Donnerstag 16. April 2026

Schnellsuche auf der Website

18.07.2013

Bitten und Beten

Gedanken zum Evangelium am Sonntag, 28. Juli 2013.

Wir oft wurden wir als Kinder daran erinnert, "bitte" zu sagen, wenn wir etwas haben wollten! Und wie oft mussten wir seither, in den Jahren des Erwachsenseins, das "Bitte"-Sagen weiter üben! Bitten gehört zum Leben. Es kann bitter werden, bitten zu müssen. Wenn einer als Bittsteller kommen muss, etwa um eine Arbeit zu suchen, oder gar um eine Unterstützung zu bekommen, weil die eigenen Mittel nicht mehr ausreichen. Wenn das Bitten zum Betteln wird, dann ist es demütigend.

 

Und doch ist Bitten menschlich. Es ist ein Ausdruck dafür, dass wir alle aufeinander angewiesen sind. Keiner genügt sich selber. Immer brauchen wir die Hilfe anderer. Wer bittet, bekennt: Ich brauche dich! Und: Ich kann dich nicht zwingen; ich kann dich nur bitten. Wenn wir jemanden um Hilfe bitten, anerkennen wir nicht nur, dass wir auf andere angewiesen sind, sondern auch dass die anderen die Freiheit haben, auf unsere Bitte einzugehen oder sie abzulehnen.

 

Bitten ist also eine Schule der Menschlichkeit. In ihr lernen wir gegenseitige Achtung, Aufmerksamkeit, Rücksicht, Höflichkeit. Wer nie bitten gelernt hat, wird egoistisch und bleibt letztlich alleine und isoliert. Glücklich wird er nicht.

 

Im heutigen Evangelium fällt mir auf, dass Jesus auch das Beten vor allem als Bitten versteht. Seine Jünger erleben oft, dass Jesus sich zum Beten zurückzieht, an einsame Orte, auf Berge, in die Stille. Und da er ihr Meister und Lehrer ist, bitten sie ihn: "Herr, lehre uns beten!" Sie wollen ihn nachahmen, sie wollen diese innere Welt kennenlernen, in der Jesus mit seinem Gott alleine ist, den er seinen Vater nennt. Und so lehrt er sie beten.

 

Mich überrascht, dass er sie nicht zuerst lehrt, Gott zu loben oder Ihm zu danken. Er lehrt sie bitten, und zwar nachdrücklich, ausdauernd, ja geradezu lästig und aufdringlich. Sie sollen Gott gewissermaßen mit ihrem Bitten auf die Nerven gehen, wie dieser zudringliche Mann, der in der Nacht laut an die Tür seines Freundes klopft, ihn und seine Kinder aus dem Schlaf reißt, nicht locker lässt bis dieser ihm gegeben hat, worum er ihn bittet.

 

Warum sollen wir so heftig anklopfen? Warum bei Gott bitten und betteln? Weiß er denn nicht, was wir brauchen? Hat nicht Jesus selber gesagt: "Euer himmlischer Vater weiß, was ihr braucht"? Wir müssen doch Gott nicht informieren. Er ist allwissend. Und überdies: Wird Gott wegen meiner Bitten seine Pläne ändern? Warum also bitten? Warum beten?

 

Ich sehe das persönlich so: Zwischen uns Menschen ist das gegenseitige Bitten etwas Urmenschliches. Es ist ein wichtiger Teil unserer menschlichen Beziehungen. Warum sollte das zwischen mir und Gott  nicht auch so sein? Wenn ich mit meinen Sorgen bittend zu Gott komme, dann habe ich das Vertrauen, dass er nicht eine anonyme Macht, irgendeine Energie ist, sondern "unser Vater", jemand, mit dem ich sprechen kann, der mich kennt, der um meine Sorgen weiß, und der mich mehr lieb hat, als mein eigener Vater.

 

Genau das will Jesus uns lehren. Das ist seine Erfahrung: Mit Gott kann er so vertrauensvoll sprechen, wie ein Sohn mit seinem Vater. Beten ist eine Sache des Vertrauens. Das will Jesus uns lehren: Ein ganz großes, herzliches, kindliches, ja grenzenloses Vertrauen. Deshalb sollen wir ruhig heftig und zudringlich bei unserem Gott anklopfen!