Als Priester muss ich jeden Sonntag über Gott erzählen“, sagt Wilhelm Bruners. Manchmal beneide er die Schriftstellerinnen und Schriftsteller um ihre Freiheit.
Etwas davon erfährt Bruners, wenn er dichtet: „Lyrik ist für mich ein Moment von Freiheit. Ich bin an keine Dogmatik gebunden. Da kann das Herz sprechen.“
Geschrieben hat Wilhelm Bruners schon als Kind. Im Studium entdeckte er das Dichten. Ein Professor riet den jungen Theologen, zur Predigtvorbereitung Gedichte zu lesen, um in eine andere Sprachebene zu tauchen.
Bruners nahm sich das zu Herzen und las nicht nur, sondern schrieb auch. Seine Texte fanden Gefallen. „So habe ich immer mehr gewagt, mit solchen Texten hinauszugehen“, erinnert er sich.
Wilhelm Bruners bekanntestes Werk ist allerdings kein Gedichtband, sondern das Buch „Wie Jesus glauben lernte“. Darin zeigt er den Menschen Jesus in seinem Glaubensumfeld, in den Erfahrungen und Begegnungen seines Lebens. Rückblickend sagt Bruners: „Da hat etwas durch mich hindurch geschrieben.“
Entstanden ist „Wie Jesus glauben lernte“ in Jerusalem. Dort lebte Wilhelm Bruners mehr als 18 Jahre lang und arbeitete unter anderem in der Bibelpastoral im Österreichischen Hospiz. In dieser Zeit wurde er Teil der LYRIS-Gruppe deutschschreibender jüdischer Dichterinnen und Dichter.
Judentum, Christentum und Islam lebten im Jerusalemer Alltag gut zusammen, so die Erfahrung des Priesters. Für ihn lautet eine Grundbotschaft aller Religionen „Fürchtet euch nicht!“. Die Politik aber schüre oft Angst.
„Jeder hat ein anderes Instrument im großen Orchester der Weltreligionen“, meint Wilhelm Bruners, „wenn wir das Niemandsland Gott betreten, ist klar, dass Gott keinem gehört. Es ist immer unser Gott.“
Dann werde alles möglich, fährt der Seelsorger und Erwachsenenbildner fort: das Fragen, das Suchen, das Finden und wieder Verlieren.
Poetisch beschrieben hat Wilhelm Bruners das in seinem Text „gottpsalm“
ich hörte drei menschen von gott reden
und jede hatte ein anderes instrument
und jeder einen anderen text
aber sie hörten aufeinander
und keiner wollte den anderen
überstimmen und keine behauptete
gott zu besitzen
(Auszug aus dem Gedicht gottpsalm in „Niemandsland Gott“)
, erschienen in seinem jüngsten Band „Niemandsland Gott“.
In diesem Werk gehe es ihm um eine eine Art theologia negativa, erklärt Bruners: „Wir wissen über Gott eigentlich nur, was wir erfahren und erleben.“
Der nicht ausgesprochene Gott werde wirksam und teile sich mit über Lebensgeschichten, die sich Menschen erzählen. „Ich begreife mehr und mehr: Gott spricht mich durch die Welt an. Und wir müssen uns bemühen, diese Botschaft zu verstehen.“
Zwischen Religion und Glauben macht Wilhelm Bruners einen Unterschied. Er gebraucht dazu das Bild von Hostie und Monstranz.
Die Hostie – der Glaube – brauche eine Fassung, die Monstranz – die Religion.
Aber diese Fassung könne auch ablenken vom Eigentlichen. „Wir schleppen uns ab an den Monstranzen, aber der Glaube ist eigentlich kinderleicht“, bemerkt der Priester. Glauben, unterstreicht er, können wir wir von den Kindern lernen, wie Jesus selbst sagte.
Wer die Bibel verstehen wolle, müsse umgekehrt denken können. Das habe ihm ein Freund gesagt und Wilhelm Bruners stimmt dem zu. Da gelte es vor allem zu entdecken, dass Gott nicht „oben“ sei.
Auch Papst Franziskus kehre dieses eingefahrene Verständnis um. Etwa wenn er sagt, manchmal sei es notwendig, die Stola gegen eine Schürze zu tauschen.
Mit seinen Gedichten in „Niemandsland Gott“ lädt Wilhelm Bruners ein, sich des eigenen Weges und Standortes in diesem Niemandsland bewusst zu werden. Und sich auf die „alleräußerste Horizontfrage“ einzulassen: Wer steckt dahinter?
Ist der Dichter selbst einer Antwort näher gekommen? „Nein“, sagt er, „die Frage ist größer geworden. Ich empfinde das nicht als Belastung, sondern als Befreiung.“
Er sei eben noch nicht angekommen / unterwegs im Niemandsland Gott