Warum wird die paulinische Kirchenlehre mit der Fundierung des Gemeindelebens in den vielen Charismen bis heute unterschätzt?
Söding: Viele denken, dass die Kirche bei Paulus erst das Laufen lernt und ohne Bischöfe, Priester und Diakone noch gar nicht richtig Kirche ist. Aber das ist ein Irrtum. Zwar muss der Anfang weiterentwickelt werden; aber er wird nicht überholt.
Charisma heißt: Gnadengabe. So wichtig das Amt in der Kirche ist: Ohne die Gaben des Geistes ist die Kirche nur eine Organisation – ohne „Spirit". Heute, jenseits des Klerikalismus, muss die paulinische Charismenlehre aktualisiert werden. Das Neue Testament hat mehr zu bieten, als die Kirche daraus gemacht hat.
Warum ist die Kirche prinzipiell missionarisch?
Söding: Es gäbe die Kirche gar nicht, wenn sie nicht missionarisch wäre. Denn Kirchenmitglied wird man nicht durch Geburt, sondern durch Glaube und Taufe. Ohne die Verkündigung des Evangeliums könnte gar kein Glaube entstehen. Dass die Volkskirche ans Ende kommt, ist der Ernstfall.
Die Kirche hat eine „Mission": das Gottesbild und das Menschenbild, das Weltbild und das Zukunftsbild Jesu zu vertreiben. Das geht nur durch Werbung – und Werbung kann in dieser entscheidenden Frage nur durch persönliches Zeugnis passieren. Das Evangelium ist eine so gute Nachricht – sie muss verbreitet werden, damit sie möglichst viele Menschen erreichen kann.
Welche Pastoralpläne hatte die Kirche des Neuen Testaments?
Söding: Hatte sie welche? Sie hatte keine Schaltzentrale und kein Marketingbüro. Sie hatte etwas Besseres: Paulus war ein Stratege – und er war nicht allein. Der „Masterplan" der Urgemeinde: den Glauben vor Ort zu entdecken; die Sprache der Menschen zu sprechen, die das Wort Gottes hören sollen; Zeichen der Hoffnung zu setzen, die weithin zu sehen sind. Ist das nicht heute auch noch das A und O jedes guten Pastoralplanes?
Was hat die Menschen in neutestamentlicher Zeit motiviert, Christen zu werden und Christen zu bleiben?
Söding: Große Vorteile hatten sie nicht, jedenfalls nicht auf den ersten Blick: Gesellschaftliches Prestige, Karriere, Macht und Geld – all das konnte man anderswo schneller erlangen als in der Kirche. Aber auf den zweiten Blick sieht es schon anders aus: Ein sinnvolles Leben zu führen; Anerkennung zu finden, Vergebung zu erfahren, Hoffnung zu schöpfen. Das ist das große Versprechen, das Jesus gibt – bis heute.
Sie plädieren in Ihrem neuen Buch für eine religiöse Alphabetisierungskampagne. Was müsste religiöser Sprachunterricht leisten?
Söding: Analphabetismus ist ein soziales Problem, kein moralisches. Religion ist keine Fremdsprache. Religiöse Alphabetisierung zielt darauf, die eigene Muttersprache besser zu beherrschen. Bibel, Liturgie, Gebete, Katechismus – egal, wo man anfängt, entscheidend ist, dass der Glaube zum Ausdruck kommen kann.
Warum ist es die Berufung der Kirche, ein „Haus des Gebetes" zu sein?
Söding: Das ist ja die Vision Jesu, die aus dem Alten Testament stammt: Der Tempel soll ein Haus des Gebetes für alle Völker werden. Wir haben die Kirchen. Stehen sie offen? Laden sie ein? Kann man in ihnen beten? Viele Menschen suchen nach diesen Orten der Stille und Andacht, aber auch nach schönen Feiern, wunderbarer Musik und großer Gemeinschaft.
Wo sonst sollte diese Suche ans Ziel kommen als in einer Kirche?