Montag 20. April 2026

Schnellsuche auf der Website

17.10.2013

Nicht locker lassen!

Gedanken von Kardinal Schönborn zum Evangelium am Sonntag, 20. Oktober 2013 (Lk 18,1-8)

Das heutige Evangelium enthält eine doppelte Botschaft. Es spricht vom Mut gegen das Unrecht und von der Macht des Gebetes. Beide Botschaften hängen eng miteinander zusammen.

 

Jesus will seine Jünger dazu ermutigen, "allzeit zu beten und darin nicht nachzulassen". Wir sollten eigentlich ständig beten, allzeit und ohne Unterlass. Aber wie soll das praktisch gehen? Ich bin den ganzen Tag mit so vielen Dingen beschäftigt, sehe meist viele Menschen, habe laufend Termine, Aufgaben, Verpflichtungen. Da bleibt für das Gebet nur wenig Zeit. Wie ist Jesu Wort in den Alltag zu übersetzen? Offensichtlich ist Jesus überzeugt, dass es möglich ist, immer in einer inneren Verbindung mit Gott zu bleiben. Darum geht es ja im Gebet. Nicht auf viele Worte kommt es da an, sondern darauf ständig "online" mit Gott zu sein – so würden wir heute in der Computer-Sprache sagen.

 

Dass das wirklich möglich ist, zeigt Jesus an einem sehr anschaulichen Gleichnis, das eine weitere Botschaft enthält. Er erzählt von einer Witwe, die um ihr Recht kämpft. Sie ist eine wehrlose Frau, hat keine Macht und keine guten Beziehungen. Und sie hat es mit korrupter Justiz zu tun, mit einem Richter, der sich um das Recht der Armen und Ohnmächtigen einen Dreck schert.

 

Jesus hat sicher solche Frauen aus dem Volk gekannt, die sich nicht von den Mächtigen einschüchtern ließen. Offensichtlich hat er für sie eine große Wertschätzung. Er bewundert ihren Mut, wie sie  ihr Leben riskieren um gegen Unrecht und Gewalt zu kämpfen, ohne Geld, ohne Waffen, einfach nur mit Zivilcourage. Solche Furchtlosigkeit vor den Mächten dieser Welt hat Jesus von klein auf an seiner Mutter Maria erlebt.

 

Mir kommen dabei die Mütter von der Plaza de Mayo in den Sinn. Als in Argentinien die Militärdiktatur zwischen 1976 und 1983 bis zu 30.000 Menschen verschwinden ließ, haben die Mütter der Verschwundenen begonnen, still auf dem Platz vor dem Präsidentenpalast in Buenos Aires zu protestieren. Wie die Witwe im heutigen Gleichnis, riskierten sie ihr Leben. Unerschrocken riefen sie: Wo sind unsere Söhne? Ihr täglicher, unermüdlicher, mutiger Protest hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Verbrechen der Militärdiktatur aufgeklärt wurden. Sie haben "ohne Unterlass gebetet", gefordert, dass Gerechtigkeit geschieht. Und sie hatten schließlich Erfolg gegen das Unrecht, wie die Witwe im Gleichnis Jesu.

 

Was will uns Jesus durch diese tapfere Frau sagen? Sie ließ nicht locker. Sie ließ sich durch keine Schwierigkeit entmutigen, durch keine Abweisung einschüchtern. Der üble, korrupte Richter gibt ihr schließlich Recht, weil er vor ihr Angst bekommt;  so wie die Diktatoren in Argentinien vor den Müttern in ihren weißen Kopftüchern. Die doppelte Botschaft lautet: Hochachtung vor solchem Mut! Und: Wenn wir wirklich beten lernen wollen, sollten wir uns an dieser Ausdauer ein Beispiel nehmen. Dran bleiben und nicht locker lassen!