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18.04.2014

Siehe, deine Mutter!

Gedanken zum Evangelium, von Kardinal Christoph Schönborn, am Karfreitag, 18. April 2014.

Auf unserer großen Schiffswallfahrt auf den Spuren des Apostels Paulus kamen wir vergangene Woche auch nach Ephesus. Es liegt in der heutigen Türkei, nicht weit von Izmir entfernt, der drittgrößten Stadt der Türkei. Ephesus ist ein faszinierendes Gebiet für die Archäologen. Österreich hat sich seit Jahrzehnten um die Ausgrabungen dieser riesigen Stadt des Altertums Verdienste erworben.

 

Für uns Wallfahrer war es besonders bewegend, die Orte zu sehen, an denen der Apostel Paulus in Ephesus gewirkt hat. Hier kann man den Anfängen des Christentums nachspüren. Paulus hat die erste Christengemeinde von Ephesus gegründet und auch weiter begleitet.

 

Ephesus ist aber auch wegen einer anderen christlichen Erinnerung wichtig, und die hat besonders mit dem heutigen Karfreitag zu tun. Nach alter Überlieferung hat der Apostel Johannes, der sehr alt geworden ist, seinen Lebensabend in Ephesus verbracht. Dort ist auch – nur mehr in Ruinen – die Kirche zu sehen, die über seinem Grab gebaut wurde. Ich konnte sie auch besuchen.

 

Johannes war der einzige Apostel, der sich nicht aus Angst versteckt hatte, wie die anderen Apostel. Er hat beim Kreuz, bei Jesus, seinem geliebten Meister, ausgehalten. Mit einigen tapferen Frauen, die keine Furcht hatten,  vor allem mit Maria, der Mutter Jesu, versuchte er, Jesus in seiner Todesqual beizustehen. Diese Treue hat Jesus ihm gelohnt. Eines seiner letzten Worte war wie ein Testament. Er sagte seiner Mutter: "Siehe, dein Sohn!" Damit hat Jesus seinen Lieblingsjünger seiner Mutter anvertraut, ihr gewissermaßen den Auftrag gegeben, Johannes wie ihren Sohn anzunehmen. Und dem Johannes gab er den Auftrag, sich künftig um seine Mutter Maria zu sorgen: "Siehe, deine Mutter!"

 

"Von dieser Stunde an nahm sie der Jünger zu sich." An dieses Wort, das eben dieser Johannes selber in seinem Evangelium vermerkt hat, mussten wir Pilger in Ephesus besonders denken. Wenn Johannes in Ephesus war, dann auch Maria, die Mutter Jesu, um die er sich zu sorgen hatte. Jahrhundertelang lebte diese Erinnerung im Volk weiter, ohne dass man Genaueres wusste. Erst im 19. Jahrhundert begann man, nach den Spuren des "Hauses der Maria" in Ephesus zu suchen – und wurde fündig.

 

In einem Wald oberhalb von Ephesus fand man die Reste jenes Hauses, wo nach uralter Überlieferung Maria ihre letzte Zeit auf Erden verbracht  haben soll.

 

Ich werde den Frieden und die Ruhe, die dieser Ort ausstrahlt, nicht mehr vergessen. Was mich besonders berührt hat, waren die vielen Muslime, die zum "Meryem Ana Evi" pilgern, wie das Haus Mariens auf Türkisch heißt. Und mich bewegte dabei der eine Gedanke: Am Kreuz, in seinem Todesleiden, hat Jesus nicht nur für seine Mutter gesorgt und sie dem Johannes anvertraut. Er hat auch an uns alle gedacht, Christen wie Muslime, einfach an alle Menschen. Nicht nur zu Johannes, seinem Lieblingsjünger, sondern zu allen Menschen sagt er: "Siehe, deine Mutter!" In Ephesus, im Haus der Maria, war das so spürbar.