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29.08.2013

Suche nicht den ersten Platz!

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium am Sonntag, 1. September 2013.

"Jeder, der sich nach oben drängt, wird sich unten wieder finden. Und jeder, der sich unten einstuft, wird nach oben kommen." So übersetzt Klaus Berger, ein bekannter Bibelwissenschaftler, den Kernsatz des heutigen Evangeliums. Im O-Ton Jesu: "Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden."

 

Anlass für diese Lebensregel Jesu ist eine Beobachtung, die er bei einem Gastmahl macht, zu dem er selbst eingeladen war. Es gab da offensichtlich ein Gedränge um die Ehrenplätze. Wir kennen das alle aus verschiedenen Anlässen: Wer sitzt vorne? Wer gehört zu den Wichtigen? Solchem Gerangel haftet immer auch etwas Lächerliches und Peinliches an. "Sehen und gesehen werden!" Und möglichst in den "Seitenblicken" vorkommen!

 

Aber geht es ohne ein gewisses Vordrängen? Ist die Lebensregel Jesu lebbar? Wenn du dich von vornherein hinten anstellst – wirst du dann nicht einfach übersehen? Jesus erteilt eine Lehre in Sachen Demut. Mach dich nicht wichtig! Suche nicht den Vorrang! Bleib bescheiden! Vielleicht kommt dann der Gastgeber und sagt zu dir: "Mein Freund, rück weiter hinauf!" Sicher hat Jesus recht: "Das wird für dich eine Ehre sein vor allen anderen Gästen."

 

Aber spielt das Leben so? Zweifellos ist es besser, wenn Karriere, Erfolg, Aufstieg nicht auf die eigenen Ellbogen zurückzuführen sind. Sicher ist es ein gutes Zeichen, wenn man von anderen befördert wird, weil sie einen schätzen, die Qualitäten und Fähigkeiten erkennen, und man so "höher rückt". Aber muss man nicht selber auch etwas dazutun? Verurteilt Jesus jeden Ehrgeiz? Dürfen wir nicht nach Erfolg und Aufstieg streben? Macht gar echtes Christsein lebensuntüchtig?

 

Was wollen gute Eltern für ihre Kinder? Dass sie "im Leben etwas werden". Dass sie es zu etwas bringen. Aber geht das, wenn man dazu erzogen wird, sich immer hinten anzustellen? Doch fragen wir einmal anders herum: Was heißt es denn, "im Leben etwas zu werden"? Geht es da zuerst darum, möglichst viel Geld zu verdienen? Möglichst mächtig zu werden? Ist eine gute Erziehung nicht zuerst darauf ausgerichtet, ein guter Mensch zu werden? Wichtiger als die Karriere ist das Können. Nicht der Erfolg zählt zuerst, sondern die Tüchtigkeit. Was hilft ein steiler Aufstieg, wenn dahinter kein guter Charakter, kein wirkliches Können steckt?

 

Jesus mahnt zur Bescheidenheit, nicht zur Untüchtigkeit. Er rät nicht vom Erfolg ab, sondern vom Wichtigtun. Als Handwerker, als Zimmermann wusste er: Das beste Erfolgsrezept ist ehrliche, gute Arbeit. Auf die Dauer wird nicht der Schein geschätzt, sondern das Sein, nicht das, was jemand gerne wäre, sondern das, was er wirklich als Mensch ist.

 

Es stimmt schon: In der Welt zählt vordergründig mehr der Glanz und das Etwas-Gelten. Aber auf die Dauer hat sich immer noch die echte Herzensqualität, die wirkliche Kompetenz, der ehrliche Mensch bewährt. Und der zeigt sich nun einmal auch in der persönlichen Bescheidenheit. Und die bringt mehr Freude und Zufriedenheit als alle ersten Plätze.