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Alexandra Matic, infinito+1
25.01.2019

Das größte Geschenk

Kinofilm „Das größte Geschenk“. Monika Fischer sprach mit dem Regisseur Juan Manuel Cotelo 

 

 

 

Diesen einen Satz wird Juan Manuel Cotelo nie vergessen. Es war 1999, er drehte gerade eine Reportage über jugendliche Verbrecherbanden in Los Angeles und lebte eine Woche lang mit den jungen Kriminellen. Ein 23-Jähriger, der schon acht Menschen ermordet hatte, sagte zu ihm: „Ich habe morden gelernt, indem ich Filme ansah, ich kann mich an keinen einzigen Film erinnern, der mir geholfen hätte, Gutes zu tun.“


Seither achtet der spanische Regisseur und Schauspieler sehr sorgsam darauf, welche Filme er macht. „Es ist eine Ausrede zu sagen: Es ist ja nur ein Film! Wir sind nicht aus Holz und alles, was wir hören und sehen, hat Einfluss auf uns.“


In seinem neuen Film „Das größte Geschenk“, trifft Juan Manuel Cotelo Menschen, die es geschafft haben, sich zu versöhnen, trotz grauenhafter Dinge, die ihnen widerfahren oder die sie selbst getan haben.


Geschichten, die unter die Haut gehen

Der französische Boxer Tim Guénard wurde als Kleinkind von seiner Mutter ausgesetzt, sie band ihn an einer Straßenlaterne fest. Er lebte dann bei seinem Vater, der ihn alle paar Wochen halb tot prügelte. Als Jugendlicher wurde er selbst zum Schläger. Heute hat er Frieden mit seinen Eltern geschlossen und sucht die Vergebung derer, die er verletzt hat.


Irene Villa riss als Kind eine Autobombe der Terrororganisation ETA beide Beine und drei Finger weg. „Ich verstehe jeden, der nicht vergeben kann“, sagt die lebhafte Spanierin, „aber wenn man nicht vergibt, kann man unmöglich glücklich sein. Ich ernte jeden Tag die Früchte der Vergebung.“


In Ruanda sitzt eine Witwe neben dem Mörder ihres Mannes und ihrer sieben Kinder und hält ihm die Hand. Das ganze Land musste nach dem Genozid 1994 wieder zum Frieden finden. Die Witwe hat dem Mörder vergeben und nimmt ihn jeden Sonntag mit in die Kirche: „Damit unsere Herzen heilen.“


Auch in Kolumbien treffen Massenmörder des Bürgerkriegs die Angehörigen ihrer Opfer. In den Augen sieht man den Schmerz. Und eine Sehnsucht danach, dass die tiefen Wunden endlich heilen.  


Es sind eindringliche Geschichten, die Juan Manuel Cotelo uns vor Augen führt, jede berührend, jede gewaltig. Und jede lässt uns mit der Frage zurück: Wie kann man das schaffen?


„Was der Film bei den Zuschauern auslöst, das ist es, worauf es mir ankommt“, sagt Juan Manuel Cotelo bei der Pressevorführung von „Das größte Geschenk“ in Wien. „Erfolgreich ist der Film dann, wenn bei jeder Vorführung zumindest eine Person aus dem Publikum Hilfe erfährt, um zu vergeben oder um Vergebung zu bitten.“


Die ersten Früchte

Das ist schon vor der Premiere des Films passiert, erzählt Juan Manuel Cotelo: „Eines Tages hat mich ein Mann aus einem kolumbianischen Gefängnis angerufen. Er hat sechs Menschen umgebracht. Im Internet hat er den Trailer zu „Das größte Geschenk“ gesehen und danach die Gefängnisaufseher um Erlaubnis gebeten, die Angehörigen um Vergebung zu bitten.“


Seit „Das größte Geschenk“ angelaufen ist, erreichen Juan Manuel Cotelo und sein kleines Team immer mehr Nachrichten von Menschen, denen der Film Anstoß zum Verzeihen war. Ehepaare, die sich versöhnten, Geschwister, die nach einem Streit wieder zueinander fanden.

