Wiener Historiker Thomas Prügl über Konzilien, Weltkirche und die unterschätzte Bedeutung lokaler Synoden.
Mehr als sechzig Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil wird in kirchlichen Debatten immer wieder die Frage gestellt, ob nicht ein drittes Vatikanisches Konzil notwendig wäre. Der Wiener Kirchenhistoriker Thomas Prügl sieht dafür derzeit keine Grundlage. „Das dritte Vatikanum sehe ich nicht am Horizont“, erklärte er im Interview mit der Wiener Kirchenzeitung „Sonntag“ anlässlich der Tagung der Gesellschaft für Konziliengeschichtsforschung in Wien.
Prügl begründet seine Einschätzung mit einer nüchternen Analyse der weltkirchlichen Lage. Die Forderung nach einem neuen ökumenischen Konzil werde vor allem in Europa laut, wo sich die Kirche in einer tiefgreifenden strukturellen und kulturellen Krise befinde. Diese Perspektive sei jedoch nicht ohne Weiteres global übertragbar. In vielen afrikanischen oder lateinamerikanischen Ländern stelle sich die Situation der Kirche völlig anders dar. Während man in Europa Reformbedarf diskutiere, seien andernorts Wachstum, Evangelisierung und gesellschaftliche Präsenz die prägenden Themen. Ein ökumenisches Konzil setze jedoch eine weltweite Problemwahrnehmung voraus, die gegenwärtig nicht erkennbar sei. Zugleich betont der Historiker die bleibende Aktualität des Zweiten Vatikanischen Konzils von 1962 bis 1965. Dieses Konzil habe theologisch eine Fülle von Impulsen gegeben, die noch längst nicht ausgeschöpft seien. Die Kirche sei weiterhin damit beschäftigt, die Konzilstexte in ihrer Tiefe zu erschließen und praktisch umzusetzen. Statt nach einem neuen Großereignis zu rufen, sei eine intensivere Rezeption der bestehenden Dokumente notwendig. Die ekklesiologischen, liturgischen und pastoralen Grundlinien des 20. Jahrhunderts böten genügend Orientierungspotenzial für die Gegenwart.
Ein zentrales Anliegen Prügls ist darüber hinaus die Wiederentdeckung der sogenannten Partikularkonzilien. Neben den einundzwanzig ökumenischen Konzilien habe es seit den Anfängen des Christentums eine kaum überschaubare Zahl lokaler Synoden gegeben. Diese Versammlungen in Diözesen oder Kirchenprovinzen seien für die konkrete Gestalt der Kirche oftmals entscheidender gewesen als die großen Weltkonzilien. Während letztere wie markante Gipfel in der Geschichtsschreibung erscheinen, seien es die regionalen Synoden gewesen, in denen disziplinäre, pastorale und dogmatische Fragen kontinuierlich bearbeitet wurden.
Bereits vor dem Konzil von Nizäa im Jahr 325 existierten im Osten zahlreiche Synoden, die sich mit trinitarischen Streitfragen oder mit der Festlegung des Osterdatums beschäftigten. Diese Beratungen zeigen, dass synodale Entscheidungsprozesse kein modernes Reforminstrument darstellen, sondern tief in der frühkirchlichen Praxis verwurzelt sind. Schon die Apostelgeschichte schildert gemeinsame Beratungen und kollegiale Entscheidungsfindungen. Synodalität ist somit kein zeitgeistiges Konzept, sondern Ausdruck kirchlicher Gemeinschaftsstruktur.
Besondere Aufmerksamkeit widmet Prügl dem Wiener Provinzialkonzil von 1858. Das 19. Jahrhundert wird häufig als Epoche des Ultramontanismus beschrieben, also als Phase starker päpstlicher Orientierung gegenüber liberalen und nationalstaatlichen Strömungen. Gleichzeitig erlebten viele Länder nach einer längeren Unterbrechung eine Wiederbelebung von Provinzialkonzilien. In Österreich spielte dabei das Konkordat von 1855 eine entscheidende Rolle, das die Beziehungen zwischen Staat und Kirche neu regelte.
Der damalige Wiener Fürsterzbischof Joseph Othmar von Rauscher nutzte diese neue Rechtslage, um die Stellung der Kirche innerkirchlich zu festigen. Das Provinzialkonzil von 1858 griff zentrale Fragen des kirchlichen Lebens auf. Besonders bedeutsam waren Regelungen zum Eherecht, da durch das Konkordat auch zivile Eheangelegenheiten nach kanonischem Recht behandelt werden konnten. Diese Kompetenzverschiebung führte zu Spannungen mit liberalen Kreisen der Bevölkerung. Darüber hinaus wurden Bestimmungen zur Lebensführung des Klerus, zur Sakramentenpraxis und zur Sonntagsheiligung erlassen. Viele Texte gingen inhaltlich direkt auf Kardinal Rauscher zurück, was den starken Einfluss einzelner Bischöfe auf die Ausrichtung ihrer Ortskirche verdeutlicht. Für Prügl zeigt dieses Beispiel, dass kirchliche Entwicklung nicht ausschließlich in Rom entschieden wird. Reform, Profilbildung und pastorale Weichenstellungen entstehen vielfach auf regionaler Ebene. Die großen ökumenischen Konzilien markieren wichtige theologische Wegpunkte, doch das alltägliche kirchliche Leben wird in Diözesen und Kirchenprovinzen gestaltet.
Vor diesem Hintergrund erscheint die Debatte um ein drittes Vatikanum aus historischer Perspektive relativiert. Die Kirche verfüge bereits über ein reiches konziliares Erbe, dessen Rezeption noch längst nicht abgeschlossen sei. Die Herausforderung bestehe weniger in der Einberufung eines neuen Weltkonzils als in der vertieften Auseinandersetzung mit bestehenden Beschlüssen und in einer lebendigen synodalen Praxis vor Ort. Genau dort, so legt Prügl nahe, entscheidet sich die Zukunft der Kirche.