Besonders die knappe Besetzung von Wachebeamten steht hinter der Misshandlung eines Jugendlichen durch Mitgefangene in der Justizanstalt Josefstadt, die diese Woche bekannt wurde: Das hat Christian Kuhn, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Katholischen Gefangenenhausseelsorger Österreichs, am Freitag, 28. Juni 2013, dargelegt. Als positiv bewertete Kuhn, der selbst im Gefängnis tätig ist, dass sich die Öffentlichkeit infolge des aktuellen Vorfalls für die Frage nach möglichen Verbesserungen im Strafvollzug interessiert.
Der aktuelle Vorfall sei schrecklich und dürfe nicht passieren, stellte der katholische Seelsorger klar: "Ist der Staat nicht in der Lage, Menschen während der Haft zu schützen, darf er sie nicht verhaften. Es ist völlig unverhältnismäßig, etwa wegen eines Einbruchs in Untersuchungshaft zu kommen und Opfer eines schlimmeren Verbrechens zu werden." Scharf wehrte sich Kuhn jedoch gegen eine Schwarz-weiß-Diskussion: "Weder passiert der aktuelle Vorfall täglich, noch ist es ein Jahrhunderts-Einzelfall - leider." Auch in Zeiten des früheren Jugendgerichtshofes seien die Verhältnisse nicht problemlos gewesen.
Kuhn bezeichnete es als "eines der großen Probleme in jedem Gefängnis, wie man schwache Gefangene vor Übergriffen durch Mitinsassen schützen kann". Die Gefangenenseelsorge habe bereits in den 1980er-Jahren gemeinsam mit dem Kommando und der Anstaltsleitung Konzepte gesucht, um "potenzielle Opfer zu identifizieren und durch Verlegung zu schützen". Dies müsse immer frühzeitig geschehen, "denn wenn etwas gemeldet wird, ist es in der Regel schon passiert, zudem sind Opfer häufig zu eingeschüchtert." Kuhn zufolge seien Justizwachebeamte aufgrund ihrer Ausbildung heute dafür "sehr sensibilisiert", ganz besonders für die früher weitaus eher hingenommene sexualisierte Gewalt.
Die Wirklichkeit im Gefängnis ist Kuhn zufolge komplexer als medial dargestellt: "Nicht ideal" seien besonders in der Justizanstalt Josefstadt die beengten Raumverhältnisse, denn "gerade bei Jugendlichen kann der Energiestau aufgrund der pubertären Lebensphase dadurch sowie bei fehlenden Aktivitäten explodieren", so der Gefängnisseelsorger. Dass die Personaldecke "sehr dünn" sei, bestätigte der Gefangenenseelsorger: Speziell wenn aufgrund von Zwischenfällen wie etwa Spitalsbegleitungen oder Gerichtsterminen mehr Personal nötig sei, würden dafür Freizeitaktivitäten zuerst gestrichen - "wie etwa Fußball, jedoch auch die Seelsorge".
An gutem Willen und Bemühungen der unmittelbar Zuständigen im Jugendgefängnis scheitert es laut Kuhns Einschätzung nicht: "Die Jugendrichter machen sich viele Gedanken, die Wachebeamten der Jugendabteilung sind hervorragend ausgebildet und streben einen eher väterlichen als formal-amtlichen Zugang an, es gibt sehr gute Lehrer und auch die Gefängnisleitung will den typischen Bedürfnissen von Jugendlichen so weit als möglich entgegenkommen."
In der Realität stoße man aber auf Grenzen, besonders aufgrund der knappen Personalsituation. "Man kann nicht mehr Justizwachebeamten einsetzen als es gibt. Das führt dazu, dass 15- bis 17-Jährige teils schon nachmittags bis zum nächsten Morgen in die Zellen gesperrt werden - was nicht altersgerecht ist." Immer wieder gebe es Versuche, die Anzahl der noch minderjährigen Insassen in der Josefstadt zu reduzieren und in die mit größeren Sportanlagen ausgestattete Anstalt in Gerasdorf zu verlegen.
Die Aufgabe als Seelsorger im Jugendgefängnis beschrieb Kuhn als "Auseinandersetzung" mit den Jugendlichen: "Wir kommen nicht als Missionare, die eine fertige Weltanschauung loswerden wollen. Vielmehr geht es um menschlich ausgewogene Zuwendung und Begleitung. Junge Inhaftierte hungern nach Erwachsenen, die es gut mit ihnen meinen, zudem ist aber auch die Frage nach Sinn und Werten stark spürbar." So bietet Kuhns Team Religions- und Ethikunterricht, Einzelgespräche und -begleitung, Gruppenarbeit und Gebetsrunden sowie täglich einen Gottesdienst, über dessen Beteiligung laut Kuhn "viele Pfarren glücklich wären" - nicht zuletzt gibt er auch Gelegenheit zum Verlassen des Haftraumes.
In den vergangenen Jahrzehnten - Kuhn ist seit 1980 in der Gefangenenseelsorge tätig - ist auch im Gefängnis die Bedeutung der traditionellen Großkirchen stark gesunken. "Gab es früher einen katholischen und einen evangelischen Seelsorger, findet man heute eine Vielzahl von Religionen, die seelsorgerisch im Gefängnis tätig sind", so der Experte. Im von ihm geleiteten Verein "Hoffnung hinter Gittern", bei dem ehrenamtliche Personen durch regelmäßige Besuche als Mentoren soziale Gerichtshilfe leisten, sind entsprechend Vertreter vieler Weltanschauungen beteiligt.
Eine wachsendes Problem, das in anderen Ländern bereits größer sei als in Österreich, stellen laut Kuhns Wahrnehmung im Gefängnis aktive Sekten und extreme Gruppierungen dar. "Mein klarer Standpunkt ist hier, dass man sie so weit als möglich draußen halten sollte - nicht, da sie eine Konkurrenz darstellen, sondern da sie aus meiner Sicht nicht lebensdienlich sind und bei Insassen eher Verwirrung stiften", so der Gefangenenseelsorger.