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23.06.2014

"Für Gott, Kaiser, Vaterland": Kirche und Erster Weltkrieg

Kirchliche Medien berichten über 100 Jahre Erster Weltkrieg

Die Kirche ist eine übernationale Gemeinschaft. Und doch haben Bischöfe den Krieg unterstützt, obwohl Katholiken gegen Katholiken kämpften. Wie war das möglich?

Thomas Schulte-Umberg: Die Beteiligung an Kriegen war den frühen Christen bis zur Konstantinischen Wende (ab 313 n. Chr.) nicht erlaubt. Das änderte sich dann. Seit Augustinus (354–430) gab es die Lehre vom "gerechten Krieg": Wenn die von Gott gesetzte Obrigkeit "aus guten Gründen" Krieg erklärte, dann war das ein "gerechter Krieg". Im Ersten Weltkrieg haben sich die Großmächte angegriffen gefühlt. Insofern wurde dieser Krieg in den einzelnen Staaten als besonders "gerecht" angesehen.

 

Euphorie, martialische Ansagen der Regierenden und sogar der Bischöfe prägten den Kriegsausbruch in Europa. Die Ausnahme war der 1914 gewählte Papst Benedikt XV., der von Anfang an den Krieg verdammte und Friedensbemühungen startete. Warum sticht er so heraus?

Thomas Schulte-Umberg: Es war einerseits die Persönlichkeit Benedikts XV., die ihn drastisch von der Brutalität und Sinnlosigkeit des Krieges sprechen ließ. Andererseits muss man auch sehen, dass das Papsttum keine kriegführende Partei mehr sein konnte. Als weltliche Herrscher waren die Päpste immer wieder in Kriege verwickelt gewesen. Der Verlust des Kirchenstaates (1870) war auch eine große Chance für das Papsttum. Benedikt XV. hat die Chance seiner Neutralität genutzt. Das prägt das Papsttum bis heute.

 

Es heißt, Not lehre beten. Stimmt das für die Soldaten der k. u. k. Armee?

Thomas Schulte-Umberg: Es dürfte einen wahren Kern haben, dass die Frontsoldaten die frömmsten waren und die Frömmigkeit im Hinterland abnahm. Da gibt es aber auch andere Faktoren, zum Beispiel die jeweilige regionale Herkunft oder die Vorkriegs-Frömmigkeit. Besonders die Tiroler waren da stark. Die Religiosität der Soldaten hat während des Krieges zwar generell abgenommen. Die Zahl der Soldaten, die zu Gottesdiensten und Sakramenten gingen, blieb aber immer noch relativ hoch. Und im Gegensatz zur deutschen Armee taten die k. u. k. Soldaten das freiwillig. Die Frömmigkeit war zudem nicht nur kirchlich gelenkt. Es entwickelte sich zum Beispiel das Gerücht, dass es einen Soldaten schütze, wenn man sein Foto an die Gottesmutter in Einsiedeln (Schweiz) schickt. Tausende haben das gemacht.

 

Welchen Stellenwert hatte die Religion für die k. u. k. Armeeführung?

Einen sehr hohen, das zeigt sich schon am personellen Aufwand. Es gab etwa 4000 Militärgeistliche aller Religionen und Konfessionen (Katholiken ca. 3500). Jedes Regiment hatte einen eigenen Feldkuraten, das gab es im deutschen Kaiserreich so nicht. Je länger der Krieg dauerte, desto mehr sah das Armeeoberkommando den "Nutzen" der Religion darin, die Kriegsmoral der Truppe hochzuhalten: Das findet sich ebenso in zentralen Anweisungen wie in der Erinnerung an den Fahneneid in Predigten.

 

"Gerechter Krieg", "erlaubtes Töten", das ist für uns heute unchristlich. Hat die Kirche aus dem Ersten Weltkrieg gelernt?

Thomas Schulte-Umberg: Das würde man sich wünschen, es war aber zunächst nicht so. Die Auffassung vom "gerechten Krieg" spielte bis über den Zweiten Weltkrieg hinaus die prägende Rolle. Es hat in der Zwischenkriegszeit einzelne Theologen oder den "Friedensbund deutscher Katholiken" gegeben, die sich bemüht haben, Konsequenzen zu ziehen. Aber das waren Einzelfälle. Die Wende kam erst mit Johannes XXIII. und dem Zweiten Vatikanischen Konzil.

 

Thomas Schulte-Umberg forscht am Institut für Historische Theologie an der Uni Wien. Er schließt derzeit seine Habilitation über „Militärseelsorge in Österreich-Ungarn und Preußen im Ersten Weltkrieg“ ab. Eine Publikation dazu ist in Vorbereitung.