 

Im SONNTAG-Interview spricht Juan Manuel Cotelo auch über seinen ganz persönlichen Zugang zum Thema.


Gibt es auch in Ihrem Leben eine solche Vergebungsgeschichte?

 

Nicht nur eine, viele! Und es kommen ständig neue dazu. Ich glaube, da bin ich kein Einzelfall, wir alle haben um Verzeihung zu bitten und selbst zu vergeben.

 

In meinem Leben gibt es aber eine Geschichte, die für diesen Film wichtig ist. Ich lernte in Kolumbien einen Mann kennen, der sagte: „Meine Chefs wollen mit Ihrer Hilfe um Vergebung bitten.“

 

Ich fragte: Wer sind deine Chefs? Es waren Männer, die im Bürgerkrieg hunderte, sogar tausende Menschen umgebracht hatten. Ich traf diesen Mann am Sterbtag meines Vaters, der ermordet worden war, als ich 13 Jahre alt war.

 

Ich dachte: Bingo! Schon seit Monaten wollte ich etwas tun, um die Vergebung  zu fördern. Es war so eine vage Idee, wie wenn man sagt: Ich möchte etwas für den Frieden tun. An einen Film hatte ich überhaupt nicht gedacht. Das war für mich ein klares Zeichen, und ich habe keinen Augenblick gezögert.


Glauben Sie, dass man Verzeihen lernen kann?

 

Ja. Ich glaube, wir wissen von Geburt an, wie das geht. Wir wissen, wie man liebt und Liebe empfängt, dafür brauchen wir keinen Kurs. Die Vergebung ist die ganz extreme Manifestation der Liebe, und wir wissen alle, wie das geht. Aber manchmal braucht man dabei Hilfe.

 

Es ist so, wie wenn man aus einer größeren Höhe ins Wasser springt. Da denkt man vielleicht: Ich kann das nicht, ich weiß nicht, wie das geht! Aber du weißt, wie man einen Schritt setzt. Tu es einfach, mehr braucht es nicht. Die Bremse ist im Kopf und entsteht immer dann, wenn wir zu viel denken: Wer soll zuerst vergeben usw.. Aber: Tu es einfach!


Was macht das mit uns, wenn wir vergeben?

 

Wir alle haben schon erfahren, was es mit uns macht, wenn wir nicht vergeben. Kurz gesagt: Wir verlieren dann den Frieden. Die Vergebung gibt dir den Frieden wieder.

 

Manchmal kann man das, was dir angetan wurde, nicht mehr gut machen. Aber ich kann dich um Vergebung bitten, und du kannst mir vergeben. Das bedeutet nicht, dass es ungeschehen gemacht wird, aber wir beide können den Frieden, den wir verloren haben, wiederfinden.

 

Das gilt für jede Verletzung. Ich glaube, das ist schwierig zu verstehen, man kann es nur erfahren. Die Vergebung ist  ein Akt der Liebe und man kann die Liebe nicht intellektualisieren.

 

Die Liebe ist viel stärker als unser Verstand und mit der Vergebung ist es das gleiche. Die Personen, die nicht vergeben können, „behirnen“ das alles zu viel. Denk nicht soviel nach, tu es einfach!

 

Was erhoffen Sie sich von Ihrem Film?

 

Dass er Wunden schließt. Auf unserem Filmplakat sieht man eine Hand mit einer langen Narbe, es ist eine geschlossene Wunde. Ich weiß heute, dass es Wunden gibt, die sich schließen, ich kenne viele Geschichten.


Am 24. Dezember war ich mit meiner Familie im Spital, um für die Kranken zu singen. Ein Mann hat mich erkannt, kam auf mich zu und umarmte mich. Er erzählte mir: „Ich habe den Film schon drei Mal gesehen. Das erste Mal alleine. Das zweite Mal mit meiner Schwester, mit der ich davor viele Jahre nicht geredet hatte. Und das dritte Mal mit meinem Bruder, zu dem ich auch lange Zeit keinen Kontakt hatte. Dank dieses Films sind wir eine neue Familie.“ Ich denke, das ist es. Und wenn es noch mehr Geschichten wie diese gibt, dann wäre das wunderbar.