Es besteht häufig ein Leidensdruck, wenn Menschen mit ihren Eltern oder Vorfahren unversöhnt sind“, erzählt Silke Scharf im Gespräch mit dem SONNTAG.
Seit 2004 begleitet die Sozialbetreuerin Menschen auf ihrem geistlichen Weg.
Ihre Ausbildung dazu machte sie im Europakloster Gut Aich (St. Gilgen). Durch ihren Sozialberuf hat Scharf jahrelange Erfahrung in der Begleitung obdachloser Frauen und Kinder.
Die Auseinandersetzung mit den Vorfahren sei wichtig, „weil ich dadurch einen Bezug zu mir und meiner Geschichte bekomme.“
Nicht umsonst gebe es das Gebot „Du sollst Vater und Mutter ehren“. Silke Scharf:
„Es ist wichtig, anzuerkennen, was unsere Eltern in guter Absicht getan haben, auch wenn ich nicht mit allem einverstanden bin.“ Die Beziehung zu den Vorfahren beeinflusse unser Leben in vielfältiger Weise.
„Der Familienstammbaum hat in der geistlichen Begleitung seinen Platz – mit allen Aspekten.
Das Beziehungsgeflecht steht im Vordergrund – Dankbarkeit, Versöhnung und Würdigung können wichtig sein.“
Leben Menschen mit ihren Eltern/Vorfahren unversöhnt, gibt es mehrere Möglichkeiten damit umzugehen, eine davon ist, das Thema in der geistlichen Begleitung anzusprechen.
„Aus meiner Erfahrung ist der erste und oft nicht einfache Schritt anzuerkennen, was ist und es in die Gegenwart Gottes hineinzunehmen. Sich zu sagen: Es darf so sein wie es ist, und zu wissen, dass Gott darauf schaut.“
Es gehe um die Beziehung zu Gott, „darum mein Leben, meine Herkunft in die Gegenwart Gottes zu bringen.“ Es besteht auch die Möglichkeit, sich bei Exerzitien intensiver mit dem Thema zu befassen, „die Eltern und Vorfahren in der Meditation da sein zu lassen, ohne etwas mit ihnen tun zu müssen. Da kann sich etwas lösen und heiler werden“.
Seit 1992 ist Silke Scharf Sozialbetreuerin im Caritas-Mutter-Kind-Haus Immanuel in Wien. „Da sieht man schon die Generationen, wie sich belastende Themen durch die Familiengeschichte ziehen, wie schwer es z.B. für Familien ist vom sozialen Rand wegzukommen.
Ich erlebe auch die Brüchigkeit der Familienstrukturen, wenn Kinder nicht mehr bei den leiblichen Eltern leben können, weil diese mit den Herausforderungen des Elternseins überfordert sind.“ Immer mehr Kinder leben heute in Patchworkfamilien, manche bei Pflege- oder Adoptiveltern.
„Die familiären Beziehungen sind nicht mehr so linear wie früher“, sagt Scharf. Auch die moderne Fortpflanzungsmedizin wirft die Frage nach der persönlichen Herkunft auf.
Bei der Suche nach den familiären Wurzeln gehe es auch um „die Gestaltung der jetzigen Beziehungen. Wenn ich bei diesem Thema sensibel bin, lebe ich meine Beziehungen bewusster“, so Scharf. Zudem werde die Frage berührt: „Wie lebe ich meinen Glauben, und wie haben meine Eltern ihren Glauben gelebt?
Was tragen wir weiter und wo gehen neue Generationen auch neue Wege, werden Traditionen durchbrochen und neu gestaltet?“ Das sei in Familien immer wieder Thema.
Silke Scharf lädt regelmäßig zu „offlinetagen“ für Menschen, die auf der Suche nach Stille und Reflexion sind (Infos unter: www.offlinetage.at)
Mehr über Geistliche Begleitung unter: www.erzdioezese-wien.at/spiritualitaet