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01.12.2013

Kein lieber Advent

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium am ersten Adventsonntag, 1. Dezember 2013 (Mt 24,37-44)

Katastrophen kommen meist ohne Vorwarnung. Mit der modernen Technik wurden Frühwarnsysteme verfeinert. Ein Taifun, ein Hurrikan wird schon im Entstehen beobachtet. Bei Erdbeben ist es schon schwieriger, ebenso bei Vulkanausbrüchen. Noch schwerer sind Katastrophen im persönlichen Leben vorhersehbar. Ein Unfall passiert meist ganz plötzlich. Ein Unglück kann "aus heiterem Himmel" über uns kommen.

 

"Advent" heißt Ankunft. Jesus spricht heute von einer ganz und gar nicht lieblichen Ankunft. Nicht von Kerzenlicht, Adventsmusik, und erst recht nicht von Punschständen ist da die Rede. Vielmehr erinnert Jesus an die große Flut, von der das erste Buch der Bibel berichtet. Alles schien normal, der Alltag ging seinen friedlichen Lauf: "Die Menschen aßen und tranken und heirateten … Sie ahnten nichts, bis die Flut hereinbrach und alle hinwegraffte."

Wenn ich diese Worte lese, kommt mir der große Tsunami von 2004 in Erinnerung, als ich drei Tage nach der Katastrophe in Banda Ache in Indonesien war und die unbeschreibliche Verwüstung sah, die 200.000 Menschenleben weggerafft hatte. So kann ich mir vorstellen wie es jetzt nach dem Taifun auf den Philippinen aussieht. Und auch Jesu Beschreibung kann ich gut nachvollziehen, wie da von zwei Männern auf dem Feld einer weggerafft wurde und der andere überlebte. Die Erzählungen der Überlebenden werde ich nie vergessen.

 

Was soll ein solcher Advent? Angst machen? Zukunftsängste schüren? Uns die Freude am Advent verderben? Jesus hat eine andere Botschaft. Sie lautet einfach: Seid wachsam! Was meint er damit? Noch bessere Frühwarntechnik? Noch teurere Unfallversicherungen? Noch nie hatten die Menschen (bei uns) so viele Versicherungen gegen alle nur denkbaren Unglücke. Wir haben keine absolute Absicherung gegen Unvorhergesehenes. Es gibt nur einen Weg, mit der Unsicherheit des Lebens gut umzugehen: Mein Heute, mein Morgen, mein Alles immer neu in Gottes Hand zu legen: "Seid wachsam", das heißt: Seid wach, habt Vertrauen in den, der allein Geborgenheit schenken kann in aller Ungewissheit dessen, was auf uns zukommt.

 

Dieses Gottvertrauen heißt auch Glauben. Ein gläubiger Mensch ist nicht zuerst einer, der möglichst viele fromme Dinge tut, sondern einer, der voll auf Gott vertraut.

 

Heute, mit dem ersten Adventsonntag, beginnt ein neues Kirchenjahr. Oft muss ich daran denken, dass es vor hundert Jahren, 1913, wohl kaum jemandem in den Sinn kam, dass ein Jahr später der 1. Weltkrieg ausbrach. Er war die große Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Nicht um Angst zu machen, erinnere ich daran, sondern um diesen Advent so zu begehen, wie Jesus es rät: "Seid wachsam!" Das heißt wohl auch: "Seid dankbar!" Wir wissen, nicht was kommt. Auf Gott vertrauen können wir allemal.