Gott allein wisse, wie viele Sorgen und Bitten täglich hierhergebracht werden. Menschen kommen mit dem, was sie bedrückt, zur Gottesmutter. Maria leidet mit ihnen und betet mit ihnen. Und sie zeigt ihnen Jesus. Davon erzählte auch das Evangelium des Sonntags: Jairus sucht Jesus, weil seine Tochter im Sterben liegt. Eine Frau, die seit Jahren an Blutfluss leidet, berührt sein Gewand in der Hoffnung, geheilt zu werden. Beide kommen in ihrer Not zu ihm. Beide erfahren seine lebenschenkende Nähe.
Die Tränen Mariens seien aber auch eine Frage an uns selbst, führte der Kardinal weiter aus. Weine sie über unsere harten Herzen und unsere Sünden? Über Krieg, Hass und das Leid, das Menschen einander zufügen? Wie Jesus weine auch Maria über das Leid der Menschen. Mit den Worten des Epheserbriefs verweise sie zugleich auf die Hoffnung, die Christen verbindet: Christus ist unser Friede. Er hat die Feindschaft überwunden und zusammengeführt, was getrennt war. In derselben Lesung werde den Gläubigen zugesagt, dass sie keine Fremden mehr seien, sondern Hausgenossen Gottes. Christus sei der Eckstein, der den ganzen Bau zusammenhält. Durch ihn werde dieser Bau zur Wohnung Gottes unter den Menschen. Hier führte Schönborn die Gedanken seiner Predigt zusammen: Wo Maria ist, sind wir zu Hause. Deshalb dürfe man in ihren Tränen auch Tränen der Freude sehen. Freude darüber, dass ihre Kinder bei Christus zu Hause sind. Die Freude Mariens sei, dass wir alle heimkommen dürfen in das Haus Gottes.
Metropolit Kocsis griff am Ende der Liturgie diesen Gedanken auf. Wo Maria sei, seien wir tatsächlich zu Hause. Sie weise auf Jesus hin, und zu ihr könnten wir mit allen Sorgen und Freuden kommen. Dabei erinnerte er auch an die schmerzliche Geschichte der Ikone. Die Vorfahren der heutigen ungarischen Gläubigen hätten lange dagegen gekämpft, dass das Marienbild nach Wien gebracht worden war. Heute sehe er darin das Wirken Gottes als Herrn der Geschichte. Im Namen seiner Kirche könne er sagen, dass diese Ikone ihren Platz im Stephansdom habe. Jesus und Maria hätten die Gläubigen in Ungarn nie verlassen. Das Bild im Dom sei heute eine Verbindung zwischen den griechisch-katholischen Gläubigen Ungarns und den Katholiken Österreichs. Besonders groß war die Freude über die frisch restaurierte Ikone. Fachkundig und mit großer Sorgfalt war das vertraute Marienbild wiederhergestellt worden. Im Anschluss an die Liturgie wurde es an seinen angestammten Platz im Dom zurückgebracht.
Es gab an diesem Wochenende viel Freude und großen Jubel, aber auch stille, bewegende Augenblicke vor dem Bild der Gottesmutter. Das Gedenken an ihre Tränen wurde zu einem Fest der Begegnung und zur Erfahrung, mit den eigenen Sorgen und Freuden daheim zu sein.