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14.01.2015

"Wir sind oft zu angepasst, zu brav"

Pater Lorenz Voith, Vorsitzender der Wiener Superiorenkonferenz, über die Situation der Ordensgemeinschaften in der Erzdiözese Wien.

DER SONNTAG: Welche Bedeutung haben die Ordensgemeinschaften in der Erzdiözese Wien? Sie haben einmal vom rechten Lungenflügel gesprochen.


Pater Lorenz Voith: Wir sind nicht nur der rechte Lungenflügel, sondern vielleicht die zweite Säule, was gut ist, denn wir sitzen im selben Boot. 48 Prozent der Pfarren werden von Ordensmännern geleitet. Von den Zahlen und den verschiedensten Einrichtungen her – Hochschulen, Bildungshäuser, soziale Einrichtungen, Krankenhäuser, Altenheime – sind die Orden eine wichtige Stütze in der Pastoral der Erzdiözese Wien.

Wie geht es den Ordensgemeinschaften im diözesanen Entwicklungsprozess?


Lorenz Voith: Wir sind seit zwei Jahren in den verschiedenen Gremien gut eingebunden, das war vorher nicht so. Viele Orden sind bereit, die „Pfarre neu“ zu unterstützen. Wir merken aber jetzt selbst, dass auch in den Diözesanpfarren viele Hindernisse und Schwierigkeiten vorhanden sind. So gibt es für die Stadt Wien und am Land draußen einfach die Möglichkeit, dass wir verschiedene Geschwindigkeiten ansteuern. Es wird bei wenigen Pfarrzusammenlegungen schon die „Pfarre neu“ kommen, bei anderen zunächst Pfarrverbände und Seelsorgsräume. So können alle langsam mitkommen. Viele Ordensgemeinschaften sind bereit, dies mitzutragen, andere möchten aufgeben und weggehen, wieder andere wollen Neues übernehmen.

 


Was bedeutet geweihtes Leben? Hat die alternative Lebensform eine Zukunft?


Lorenz Voith: Die Zahl der Ordensmänner wächst seit Jahren weltweit. Die Bedeutung dieser Lebensform ist nicht geringer geworden, sondern steigt. Auch in den orientalischen und orthodoxen Kirchen ist das Mönchsleben seit Beginn an immer präsent und heute noch wichtig. Andere Religionen kennen ebenfalls diese Lebensform, wie Hinduismus, Buddhismus, auch vereinzelt der Islam. Sie ist heute noch so aktuell wie vor 1000 Jahren. Aber in Europa und Nordamerika ist die Zahl der Ordensleute sicher zurückgehend. Viele neue Gemeinschaften sind dazugekommen, diese haben neue Formen des Gemeinschaftswesens und des Apostolates entdecken müssen – und sie haben auch Zukunft.


Das Ordensleben ist keine bessere Lebensform, sondern eine andere. Wir sollen das nicht gegeneinander ausspielen. Dass es ein Ordensleben weiterhin geben soll, dass es sinnvoll und ein großer Schatz für die Kirche ist, steht außer Frage. Jesus sagt: „Wer es fassen kann, der fasse es.“ Letztlich ist immer zu hinterfragen: Passt es für mich als Lebensform?  Schaffe ich es? Ist es für mich eine wirkliche Perspektive? Wenn ja, dann ist es ganz, ganz wichtig. Das Apostolat ist dahinter, in Gemeinschaft zu arbeiten und die Lebensform in Gemeinschaft zu leben, trotz aller Grenzen, die es auch in Gemeinschaften gibt, so wie in Familien. Es gibt nicht nur immer Sonnenschein.

 

Wie sieht die Situation der Männerorden in Österreich aus? Stichwort: Probleme mit Ordensnachwuchs, Schließung von Klöstern, Zusammenlegung von Provinzen...


Lorenz Voith: Wir haben 2.000 Ordensmänner in Österreich. Heute ist schon eine Internationalisierung bemerkbar. Wir haben viele Mitglieder, die aus der ganzen Welt hierher kommen. Die Mission geht jetzt Richtung Norden, früher ist sie Richtung Süden gegangen. Trotzdem beträgt das Durchschnittsalter weit über 60 Jahre. Es gibt mit einigen Ausnahmen wie in den Stiften Klosterneuburg oder Heiligenkreuz weniger Nachwuchs. Aber viele Ordensgemeinschaften – wie die meine – haben immer wieder Kandidaten und auch Priesterweihen, das freut uns sehr. Bei uns Redemptoristen werden nun die Provinzen Süddeutschland und Österreich zusammengeschlossen. Wir haben dann 110 Mitglieder, fünf Ordenshäuser in Süddeutschland, fünf in Österreich und eines in Dänemark. Da wird es neue Formen der Zusammenarbeit und neue Schwerpunkte geben müssen.


Was heißt das Jahr der Orden für die Gemeinschaften selbst und die Welt um sie herum?

 

Lorenz Voith: Für uns selbst ist es wichtig, dass wir an jedem Mittwoch den Ordenstag haben. Jede Gemeinschaft kann sich überlegen, was sie intern machen möchte, z.B. spezielle Gebetsformen. Es gibt darüber hinaus Veranstaltungen, die bis ins Politische, Gesellschaftliche und Kulturelle hineinreichen. Ordensleute und Ordensobere werden von verschiedensten Institutionen eingeladen, über die Orden zu reden.


Eine wichtige Aufgabe der Gemeinschaften ist es zu überlegen: Wo sind wir in den Diözesen beheimatet? Was ist unser Anteil? Wo sind unsere geistigen Zentren? Wo sind wir besonders berufen und wo sind wir nicht mehr so wichtig? Alles andere haben wir in den Texten von Papst Franziskus, der in seiner Art wunderbar schreibt und redet. Er hat uns schon einiges vorgelegt. Es ist momentan kein Gegenwind, sondern Rückenwind spürbar. Seine Aussagen sind schon zwei Schritte voraus, da müssen wir erst nachkommen. Es ist gut für die Orden, hinauszugehen zu den Rändern der Gesellschaft, wo die anderen nicht sind. Wir müssen neu überlegen, vielleicht noch progressiver werden, indem wir Anwalt für diese Menschen werden. Wir sind manchmal zu angepasst, zu brav. Das ist ein Fehler. Eine Diözese tut sich schwerer, aber die Orden können politisch, sozial und von der Pastoral her anders auftreten, da haben wir von Papst Franziskus volle Rückendeckung.