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Hölle,  Florenz, Dom, Kuppel, Fresken von Vasar
cc flickr esparanta palma / Der Sonntag
28.10.2015

Was lehrt die Kirche über die Hölle?

"SONNTAG"-Interview mit Dogmatik-Professor Jan-Heiner Tück über die Hölle

 

Univ.-Prof. Jan-Heiner Tück: Die Hölle bedeutet den Zustand des definitiven Gottesverlustes. Sie ist Folge einer radikalen Verkrümmung auf sich selbst und Ausdruck der definitiven Weigerung, auf Gottes Heilsangebot einzugehen.

 

Ich würde allerdings mit Hans Urs von Balthasar die Hoffnung stark machen, dass es zwar die Hölle als diesen Grenzort des definitiven Heilsverlustes gibt, dass wir aber hoffen dürfen und sollen, dass kein Mensch am Ende den definitiven Gottesverlust erleidet, weil auch die Biographien der Täter nicht auf die Summe ihrer Untaten reduziert werden können, und  weil es die Hoffnung gibt, dass es auch in diesen Biographien Momente der Ansprechbarkeit für Gott und sein Heilshandeln vorhanden sind.

 

Wenn man die Freiheit des Menschen ernst nimmt, muss man auch mit der realen Möglichkeit rechnen, dass Menschen sich definitiv verweigern und sich nicht erlösen lassen wollen bis ans Ende – und dann eine selbstgewählte Hölle als Resultat ihres Freiheitshandelns in Kauf nehmen.


Manche meinen, die Hölle sei leer…
Oder es gebe keine Hölle…

 

Univ.-Prof. Jan-Heiner Tück: Ich würde nicht sagen, dass es die Hölle nicht gibt, das wäre die Apokatastasis-Theorie („All-Versöhnung“), die von der Kirche zu Recht verworfen wurde. Diese Theorie besagt, dass jedes Geschöpf am Ende bei Gott ankommen wird.

 

Eine solche Theorie übergeht den Ernst der menschlichen Freiheitsgeschichte. Wenn man die Freiheit wirklich achtet, dann muss man davon ausgehen, dass es diesen Ernstfall, dass ein Geschöpf definitiv Nein sagt, geben kann.

 

Man darf aber ebenfalls mit Hans Urs von Balthasar beifügen, dass selbst der Ort des Gottesverlustes von Gott im Gekreuzigten aufgesucht wurde.

 

Sodass auch dieser Ort des Gottesverlustes noch einmal einen Impuls der Rückwendung zu Gott aufweist, ob er dann freiheitlich aufgenommen werden kann, ist eine Frage, die wir vorweg nicht beantworten können.

 

Wir können – gestützt auf die am Kreuz manifest gewordene Liebe Gottes – nicht mehr als hoffen, dass am Ende alle bei Gott ankommen. Wissen können wir es nicht.

 

Wir müssen damit rechnen, dass es Menschen gibt, deren Biographie möglicherweise so belastet ist, dass sie sich selbst nicht mehr in dieser Nähe Gottes sehen und sich auch durch Christus nicht mehr helfen lassen, dieses Ja zum Ja Gottes mitzusprechen.

 

Das sind Grenzreflexionen, wissen können wir hier nichts.

Andere meinen, die Hölle sei wiederum ziemlich voll…

 

Univ.-Prof. Jan-Heiner Tück: Gegenüber den „Infernalisten“, die meinen, dass es sicher ist, dass die Hölle dicht bevölkert ist, ist in Erinnerung zu rufen, dass die Kirche von keinem Menschen mit Sicherheit  sagt, dass er in der Hölle ist. 

 

Es ist auch daran zu erinnern, dass die Kirche definitiv niemanden verurteilt  hat, sondern dass es dem Gericht Gottes obliegt, darüber zu entscheiden, welches ewige Geschick den einzelnen Menschen zukommt.

 

Dahinter steht natürlich der komplexe biblische Befund. Es gibt sehr wohl neutestamentliche Aussagen, die von der Hölle sprechen, die die Hölle androhen, und es gibt Aussagen, die davon sprechen, dass Gott das Heil aller Menschen will.

 

Es kommt darauf an, wie man diese beiden Aussagereihen deutet, ob man die heilsuniversalistischen Aussagen im Lichte der Höllen-Aussagen liest und dann sagt:

 

Ja, Gott will zwar eigentlich, dass alle Menschen gerettet werden, aufgrund der faktischen Freiheitsgeschichte muss man aber sagen, dass Gott viele verdammen wird, da sie eben böse gelebt haben.

 

Das ist die heilspartikularistische Lesart der Infernalisten, die davon ausgeht, dass die Hölle gut bevölkert ist.

 

Die andere Lesart, die sich mit dem Zweiten Vatikanum auch offiziell amtlich durchgesetzt hat und von Johannes Paul II. auch sehr klar vertreten wurde (im Buch: „Die Schwelle der Hoffnung überschreiten“), geht davon aus, dass man die Höllenaussagen als Droh- und Mahnaussagen lesen muss, die dazu anspornen wollen, mit Gottes Hilfe das Gute in Freiheit zu wählen und das Böse zu lassen.

 

Die meisten Theologen haben sich dieser heilsuniversalistischen Sicht angeschlossen.

 

Es ist aber wichtig, hier keine Friede-Freude-Eierkuchen-Theologie zu installieren, die die Abgründe der menschlichen Freiheitsgeschichte durch eine inflationäre Rede der Liebe zudeckt.