Dunkel, kalt und schnörkellos präsentiert sich für viele von uns der Jänner. Die Weihnachts-Feiertage und die freien Tage Ende Dezember scheinen eine halbe Ewigkeit weit weg. Die Neujahrsvorsätze haben sich längst als nicht alltagstauglich erwiesen. Der Alltag hat uns also auch im neuen Jahr wieder.
Ehrlicherweise muss man aber zugeben, dass Alltag, dass tägliche Routinen zum Leben dazu gehören. Damit sich der Winterblues also nicht zu sehr auf unser Gemüt schlägt, ist es wichtig, dass wir den – oftmals auch nur kleinen – Freuden im Alltag einen entsprechenden Platz einräumen.
„Freude, das wohlige Gefühl als Reaktion auf ein schönes Erlebnis, sollte im Alltag jedes einzelnen vorkommen – auch wenn sie durchaus nicht alltäglich sein sollte“, sagt dazu Brigitte Ettl, Psychotherapeutin und Coach im Gespräch mit dem SONNTAG: „Freude soll vielmehr besondere Momente herausheben aus der unmerklichen Vergänglichkeit. Freude macht Augenblicke erinnernswert und bestimmte Erfahrungen kostbar und wertvoll.“ Und das Leben damit lebenswerter.
Aber kann man es eigentlich lernen, Freude im Alltag zu finden? Und wenn ja: Wo und wie sollten wir mit unserer Suche beginnen?
„Da jede und jeder von uns einmalig und einzigartig ist, unterscheiden sich auch die Anlässe der Freude“, sagt Brigitte Ettl: „Für den einen ist es das Lachen seines Kindes, für den anderen der Genuss eines schönen Musikstücks, für andere wieder anerkennende Worte.“ Wichtig sei es deswegen, sich immer wieder die Zeit zu nehmen, in sich hineinzuhören, Erlebtes zu reflektieren, aufmerksam durchs Leben zu gehen und so herauszufinden, was uns mit Freude erfüllt.
„Wenn wir wissen, was uns wichtig und wertvoll ist, kennen wir auch mögliche Quellen unserer Freude und können die auch bewusst anzapfen. Das ist gerade in Phasen wichtig, die uns vor besondere Herausforderungen stellen.
Kleine Freuden können da zu hilfreichen Mutmachern werden, die uns das Durchhalten ermöglichen. Kleine Freuden nähren ja auch die Hoffnung auf bessere Zeiten.“
Gerade auch unser Glaube kann bei der Suche nach den kleinen Freuden im Alltag eine gute und zielführende Hilfe sein. „Freude ist ja generell in der Bibel ein großes Thema“, erinnert Brigitte Ettl in diesem Zusammenhang: „Sie ist Ausdruck der Liebe Gottes, in der sich gläubige Menschen geborgen wissen. Diese tiefe Freude nährt das Urvertrauen und ist letztendlich das Fundament aller kleineren alltäglichen Freuden.“
Und kann man sagen, wie viel Freude im Alltag sein muss, damit es uns gut geht? Oder anders gefragt: Übertreibt unsere Gesellschaft, wenn sie Freude als so etwas wie das einzig Wichtige im Leben vermittelt? Wenn nur Freude dem Leben Sinn zu geben scheint?
„Schon meine weise Großmutter hat immer gesagt: Immer schön ist nie schön!“, sagt Brigitte Ettl: „Und Sinn kann ich natürlich nicht nur durch Freude erfahren, das sollte mir auch bewusst sein. Sinn kann ich etwa auch erfahren, wenn es mir gelingt, schwierige, schicksalshafte Situationen gut zu bewältigen.“ Die Freude komme da dann unter Umständen ganz automatisch dazu.
Generell müsse man sagen: „Jeder psychisch gesunde Mensch kann Freude empfinden. Wenn allerdings die dunkle Wolke der Depression die Seele überschattet, dann geht diese Kraftquelle für einige Zeit verloren. Leben ohne Freude funktioniert, kostet aber viel mehr Kraft.“
Tatsächlich sei es auch so, dass ein Zuviel des Guten ins Negative kippen kann. „Meiner Ansicht nach hilft hier die Unterscheidung zwischen tief empfundener Freude und oberflächlichem Spaß, der natürlich auch sein darf und sein muss, aber alles mit Maß und Ziel“, sagt Brigitte Ettl: „Freude werde ich dann empfinden, wenn Werte berührt sind, die mir wirklich wichtig sind. Spaß ist, so ehrlich sollte man zu sich sein, oft eigentlich die Ablenkung von Wesentlichem.“
Aber was, wenn wir die Freude so gar nicht finden können? Was sollten wir dann tun? „Wenn einem Menschen die Fähigkeit, Freude zu empfinden, nachhaltig abhanden gekommen ist – trotz diverser Versuche, sich von den dominierenden Belastungen abzulenken, empfehle ich den Weg in die Therapie“, so Brigitte Ettl: „Dann ist die Gefahr nämlich groß, dass sich eine Depression, eine psychische Krankheit, entwickelt hat. Doch das ist kein Schicksal, mit dem man sich für den Rest des Lebens abfinden muss: Depressionen sind gut behandelbar und dann wird die Lebensfreude wieder spürbar.“