Es soll noch immer Menschen geben, sogar Staatschefs, die die Tatsache des Klimawandels leugnen oder ihn ignorieren wollen. Doch besitzt die Wissenschaft hinsichtlich des Klimawandels seit Jahren „genug Fakten und Daten“, sagt die Meteorologin Helga Kromp-Kolb im Gespräch mit dem SONNTAG.
Wie man mit dem Klimawandel umgeht, das kann aber sehr wohl eine Glaubens-Frage im richtigen Sinn sein.
Kromp-Kolb: „Durch unsere Art so zu leben haben wir den Klimawandel verursacht. Dass der Klimawandel Menschenleben kostet, dass er vielen Menschen die Existenzgrundlagen nimmt, dass sie fliehen müssen, all das verursachen wir mit unserem Lebensstil.
Da spielt der Glaube sehr wohl eine Rolle: Wie verstehe ich die Verantwortung des Menschen?“ Die langjährige Professorin an der Universität für Bodenkultur (Boku) spricht am 13. März bei den „Theologischen Kursen“ in Wien darüber, was der Einzelne angesichts des Klimawandels tun kann.
Wann und wie haben Sie vor Jahren erstmals auf den Klimawandel reagiert?
Im Rahmen der meteorologischen Ausbildung lag damals das Schwergewicht auf den Paläo-Änderungen, also auf den Folgen der Eiszeiten. Erst in den 1980er Jahren ist klar geworden, dass im Bereich des Klima etwas im Gange ist. Damals war wissenschaftlich noch nicht eindeutig nachweisbar, dass da ein Einfluss des Menschen vorhanden ist.
Bei einer berühmten Konferenz in Villach erging damals ein erster Appell an die Politiker: Achtung, da ist etwas im Entstehen und da tut sich etwas. Wenn man bedenkt, dass das jetzt schon etwa 40 Jahre her ist, dann sieht man, wie langsam die Politik und die Gesellschaft reagiert haben.
Ist dann unser Klima überhaupt noch zu retten?
Es geht eigentlich um die Rettung der Zivilisation und des geordneten Zusammenlebens der Menschen. Ein stabiles Klima ist eine Voraussetzung dafür. Wir haben gar keine Wahl. Sollen wir sagen: Egal, wir gehen auf den Abgrund zu, auch wenn dann die nächste Generation keine Zukunft mehr hat?
Wir müssen alles tun, was notwendig ist, damit das Klima noch stabilisiert werden kann. Es sind die 1,5 Grad Temperaturerhöhung gegenüber dem vorindustriellen Niveau noch einhaltbar, aus rein wissenschaftlicher Sicht. Jetzt geht es darum, dass wir es auch gesellschaftspolitisch schaffen.
Was kann ich als Einzelner konkret tun?
Es ist der Einzelne gefragt und es ist die Politik gefragt. Die Politik muss Rahmenbedingungen schaffen, damit es dem Einzelnen leicht fällt. Tut es die Politik nicht, kann der Einzelne trotzdem viel tun.
So kann man im Bereich des Konsums zurückstecken, dass man also nicht alles kauft, was einem ins Auge sticht. Ständiger Konsumzwang ist nicht nachhaltig. Bei der Ernährung kann man darauf achten, dass man vermehrt regionale, saisonale und biologische Produkte kauft und auch weniger Fleisch konsumiert.
Es geht auch darum, dass wir aktive Mobilität betreiben, also zu Fuß gehen, mit dem Rad fahren oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Das ist in der Stadt leichter als auf dem Land. Dort geht es darum, dass man mit dem Auto zu den öffentlichen Verkehrsmittlen fährt oder sich dafür einsetzt, dass auch auf dem Land andere Lösungen gefunden werden.
Im Wohnbereich beginnt das Energie-Reduzieren mit dem Licht-Abdrehen, wenn man es nicht braucht bis hin zu den Bereichen, wo man Wasser erwärmt, also Dusche, Badewanne oder das Kochen. Oder bei der Wärmedämmung der Häuser, angefangen von den dichten Fenstern bis hin zu erneuerbarer Energie.
Sind uns die Folgen des Klimawandels bewusst?
Eher nicht. Es fehlt den meisten von uns noch die Vorstellungskraft, in welche Bereiche der Klimawandel hineinwirkt. Wenn wir uns das konkret ausmalen, dann ist das oft so beängstigend, dass man da nicht gerne weiterdenkt.
Wenn man nicht selbst erlebt, dass nach Unwettern der Bach durch das eigene Haus strömt, dann ist das alles nicht vorstellbar. Gleichzeitig wollen wir nicht Panik erzeugen, die schlussendlich zu einer Starre führt.
Es geht zum einen darum, diese Folgen emotional erlebbar zu machen, und zum anderen gleichzeitig zu zeigen, dass das, was man tun muss, viele positive Aspekte hat, etwa für die Gesundheit oder für das Zusammenleben. Also Auswirkungen, die man selber sofort spürt und nicht erst das Enkerl.
Warum ist nachhaltiges Handeln notwendig?
Wenn man die Welt so sieht, wie Biologen sie gerne sehen, den Menschen also als eine unter vielen Spezies betrachtet, die derzeit ihre Lebensgrundlagen ruiniert und dann wird sie irgendwann weg sein, dann ist das eine Sichtweise, die nicht dem entspricht, was wir an Ansprüchen an den Menschen stellen.
Wir nennen uns homo sapiens sapiens, also besonders weise, und außerdem besitzen wir etwas, was wir Ethik nennen, das Gefühl, Verantwortung zu tragen.
Wenn wir weiterhin nicht nachhaltig leben in den Industrienationen, dann haben wir tatsächlich Menschenleben auf dem Gewissen. Und das allein ist ein Grund, nachhaltig zu leben.
Papst Franziskus spricht seit Jahren von der ökologischen Verantwortung der Katholiken. Haben die Umweltsünden den Stellenwert, den sie verdienen? Der Papst sagte, dass er beim Beichtehören selten erlebe, „dass jemand beichtet, er habe der Natur, der Erde, der Schöpfung Gewalt angetan“...
Sie haben noch nicht diesen Stellenwert. Wir trennen immer noch in „Wir“ und die „Umwelt“. Wir sind in Wirklichkeit ein Teil dieser sogenannten „Umwelt“ und die „Umwelt“ ist ein Teil von uns.
Der biblische Auftrag „Macht euch die Erde untertan“ ist eigentlich ein Appell, die Erde zu schützen, zu behüten, zu pflegen und vorsichtig mit ihr umzugehen.
Papst Franziskus hat hier schon sehr viel bewegt, auch mit seiner Enzyklika „Laudato si“.
Welche ökologische Vorreiterrolle erwarten Sie sich von der Kirche?
So wie jemand mit der Ökologie, mit der Umwelt umgeht, so ist dies für mich auch ein Test, wie ernst jemand seinen Glauben nimmt.
Die christliche Religion enthält viel von dem, was konträr ist zu dem, wohin sich die Welt heute entwickelt hat. Jetzt ist der Weckruf da, jetzt steht er in „Laudato si“, es wird darüber gepredigt. Wenn ich also das jetzt nicht wahrnehme, dann ist es mit der Ernsthaftigkeit meines Glauben nicht weit her. Die christlichen Kirchen hätten da eine Führungsrolle, sie nehmen sie aber noch nicht genügend wahr.