Mit dem Drahtesel ist er hierher geradelt, erzählt Andreas Schätzle, als er zum Interview kommt. Sein bevorzugtes Fortbewegungsmittel – egal ob Sommer oder Winter. Der graumelierte „Tausendsassa“ stammt aus dem deutschen Saarbrücken, lebt aber seit vielen Jahren in Wien, hat hier auch das Priesterseminar besucht.
Seit 2003 arbeitet der Diözesanpriester für Radio Maria, einen Sender, den es seit 20 Jahren in Österreich gibt. Seit 2005 zeichnet er als Programmdirektor verantwortlich. Mit zwei deutschen Priesterkollegen gründete Schätzle die Band „Die Priester“ und spielt in ausverkauften Konzerthallen.
„Meine Eltern haben das Musische immer sehr gefördert“, erzählt Andreas Schätzle, als er zum Interview mit dem SONNTAG ins Medienhaus der Erzdiözese Wien kommt: „Dafür bin ich ihnen sehr dankbar.“
Die Liebe zur Musik, und seine österreichischen Wurzeln – Schätzles Mutter war Wienerin – habe ihn dann auch in die „Musikhauptstadt“ Wien zum Studium – Musik und Theologie – geführt. „Hier ist mir eine neue katholische Welt aufgegangen“, sagt er heute.
Welche Erfahrungen mit der „katholischen Welt“ haben Sie in Wien gemacht?
Ich habe hier in der katholischen Hochschulgemeinde Fuß gefasst, habe den kirchlichen Organismus stärker erfahren als in den Gemeinden in Deutschland.
Dann gab es hier die Erneuerungsbewegungen wie Emmanuel, die Charismatische Erneuerung, die Medjugorje-Bewegung. Das war alles im Aufbruch und es hat mich fasziniert. Und dann habe ich entschieden, nachdem ich hier Heimat gefunden habe, auch in Wien zu bleiben.
Hat der Glaube in Ihrem Leben auch immer schon eine so große Rolle gespielt?
Ich bin, wie man so sagt, kirchlich sozialisiert aufgewachsen. Ich war Ministrant – das haben meine Eltern gefördert. Ich habe auch im Kinder- und Kirchenchor gesungen. Insgesamt hatten wir aber keinen übertriebenen Glauben – eher eben eine lockere Teilnahme am Pfarrleben. Der sonntägliche Kirchgang gehörte aber auf alle Fälle dazu. Und auch das Abendgebet mit uns Kindern, Martinsumzüge, das Sitzen um den Adventkranz, wo wir musiziert haben, das Vorlesen aus der Bibel.
Wie war es mit dem Glauben in der Jugend?
Die Jugendjahre sind sehr konfliktreich mit der Familie und der Schule gewesen. Eine Zeit lang ging ich nicht in die Kirche. Schlussendlich habe ich dann doch Kirche als ein Stück Heimat und Familie erfahren dürfen.
Wie haben Sie Ihre Berufung erlebt?
Langsam haben sich Mosaiksteine zu einem Bild zusammengesetzt. Entscheidend war aber die Begegnung mit einem Freund aus Deutschland, der mich in Wien besucht hat. Er selbst war Seminarist in Mainz und stand kurz vor seiner Diakonweihe.
Wir sind damals über die Donauinsel spaziert und er fragte mich aus dem Nichts heraus: „Was hindert dich eigentlich noch, Priester zu werden?“ Die Frage hat mich getroffen. Denn die Sehnsucht, den Wunsch, Priester zu werden, habe ich ja gespürt. Aber ich dachte, es braucht eine „besondere Berufung“, eine besondere Erfahrung.
Gab es diese dann?
Ich hatte zu diesem Zeitpunkt in meinem Leben schon sehr starke, innige Gotteserfahrungen gemacht und in Bezug auf meine Berufung blieb die Frage: „Darf ich das? Kann ich das?“
Aber die Frage meines Freundes hat in mir eine Türe geöffnet und plötzlich war da nur mehr die große Sehnsucht, der große Wunsch, die große Freude, Priester sein zu wollen. Aufgrund dessen habe ich mich dann entschieden, ins Wiener Priesterseminar einzutreten.
Wie verlief Ihr theologischer Weg ab dem Zeitpunkt der Entscheidung, ins Priesterseminar einzutreten?
Ich hatte eine gute und intensive Zeit. Ich war Praktikant im 10. Bezirk in der Per-Albin-Hansson-Siedlung. Mein Pfarrer war Clemens Abrahamowicz, bei dem ich ganz viel lernen durfte, was pastorale Leidenschaft, aber auch was das Know-How im Hinblick auf das Pfarrleben betrifft.
Danach war ich in Perchtoldsdorf Diakon und habe die Arbeit mit den Schülern, in der Vorbereitung auf die erste heilige Kommunion und die Firmung sehr genossen.
Und dann bin ich in die Pfarre Baden-St. Stephan gekommen und war dort drei Jahre Kaplan. Auch das hat mir viel Freude gemacht. Nach einem Studienjahr in Frankreich begann ich bei der Berufungspastoral in der Erzdiözese Wien zu arbeiten.
Seit 2005 sind Sie Programmdirektor von Radio Maria. Was ist Ihnen wichtig?
Unser Leitsatz heißt: „Allen Menschen zu allen Zeiten an allen Orten das Evangelium verkünden.“
Wir sind also ein Sender der Verkündigung, kein Unterhaltungssender. Und es gehört auch der internationale Charakter dazu – Radio Maria gibt es auf fünf Kontinenten, in 80 Ländern.
Für mich war immer wichtig, die Lebendigkeit der Kirche in den Pfarren, in den Gemeinschaften abzubilden – in Österreich aber auch weltkirchlich –und dadurch Menschen an besonderen Momenten der Kirche teilnehmen zu lassen, an denen sie sonst vielleicht nicht hätten teilnehmen können.
Welchen missionarischen Charakter hat Ihr Sender?
Radio Maria ist nicht in erster Linie ein Radio für fromme Katholiken, sondern ein Instrument, um Menschen heute die Frohe Botschaft zu sagen.
Auch jene, die der Kirche fernstehen und zufällig einschalten, spüren: Da ist eine Gegenwart Gottes, die irgendwie auf ihr Herz wirkt oder ihnen Trost schenkt.
Gerade hier hat Radio Maria auch die Aufgabe, ein Obdach über ihre Seele zu geben. Wir wollen auch den „Kleinen“ eine Stimme verleihen. So haben wir oft Übertragungen aus Gefängnissen, die die Insassen selber gestalten.