Zwischen der Kommunalpolitik im 1. Wiener Gemeindebezirk und den dort ansässigen Kirchen und Religionsgemeinschaften besteht ein lebendiger Austausch und vielfältige Kooperationen zugunsten des Gemeinwohls: Das war der Tenor eines Diskussion im Rahmen der "Langen Nacht der Kirchen", bei der sich der Bezirksvorsteher von Wien-Innere Stadt, Markus Figl (ÖVP), seine Stellvertreterin Mireille Ngosso (SPÖ) und Redemptoristenpater Lorenz Voith am Freitagabend, 24. Mai 2019 in der von Ordensgemeinschaften und Erzdiözese Wien eingerichteten "Gesprächsinsel" auf der Wiener Freyung dem Publikum stellten.
Die Beteiligung der Kirchen am gesellschaftlichen Leben sei wichtig, "da sie leisten, was der Staat nicht erfüllen kann", betonte Bezirksvorsteher Figl. Die Politik könne materielle Bedürfnisse befriedigen, doch nur wenig zu Seelenheil und Moral beitragen. "Es ist gut, dass Kirchen hier einen Kompass liefern und der Gesellschaft somit wirklichen Zusammenhalt geben", sagte der VP-Politiker. Unverzichtbar sei auch die soziale Rolle, die kirchliche Einrichtungen erfüllten; Figl nannte hier als Beispiele die Gesprächsinsel, die mit ihrem Angebor Anknüpfungspunkte schaffe und der Vereinsamung von Menschen entgegenwirke, Armenausspeisungen, die Förderung von Gemeinschaft in den Pfarren, jedoch auch das "vorbildhafte gelebte Miteinander der Konfessionen untereinander".
Mirelle Ngosso verwies auf die Zusammenarbeit mit den Kirchen in der Unterstützung älterer Menschen im Rahmen von Besuchsdiensten. "Im 1. Bezirk leben 16.000 Menschen, und wir müssen gemeinsam schauen, wenn sich jemand zurückzieht. Der Bezirk wird irgendwann aussterben - da es angesichts der hohen Mietpreise für jüngere Menschen schwierig ist, hierher zu ziehen." Die Politik sei um die Forcierung des sozialen Wohnbaus bemüht, und auf die sieben Gemeindebauten innerhalb des Rings sei man stolz. "Doch auch in der Inneren Stadt gibt es Menschen, denen es nicht so gut geht. Es ist nicht nur ein reicher Bezirk - und es ist gemeinsamer Auftrag, ihn lebenswert zu gestalten."
Auf eine getrennte, "nicht verwechselbare" Geschichte von Kirche und Politik und die verschiedenen Zielsetzungen beider Bereiche wies Pater Voith hin. Religion versuche vorrangig Werte zu vermitteln, "auch in die Politik, die soziale Dimension und in Kunst und Kultur hinein". Auf den Punkt gebracht, so der Gesprächsinsel-Leiter: "Wir sind gute Partner, aber haben andere Aufträge." Querverbindungen gebe es jedoch viele, aktuell etwa bei der Europawahl, für welche auch die Kirche fernab von Parteipräferenzen mobilisiere: "Die Kirche ist eine der absolut größten Unterstützer eines gemeinsamen Friedensprojekts Europas und betont, dass wir dieses fördern müssen", stellte Voith klar. Grund dieses Engagements sei die eigene nicht nationale, sondern internationale Verfasstheit.
Beide anwesenden Politiker bezeichneten sich bei der "Langen Nacht"-Veranstaltung als praktizierende Christen: Markus Figl gab an, der christliche Glaube spiele für ihn eine "starke Rolle", sei eine "Kraftquelle" und liefere ihm auch in den politischen Entscheidungen einen "Kompass, nach dem ich mich richten kann". Wegweisend sei für ihn dabei die Gemeinwohllehre in der katholischen Soziallehre - "stets bei subjektiven Einzelanliegen mitzudenken, was das beste für die Gemeinschaft insgesamt ist". Er selbst gehöre der Dompfarre St. Stephan an, wo auch seine Kinder getauft wurden, "und wenn die Pfarrgemeinderats-Wahlen sind, finde ich das lustig, dass dann ich einmal andere wählen darf".
Ebenso erklärte jedoch auch Mirelle Ngosso, in ihrem Geburtsland Kongo und später in Österreich mit dem Glauben groß geworden zu sein. "Es gibt viele gläubige Politiker, doch viele outen sich nicht. Ich verstecke das nicht, sondern bin stolz darauf." Ihre Parteizugehörigkeit bezeichnete sie als auf einer Linie mit dem Glauben: "Das Einstehen für andere Menschen, den Einsatz für Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit und gegen Ungerechtigkeit gibt es sowohl in der Kirche als auch in der Sozialdemokratie, da gibt es keine Diskrepanz." Reibeflächen existierten etwa bei den Themen Scheidung oder Homosexualität, da habe die Kirche "noch ein wenig Aufholbedarf", meinte die SPÖ-Politikerin. Beheimatet ist die Bezirksvorsteher-Stellvertreterin in der frankophonen Gemeinde in der Canisiuspfarre im 9. Wiener Gemeindebezirk.
Ein Beispiel für die vielfältigen sozialen Aufgaben der Kirche lieferte bei der "Langen Nacht" in der Gesprächsinsel der "Verein für Integrationshilfe", der sich seit den 1970er-Jahren um Haftentlassene kümmert. "Sie wurde gegründet von einem Priester, der sich dem Problem widmete, dass viele Entlassene sehr schnell wieder im Gefängnis landen - oft deshalb, da sie keine Wohnung gefunden haben", berichtete der Leiter der diözesanen Einrichtung, Wolfgang Püls. Mit einem kleinen Team aus Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen, einer Beratungsstelle, einem Wohnheim und Startwohnungen werden Haftentlassene zurück in die Gesellschaft in ein eigenständiges Leben begleitet.