Montag 16. März 2026

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18.02.2026

Pionierarbeit am Diözesankonservatorium Wien: Orgelspiel als Training für das Gehirn

Das Diözesankonservatorium für Kirchenmusik der Erzdiözese Wien startet ein außergewöhnliches Forschungsprojekt: Eine neue Vorstudie widmet sich der Frage, ob das komplexe Spiel an der Orgel positive Effekte auf die kognitive Leistungsfähigkeit haben kann – und das über die gesamte Lebensspanne hinweg.

Unter dem Titel „Die Orgel als neurodidaktisches Interventionsinstrument: Validierung kognitiver Transfereffekte durch multisensorische Integration und bipedale Koordination“ verbindet die Untersuchung erstmals praxisorientierte Orgelarbeit mit aktuellen Erkenntnissen der Kognitions- und  Musikneurowissenschaft.  Projektleiterin ist die Dozentin und Konzertorganistin Mag. Dr. Andrea Pach, unterstützt durch Konservatoriumsdirektorin Mag. Mirjam Schmidt, die damit ein Forschungsfeld ermöglicht, das in dieser Form bisher unerschlossen ist.

 

Was macht das Orgelspiel so besonders?

Im Zentrum der Vorstudie steht die außergewöhnliche Komplexität des Orgelspiels. Anders als bei anderen Tasteninstrumenten arbeiten beide Hände und beide Füße gleichzeitig, präzise und koordiniert – und das häufig auf mehreren Manualen und im Pedal. „Die Orgel ist das einzige Tasteninstrument, das Hände und Füße dauerhaft in einen hochkomplexen Koordinationsprozess einbindet“, erklärt Studienleiterin Andrea Pach. Die Untersuchung geht daher der Frage nach, ob Merkmale wie regelmäßiges Orgelspiel mit obligatem Pedal, häufige Manualwechsel und polyphone Literatur sowie die besondere räumlich-vestibuläre Situation an der Orgelbank mit Leistungen in Bereichen wie Arbeitsgedächtnis, exekutiven Funktionen, Task-Switching, Dual‑Tasking, räumlicher Orientierung und Aufmerksamkeit zusammenhängen. Untersucht wird eine gemischte Gruppe aus fortgeschrittenen Jugendlichen, Studierenden und Senior:innen. So soll sichtbar werden, wie sich mögliche Effekte im sich entwickelnden sowie im alternden Gehirn abbilden.

 

Theoretischer Rahmen: Ein neues Modell der Neuroplastizität

Die Vorstudie basiert auf Andrea Pachs Grundlagenwerk „Spirale der Sinne: Orgel versus Klavier im Spiegel der Neuroplastizität“ (2025). Darin beschreibt sie ein theoretisches Modell, das erklärt, wie die multisensorischen und motorischen Anforderungen des Orgelspiels das Gehirn herausfordern und potenziell formen. Wichtig dabei: Die aktuelle Untersuchung setzt keine Effekte voraus, sondern prüft sie erstmals empirisch. Unterschiede zwischen Organist:innen und Vergleichsgruppen werden erst im Zuge der Datenauswertung bewertet.

 

Für künftige Forschung

Langfristig sind umfassendere Studien geplant, die auch neuronale Korrelate – etwa durch bildgebende Verfahren – und Kooperationen mit universitären Forschungsinstitutionen einbeziehen könnten.

 

Prof. Andrea Pach ist Konzertorganistin und Dozentin am Diözesankonservatorium Wien. Sie verbindet langjährige künstlerische Erfahrung mit fundiertem neurowissenschaftlichem Wissen – unter anderem aus dem Masterprogramm Cognitive Neuroscience (Academy of Neuroscience, Köln) und einer TÜV-zertifizierten Ausbildung zur Scientific Trainerin. Mit der neuen Vorstudie verknüpft sie erstmals ihre praktische Expertise an der Orgel mit ihren theoretischen Arbeiten zur Neuroplastizität und Neurodidaktik.