Verinnerlichte Hektik und mühsamer Alltagsstress lassen sich an diesem Kraftort wunderbar abstreifen. Weingärten und Rebstöcke kennzeichnen die sanft-hügelige Landschaft ringsum. Von der Bergkuppe reicht der Blick ins Retzerland und nach Südmähren. Die reine Luft kann man beim Radfahren tanken – was viele auf dem Weg hierher tun.
„Einer der schönsten und beliebtesten Kraftplätze Niederösterreichs liegt ganz im Norden des Weinviertels, in der unmittelbaren Umgebung von Retz und haarscharf an der tschechischen Grenze“, beschreiben Gabriele Lukacs und Robert Bouchal diesen Ort im Buch „Kraftorte in Niederösterreich“.
Wir besuchen den Heiligen Stein in Mitterretzbach und wollen diesen besonderen Kraft- und Wallfahrtsort erkunden.
Hier, auf der Anhöhe des Manhartsberges, liegt, seit uralter Zeit etwas Merkwürdiges im Gras: ein großes, blockartiges, graues Steingebilde aus Granit mit elf schalenförmigen Vertiefungen. In einigen der Schalen steht Wasser und die Sonne spiegelt sich darin. Dem Wasser wird heilende Kraft nachgesagt. Tatsächlich, eine wohltuende Ruhe liegt über dem Ort.
Der Heilige Stein von Mitterretzbach gilt als einer der schönsten Schalensteine Österreichs und stammt vermutlich aus der Jungsteinzeit (etwa 7.000 v. Chr.). Wie es zur Ausbildung der Schalen kam, ob von Menschenhand gefertigt oder auf natürlichem Weg entstanden, ist unklar.
Eine Legende erzählt, der hl. Wolfgang sei bei seinen Wanderungen hier vorbei gekommen und habe mit seinem Hammer gegen den „Heidenstein“ geschlagen. So seien die Schalen entstanden, in denen sich später Wasser ansammelte. Der Heilige segnete das Wasser und es wurde wundertätig.
Ganz in der Nähe befinden sich noch zwölf Steinkugeln, sieben davon eine Reihe- und fünf einen Kreis bildend. Auf dem gesamten Areal sind Granitsteine verstreut. Sie könnten Teil einer Kultanlage gewesen sein: „Ein Steinkreis oder ein Observatorium wären denkbar, ist es doch sicher kein Zufall, dass die Bergkuppe nach Osten, zum Sonnenaufgang, freien Blick gewährt“, meinen Robert Bouchal und Gabriele Lukacs.
„Dass der Kultstein bis zum heutigen Tag unversehrt die Zeiten überdauert hat, verdanken wir einem weitsichtigen Abt von Lilienfeld. Er rettete den Stein vor der Zerstörung bei der Christianisierung und Umfunktionierung des Platzes zu einem Marienheiligtum mit dem Argument, dass dann die Kapelle ,Maria zum Stein‘ nicht mehr so heißen könnte und die Wallfahrten möglicherweise ausbleiben könnten“, erklären die Heimatforscher.
Einer einheimischen Chronik nach wurde 1647 Veit Priesler, der sich nur noch mit Stöcken fortbewegen konnte, geheilt, nachdem er sich mit dem Wasser einer nahe beim Heiligen Stein gelegenen Quelle gewaschen hatte. Er ließ einen Brunnen errichten und das Wasser daraus brachte zahlreichen Kranken Heilung.
Ein beim Heiligen Stein wohnender Eremit soll das „Marienwasser“ genannte Quellwasser bis Znaim und ins 30 Kilometer entfernte Roseldorf gebracht haben.
Den Chroniken von Stift Lilienfeld zufolge pilgerten bald tausende Menschen zu dem neuen Wallfahrtsort „Unserer Lieben Frau am Stein“. 1650 wurde über der Quelle die Kapelle „Maria am Stein“ errichtet.
Um den Pilgerstrom zu bewältigen, begann man 1750 mit dem Bau einer großen Wallfahrtskirche. Diese ließ Kaiser Joseph II. aber schon 1785 wieder schließen und abtragen. Es sollen „einige Wagenladungen voller Krücken und anderer Gehhilfen abtransportiert worden sein“ wie Robert Bouchal und Gabriele Lukacs berichten.
Schade, dass die wunderbare Quelle nicht mehr zugänglich ist und unter einem Brunnendeckel verborgen fließt. Die kleine Kapelle „Maria am Stein“ kann jedoch heute noch besucht werden. Alljährlich findet hier Ende Juni das „Gebet an der Grenze“ statt, bei dem sich österreichische und tschechische Katholiken in freundschaftlicher Verbundenheit treffen.
Die Fundamente der alten Wallfahrtskirche wurden 1995 freigelegt. Sie sind heute – wie auch der Heilige Stein – von einem halbelliptischen Aussichtssteg am Gelände ganz wunderbar zu überblicken.