des heiligen Benedikt
Verleihe mir, ich bitte Dich,
gütiger und heiliger Vater,
einen Verstand, der Dich versteht,
einen Sinn, der Dich wahrnimmt,
ein Gemüt, das an Dir Wohlgefallen findet,
einen Eifer, der Dich sucht,
eine Weisheit, die Dich findet,
einen Geist, der dich erkennt,
ein Herz, das Dich liebt,
eine Seele, die an Dich denkt,
ein Tun, das dich verherrlicht,
Ohren, die Dich hören,
Augen, die Dich sehen,
eine Zunge, die Dich preist,
einen Wandel, der Dir wohlgefällt,
eine Geduld, die Dich erträgt,
eine Beharrlichkeit, die Dich erwartet,
ein vollkommenes Lebensende,
Deine heilige Gegenwart,
eine glückselige Auferstehung
und das ewige Leben. Amen.
Text nach einem Gebet des
heiligen Benedikt von Nursia
(Benediktinerstift Seitenstetten)
Mag. Johannes Jung wurde 2009 zum 71. Abt des Wiener Schottenstifts gewählt. Sein Wahlspruch: „Verbum bonum“ („Gutes Wort“).
Die Klosterregel Benedikts (Regula Benedicti, daher RB) ordnet den Tagesablauf unserer Gemeinschaft nach dem Prinzip des ausgewogenen Verhältnisses von Gottesdienst, Arbeit und geistlichem Studium, bestimmt das Miteinander der Brüder, trifft Vorsorge für bestimmte Aufgaben in der Klostergemeinschaft und begründet all diese Bestimmungen durch die Heilige Schrift“, erzählt Johannes Jung, Abt des Wiener Schottenstifts: „Stück für Stück wird die Regel dreimal im Jahr in der Gemeinschaft vorgelesen und dadurch immer wieder in Erinnerung gebracht.“
Der hl. Benedikt von Nursia verfasste die Regula als Lebensordnung für das von ihm im Jahr 529 gegründete Kloster Montecassino.
Wie in anderen Festlegungen ist die Benediktsregel geprägt von der „Weisheit des Maßes“. Jung: „Die einzelnen Gebetszeiten, ursprünglich sieben je Tag, sind zwar penibel komponiert, erlauben, ja empfehlen sogar Anpassungen auf Grund der jeweiligen Situation der Gemeinschaften.
Auf Grund der Benediktusregel versammeln sich die Mönche (und Nonnen) mehrmals zu den Gebetszeiten; diesem Gottesdienst soll nichts vorgezogen werden.“ Das Gebet endet jedoch nicht mit der liturgischen Feier: auch den übrigen Tagesablauf soll es durchdringen.
„Die Psalmen der Liturgie bzw. einzelne Verse, sind auch bei der Arbeit und beim persönlichen Gebet präsent“, sagt Jung.
„Der hl. Benedikt war ein Mensch, der in der Spur Gottes blieb; einfache Lösungen waren nicht seine Sache“, betont der Schottenabt: „Faszinierend finde ich seine Kenntnis der Heiligen Schrift und die Fähigkeit, sie ins eigene Leben und das seiner Gründungen zu übertragen.
So und durch seine große Menschenkenntnis erkläre ich mir die Ausgewogenheit seiner Regel: keine Übertreibungen oder Einseitigkeiten, aber Bestimmtheit in dem als richtig Erkannten. Und selbst war er stets ein Suchender und Lernender.“
Benediktiner suchen Gott in ihrer Gemeinschaft, die eine „Schule des Dienstes für den Herrn“ sein soll.
Bei der Gottsuche helfen die „monastischen Tugenden“, an erster Stelle das Hören (mit der Aufforderung „Höre!“ beginnt die RB), das den Menschen offen macht für das Sprechen Gottes in sein Herz hinein und bereit, seinen Geboten zu folgen.
„Mit dem Hören hängt das Schweigen zusammen, das dem Wort Gottes im Menschen und in einer Gemeinschaft erst Raum gibt“, sagt Jung: „Die dritte dieser Tugenden, die Demut, lässt den Mönch erkennen, dass er in erster Linie Mensch ist.“
In gesundem Realismus erkennt er die eigenen Stärken und Schwächen und die Notwendigkeit, durch die Demut Jesu erlöst zu werden, die er nun selbst „erlernen“ will.
Jung: „Hinzuzufügen ist, dass diese Tugenden vor Missinterpretationen geschützt werden müssen: Der zu allem und jedem schweigende Mönch, der auch keine Worte findet, wenn etwas gesagt werden müsste, wäre eine monastische Karikatur wie auch jener, der Demut als Kriecherei und Duckmäuserei missversteht.“
Prinzipiell sei der „Geist“ des 6. Jahrhunderts mit dem des 21. Jahrhunderts kaum zu vergleichen. „Bedenkt man aber, dass es Benedikt darum ging, dem suchenden Menschen einen Raum zu eröffnen, in dem er der Stimme Gottes lauschen, ihn loben konnte, und dies nicht alleine tun zu müssen, sondern in einer Gemeinschaft von anderen, die von der gleichen Sehnsucht getrieben sind, dann wäre auch schon die Aktualität der RB für die Gegenwart formuliert“, ist Jung überzeugt: „Um etwas Konkreteres zu sagen, verweise ich auf die Selbstverständlichkeit der Gastfreundschaft im benediktinischen Kloster, die nichts an Bedeutung verloren hat, auch nicht im Zeitalter von Hotels und sicheren Reisemöglichkeiten.
Menschen, die in Ungewissheit leben müssen oder auf der Suche sind, dürfen für gewisse Zeit im benediktinischen Kloster einen Ort erwarten, an dem man sie offen aufnimmt, weil man in ihnen eigentlich Christus erkennt.“
Benediktinisches Charisma lasse sich am besten durch die Anforderungen formulieren, die Benedikt an die Menschen stellt, die in ein Kloster aufgenommen werden wollen: „Man achte genau darauf, ob der Novize wirklich Gott sucht, ob er Eifer hat für den Gottesdienst, ob er bereit ist zu gehorchen und ob er fähig ist, Widerwärtiges zu ertragen“, erzählt Jung: „Offen rede man mit ihm über alles Harte und Schwere auf dem Weg zu Gott (RB 58,7).
Nach einem Jahr der Prüfung wird er aufgenommen und verspreche im Oratorium in Gegenwart aller Beständigkeit, klösterlichen Lebenswandel und Gehorsam (RB 58, 17).“ So wären „Eckpunkte“ eines benediktinischen Charismas gefunden.
Benediktinerinnen und Benediktiner gibt es auf der ganzen Welt. Sie sind in 38 größeren Verbänden zusammengefasst, die bei den Frauen „Regionen“, bei den Männern „Kongregationen“ heißen.
Jung: „Als einigendes Symbol für die ansonsten sehr selbstständigen Gemeinschaften wird ein Abtprimas gewählt, der in Rom residiert und dort die Abtei Sant’Anselmo (mit eigener Hochschule) leitet.“
In Österreich gibt es 16 selbstständige Gemeinschaften von Männern (Abteien bzw. Priorate) und vier von Frauen.