Vor der Päpstlichen Universität Gregoriana unterhalb des Quirinalpalastes treffe ich Massimo Faggioli, einen Experten auf dem Gebiet der Geschichte des Christentums und des zeitgenössischen Katholizismus. Faggioli wurde 1970 in Ferrara, Italien, geboren, hat Politikwissenschaften in Bologna studiert und seine Promotion in Religionsgeschichte in Turin im Jahr 2002 abgeschlossen. Aktuell lehrt er an der Villanova University in Pennsylvania, USA, und seine Forschungsschwerpunkte umfassen die Geschichte des Christentums, die katholische Kirche und das Verhältnis von Religion und Politik. Er ist ein gefragter Interviewpartner in renommierten Medien, unter anderem regelmäßig in "The Economist" und "The New York Times."
Unser Gespräch dreht sich klarerweise in erster Linie um die laufende Synode und wie Massimo Faggioli diese Veranstaltung einschätzt. Er betont, dass der Begriff "Synodalität" relativ neu ist und sich erst in der Zeit nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil entwickelt hat. Tatsächlich verwendet das Konzil selbst den Begriff "Synode" nicht in dem Kontext, wie er heute verstanden wird. Dort ist "Synode" eher ein Synonym für das Konzil selbst oder bezieht sich auf Regionalsynoden.
Faggioli hebt hervor, dass die Beteiligung von Laien, sowohl Frauen als auch Männer, bei der Synode in der katholischen Kirche als etwas Revolutionäres angesehen wird. Doch es handelt sich dabei um eine uralte Tradition, die im ersten Jahrtausend der Kirche der Normalfall war. Im Verlauf des zweiten Jahrtausends ging diese Praxis im Westen weitgehend verloren, während sie im Osten in unterschiedlicher Ausprägung erhalten geblieben ist.
Ein Beispiel: Man nannte die Wahl eines Bischofs auch in der Westkirche im ersten Jahrtausend noch "electio cleri et populi" (dt.: „Wahl des Klerus‘ und des Volkes“). Das bedeutet, es gab offenbar eine Teilnahme der Laien an Entscheidungsfindungen in der Kirche, insbesondere bei der Bischofswahl und ähnlichem. Man darf sich das jedoch nicht als demokratische Versammlungen vorstellen. Es handelte sich eher um Konsensfindungen, die beispielsweise per Akklamation erfolgten.
Heute haben wir andere Ansprüche an Teilhabe, da wir tief von den Prinzipien der Demokratie geprägt sind und Menschenwürde und Respekt in unserem Selbstverständnis nicht verhandelbare Werte sind. Bislang ist die Synode noch in erster Linie eine Unterstützung für die Bischöfe und den Papst. Wie sich die Situation weiterentwickeln wird, bleibt abzuwarten. Es zeichnet sich jedoch deutlich ab, dass die rein vertikale Kirchenstruktur des zweiten Jahrtausends, die auch frühere soziale und politische System abbildet, sich derzeit im Wandel befindet. Die Begriffe "Laien" und "Klerus" haben im dritten Jahrtausend offensichtlich eine völlig andere Bedeutung als in den früheren Jahrhunderten.
Massimo Faggioli unterstreicht zudem, dass die Synode, obwohl sie bestimmten Regeln folgt, immer auch ein liturgisches Ereignis ist. Die Betonung der Transzendenz und der spirituellen Dimension spielt eine wichtige Rolle. Die Tage der Besinnung zu Beginn oder die Meditationen von P. Radcliff auf der Synode verweisen auf den transzendenten Charakter der Synode. Es war immer die Überzeugung der Kirche, dass der wesentliche Protagonist der Hl. Geist selber ist.
Die aktuelle Synode bezeichnet Faggioli als ein Experiment, das viele neue Aspekte in sich trägt. Dazu gehört etwa das Stimmrecht von Laien. Wir können zurzeit nicht sagen, ob es sich bewährt. Auch die Reserviertheit gegenüber der Öffentlichkeit ist Teil des Experiments. Es erklärt sich von selbst, dass Versuche einen gewissen Grad an flankierenden Vorsichtsmaßnahmen erfordern. Aber dieses Experiment verändert bereits jetzt ein Stück weit die vertikale Struktur der Kirche des zweiten Jahrtausends, die noch von vergangenen feudalen Systemen geprägt ist.
Obwohl die Synode kein III. Vatikanisches Konzil ist, kommt sie einem solchen am nächsten und stellt, Faggioli zufolge zweifellos das wichtigste Ereignis seit dem II. Vatikanum dar. Letzteres hat bereits vor 60 Jahren die großen Herausforderungen der Moderne im Blick gehabt. Diese Synode erweitert den Radius und nimmt die globalisierte Welt und die damit verbundenen Entwicklungen in den Blick, die in der Zeit nach dem II. Vatikanums noch nicht einmal in Sicht waren. Ein Beispiel ist die Frauenfrage, für die das II. Vatikanum schlicht zu früh kam.
Die Hoffnung besteht darin, dass die Synode eine Befreiung von festgefahrenen Positionen ermöglicht. Insbesondere wünscht sich Massimo Faggioli, dass das Evangelium, also die Person und die Botschaft Jesu Christi, wieder attraktiv und zugänglich werden. Dies erfordert eine Befreiung von zeitbedingten kulturellen Verschleierungen und von einer zu engen Fokussierung auf Fragen wie jener der Sexualmoral. Ziel ist es, die Frische und Lebendigkeit der ursprünglichen Verkündigung wiederzuentdecken.
Insgesamt geht es darum, ist Faggioli überzeugt, die "Inklusion" zu fördern und die Botschaft der Kirche besser zu vermitteln. Es geht nicht darum, die Kirche "unterhaltsamer" oder "bunter" zu machen, sondern darum, dass die Kirche das Evangelium den Menschen neu nahebringen kann. Die Synode mag ein Experiment sein. Aber sie kann dazu beitragen, dass die Kirche in einer sich wandelnden Welt relevanter wird – gerade, weil die katholische Kirche in ihrer globalen Präsenz nach wie vor eine Botschaft für die Menschen hat: wie das eigene und das gesellschaftliche Leben sinnvoller und humaner gestaltet werden können.