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17.02.2017

Das ist doch nicht normal!?!

Dr. Gregor Jansen: Evangeliumsauslegung zum 7. Sonntag im Jahreskeis  (19.2.2017)

 

 

Das Wort zur Schrift

( zum Evangelium zum 7. Sonntag im Jahreskeis Mt 5,38-48)

 

Der Anspruch Jesu in der Bergpredigt ist gewaltig: Seid vollkommen, wie es euer himmlischer Vater ist. Nicht menschliche Kleingeisterei, sondern Gott selbst soll der Maßstab unseres Handelns sein. Nicht Kleinmut, sondern Großzügigkeit. Sogar gegenüber Gegnern und Feinden: Liebt eure Feinde!

 

Das hat nicht nur bei den Zeitgenossen Jesu für Unverständnis und Ablehnung gesorgt. Vermutlich waren viele empört darüber, dass sie die verhassten römischen Besatzer und Unterdrücker nicht nur nicht aktiv bekämpfen, sondern sie sogar lieben und für sie beten sollten. Ist das nicht eine Zumutung?

 

Ja, es ist eine Zumutung, wirklich niemanden von der Liebe als christlicher Grundhaltung auszuschließen. Weder politische Gegner noch staatliche Feinde oder die, die uns persönlich gekränkt und verletzt haben. Gerade die soll ich lieben?


Wenn wir uns umschauen – egal ob in der Politik oder an anderen Schauplätzen – , dann sind aktuelle Auseinandersetzungen oft davon geprägt, dem Gegner nicht nur sachlich zu widersprechen, sondern ihn auch persönlich anzugreifen. Nicht umsonst sprechen wir oft von Konfrontationen und Duellen. Und das Ziel eines Duells ist es nun mal, den Gegner zu vernichten. Oft (nur) rhetorisch, aber wir kennen die Stufen der Eskalation.

 

Wir leben in einer Zeit von Hasspostings, Verleumdungen bis hin zu handfesten Drohungen gegen Andersdenkende. Man bekommt den Eindruck, dass nicht nur die andere Meinung widerlegt werden, sondern der Andersdenkende ausgeschaltet werden soll, bis hin zur physischen Vernichtung. Die Zeiten sind offensichtlich rauer geworden. Und der, der das letzte Wort (oder den letzten Schlag) führt, gilt als stark und siegreich. Er wird vom eigenen Umfeld gefeiert, der Unterlegene dagegen verhöhnt und jeder Würde beraubt.

 

Wenn Jesus von uns heute Feindesliebe verlangt, dann kann das heißen: Den anderen als Person respektieren,auch wenn wir unterschiedliche Meinungen vertreten. Nicht persönlich attackieren, sondern sachlich argumentieren. Vielfalt von Meinungen als Chance sehen, gemeinsam zur besseren Erkenntnis zu gelangen.

 

Kurz: Streiten lernen in einem guten Sinn – als Diskurs, nicht als Duell. Nicht jeden Schwachpunkt des Gegners gnadenlos ausnutzen und auch einmal darauf verzichten, jede Blöße erbarmungslos anzuprangern.

 

Das ist vielleicht naiv und heutzutage sicher alles andere als „normal“. Aber es ist kein Zeichen von Schwäche – im Gegenteil. Seid also vollkommen wie euer Vater im Himmel.

 

 

 

Evangelium

nach Matthäus 5, 38-48

 

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern:

 

Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Auge für Auge und Zahn für Zahn.

 

Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin.


Und wenn dich einer vor Gericht bringen will, um dir das Hemd wegzunehmen, dann lass ihm auch den Mantel. Und wenn dich einer zwingen will, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh zwei mit ihm. Wer dich bittet, dem gib, und wer von dir borgen will, den weise nicht ab.


Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.


Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das nicht auch die Zöllner? Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr damit Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden?

 

Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist.