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Arme Seelen im Fegefeuer; Pfarr- und Wallfahrtskirche Maria Lanzendorf
kathbild.at/Rupprecht / Dogmatik-Professor Jan-Heiner Tück
28.10.2015

Das Purgatorium ("Fegefeuer") und das (jüngste) Gericht

"SONNTAG"- Interview mit Dogmatik-Professor Jan-Heiner Tück über das Purgatorium ("Fegefeuer") und (jüngstes) Gericht

 

 

 

Univ.-Prof. Jan-Heiner Tück: Das Gericht ist der Ort, wo die brüchigen Biographien vor Gott und mit den anderen in die Wahrheit hineingeführt werden. 

 

Und dieses In-die-Wahrheit-hineingeführt-Werden kann durchaus schmerzhaft und dramatisch sein, wenn man bedenkt, wie zerrüttet viele Beziehungen sind, etwa in den Konstellationen zwischen Tätern und Opfern.

 

Aber das Gericht, das im Horizont der Gnade Gottes stattfindet, ist zugleich eines, das die Wahrheit aufrichtet, die zu Richtenden aber nicht zugrunde richtet, sondern sie in einen Prozess der Aufarbeitung des Geschehenen hineinreißt, von dem wir hoffen dürfen, das er am Ende gut ausgeht.

 

Aber sicher sagen können wir das nicht.

 

Wir brauchen also um der Gerechtigkeit willen ein Jüngstes Gericht?

 

Univ.-Prof. Jan-Heiner Tück: Die Hoffnung auf Auferstehung knüpft an anthropologische Grundbedürfnisse an.

 

Ein Grundbedürfnis ist, dass die Täter nicht auf Dauer über ihre Opfer triumphieren mögen, also der Grundimpuls der Gerechtigkeit.

 

Selbstverständlich muss diesem Gerechtigkeitsimpuls auch entsprochen werden im Eschaton, sonst bliebe Gott mit seiner Vollendung ja unter dem Niveau der gelebten Freiheitsgeschichte.

 

Und deswegen ist das Gericht, auch wenn es das Gericht eines barmherzigen Richters ist, doch zugleich eines, das Gerechtigkeit schaffen muss.

 

Wobei die Gerechtigkeit möglicherweise eben anders aussieht als das, was wir uns unter Gerechtigkeit vorstellen, weil Gerechtigkeit jetzt nicht meinen kann, die Unrechtsverhältnisse unter umgekehrten Vorzeichen fortzuführen.

 

Es wird nicht so sein, dass dann die Opfer gewissermaßen zu Tätern zweiter Potenz an ihren Tätern werden, sondern dass sie gewissermaßen in ihren Tätern, bei all den Untaten, die sie begangen haben, doch die vergebungsbedürftigen Brüder und Schwestern sehen lernen durch den Blick Jesu Christi, der selbst für seine Peiniger am Kreuz sterbend gebetet hat.