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Der Sonntag
15.09.2016

Kirche in bewegten Zeiten: Als die Wege zu den anderen Kirchen geebnet wurden

Interview mit Univ.-Prof. Rudolf Prokschi

 

 

DER SONNTAG: Welche konkreten Schritte auf die anderen Religionsgemeinschaften hin hat Kardinal König in seiner Amtszeit gesetzt?

 

Rudolf Prokschi: Bereits aufgrund seiner Spezialstudien auf dem Gebiet der Religionswissenschaften hatte Kardinal König einen persönlichen Zugang zu den „anderen“, indem er immer das Faszinierende und alle Religionen Verbindende herausarbeitete und grundsätzlich allen Konfessionen und Religionen mit großem Interesse und einer echten Wertschätzung begegnete.

 

Insbesondere seine persönlichen Kontakte zu den Oberhäuptern der verschiedenen Ostkirchen waren damals bahnbrechend.

 

So besuchte er den Ökumenischen Patriarchen Athenagoras 1961 im Phanar (Istanbul), den Patriarchen der Russischen Orthodoxen Kirche 1980 in Moskau und den Papst der Koptischen Orthodoxen Kirche, Shenouda III., in einem Wüstenkloster, wo dieser quasi in Hausarrest festgehalten wurde.


Seine Rede an der islamischen Al Azhar Universität in Kairo (1965) erregte weltweit großes Aufsehen.

 

Er verstand es mit großem Einfühlungsvermögen und entsprechendem Fachwissen, alle diese schwierigen Aufgaben zu meistern und durch die Begegnungen eine Tür für den Dialog mit der Katholischen Kirche aufzustoßen.

 

Der Besuch des Dalai-Lama im November 1973, der als persönlicher Gast des Kardinals in Wien war, wurde damals von manchen Kreisen mit großem Erstaunen wahrgenommen.


Welche Bedeutung hatte sein Engagement in der von ihm 1964, also noch zur Zeit des II. Vatikanischen Konzil, gegründeten Stiftung Pro Oriente?


Rudolf Prokschi: Durch die Gründung der Stiftung PRO ORIENTE – kurz vor der Verabschiedung des Ökumenismusdekrets „Redintegratio Unitatis“ – hat Kardinal König ein klares Zeichen für einen neuen Weg im Verhältnis zu den Ostkirchen gesetzt.

 

Herausragend waren im ersten Jahrzehnt die inoffiziellen Konsultationen mit den Altorientalischen Kirchen, die bereits 1971 zu der sogenannten „Wiener Christologischen Formel“ führte.

 

Nach rund 1500 Jahren der Trennung (seit dem Konzil von Chalkedon 451) konnte bei dieser bedeutsamen Zusammenkunft in Wien-Lainz, eine Kompromissformel gefunden werden, die bei allen teilnehmenden Bischöfen und Theologen Zustimmung fand.

 

Im Klartext: Die Irrlehre des „Monophysitismus“, die diesen christlichen Kirchen (Armenische Apostolische Kirche, Koptische Orthodoxe Kirche, Syrische Orthodoxe Kirche, Äthiopische Orthodoxe Kirche und der Malankarischen Orthodoxen Kirche Südindiens) vorgeworfen wurde, ist nicht mehr aufrecht zu erhalten und deshalb müssen die Konfessionsbücher neu geschrieben werden.

 

Leider hat sich diese bahnbrechende Erkenntnis bis heute noch immer nicht bei allen Bischöfen und Theologen durchgesetzt, obwohl die entscheidende Formulierung Eingang in die offiziellen Dokumente der jeweiligen Kirchen fand.
 
Welchen Einfluss hatte das 1959 von Kardinal König als Treffpunkt von Menschen aus aller Welt in Wien gegründete Afro-Asiatische Institut auf das Verhältnis zu den Weltreligionen?


Rudolf Prokschi: Auf dem Gebiet der Weltreligionen lag und liegt bis heute eine große Bedeutung des von Kardinal König gegründeten Afro-Asiatischen Instituts im unmittelbaren Kennenlernen und in der Begegnung mit Brüdern und Schwestern aus den verschiedenen Religionen.

 

Unzählige Studierende aus der ganzen Welt haben im Laufe der Jahre seit der Gründung in diesem Institut wesentliche Werte wie Toleranz und gegenseitige Wertschätzung kennengelernt, gelebt und weitergetragen.

 

Dass gerade diese Initiative eine bleibende Aktualität besitzt, braucht in unseren Tagen wohl nicht erklärt zu werden.  
 
Speziell mit den Vertretern des Judentums verband Kardinal König eine lebenslange Freundschaft. Welchen Einfluss hatte dies auf die christlich-jüdische Verständigung?


Rudolf Prokschi: Viele Errungenschaften, die für uns heute im Verhältnis zu unseren jüdischen Geschwistern selbstverständlich geworden sind, verdanken wir Kardinal König.

 

Schon während des Zweiten Vatikanischen Konzils war König federführend bei der Erarbeitung der Erklärung zum Judentum. Gemeinsam mit Prälat Österreicher hat er wesentlich dazu beigetragen, dass im sehr belasteten Verhältnis der Christen zu den Juden ein neues Kapitel aufgeschlagen werden konnte, das von den nachfolgenden Päpsten bis in die Gegenwart weitergeschrieben wurde.

 
Ein besonderes Anliegen war ihm auch der Dialog mit den orthodoxen Kirchen des Ostens. Welche Bedeutung hatte er als Architekt einer vatikanischen „Ostpolitik“ im Hinblick auf die Überwindung der Isolation der Kirchen im kommunistischen Machtbereich?

 

Rudolf Prokschi: Begünstigt durch die geopolitische Lage von Wien und durch die Stiftung PRO ORIENTE war Kardinal König ein Wegbereiter für den Dialog mit der Orthodoxie.

 

Unerschrocken überwand  er als erster Kardinal den „Eisernen Vorhang“ und unternahm Studien- und Begegnungsreisen mit Delegationen der Stiftung PRO ORIENTE in verschiedene Sowjet-Republiken und andere Länder des sogenannten Ostblocks, wo es zu ersten Annäherungen der Katholischen Kirche mit der jeweiligen orthodoxen Ortskirche kam.

 

So hatte er eine gewisse Vorreiterrolle in der Überwindung der Isolation der Kirchen im kommunistischen Machtbereich.

 

Auf diesen Reisen – ich durfte als junger Priester an einigen teilnehmen – konnte er seine besonderen Fähigkeiten im Zuhören und im maßvollen und ausgewogenen Gespräch voll zur Geltung bringen und damit Schritt für Schritt ein Vertrauensverhältnis zu den orthodoxen Hierarchen aufbauen, das später zur Aufnahme des offiziellen „Dialogs der Wahrheit“ auf Weltebene führte.


In welchen Bereichen kam Kardinal König trotz allem Bemühen nicht weiter, wo blieben nach seiner Amtszeit offene „Baustellen“?


Rudolf Prokschi: Wenn wir auch in den ökumenischen Bemühungen um die sichtbare Einheit mit der Orthodoxie noch immer nicht unser Ziel erreicht haben und vermutlich auch nicht in absehbarer Zeit erreichen werden, so dürfen wir im Rückblick die großen Errungenschaften der Ökumene der damaligen Zeit, die wesentlich von Kardinal König und seiner herausragenden Mitarbeiterin, Frau Oberin Prof. Christine Gleixner initiiert wurden, nicht kleinreden.

 

Wir können darauf vertrauen und zuversichtlich hoffen, dass beide jetzt von einer anderen Warte aus, sich für die Einheit aller Getauften einsetzen.