Wer jemals die größte Mittelmeerinsel mit ihren 1.152 Küstenkilometern betritt, kommt wieder oder bleibt. So wie die Griechen, Phönizier, Karthager, Römer, Araber, Normannen, die durch drei Jahrtausende hindurch auf Sizilien deren vielfältige Kulturen grandios in Stein gemeißelt haben.
Opulente Palazzi stehen im Schulterschluss neben gebölzten, bröckelnden Fassaden, in denen lautstarkes Leben tost. So bedient die Hauptstadt am ehesten die janusköpfige Vorstellung von Pracht und unaufhörlichem Zerfall auf engstem Raum.
Die ehemalige Fülle der Macht testamentiert sich im normannischen Königspalast, auf einem Hügel im Zentrum, der auch als Wiege Palermos bezeichnet wird. Sein asketisches Äußere mündet jedoch schon beim Betreten in ein architektonisches Wunderwerk arabischer, byzantinischer und normannischer Bauweise und Mosaikkunst in Vollendung. Mag das Herzstück des Palazzo dei Normanni die seit der Gründungszeit unveränderte Sala Normanna sein. Seine Vorkammer ist die mit prächtigen Goldmosaiken ausgekleidete Cappella Palatina von König Roger II. Überirdisch schön ist fast eine Untertreibung und kann eigentlich nur als Pendant zum Normannendom in Monreale emotional erfasst werden.
In diesem 8 Kilometer südwestlich liegenden Domkomplex Santa Maria Nuova erhebt der Besucher seinen Blick zum größten Goldmosaik-Zyklus der Welt. In der Hauptapsis thront Christus Pantokrator, illustriert vom Alten und Neuen Testament auf einer Gesamtfläche von 6.340 Quadratmetern! Geschaffen in nur 3 Jahren von Künstlern aus Konstantinopel. Allein die Dimension seiner rechten Hand, die sich einladend zum Gruß hebt, soll über 2 Meter betragen. Wem die Sinne ob solcher Herrlichkeit zu schwinden drohen, kann im anschließenden Kreuzgang, in dem kein Säulenpaar den anderen gleicht, seinen Gedanken in Ruhe nachhängen.
Aber gebietet nicht paradiesischer Glanz auch dem Sterblichen ins Antlitz zu sehen? Der bis ins 20. Jahrhundert reichende Totenkult auf Sizilien hat für den Mitteleuropäer höchst gewöhnungsbedürftige Züge aufzuweisen. Warten doch im Convento ai Cappuccini an die 8.000 Trockenmumien auf jene, für die der Tod kein Gesicht hat. Nach Geschlechtern und Berufsgruppen streng getrennt, säumen die entseelten Zerrbilder in den weit verzweigten Gängen Nischen und Stellagen. Gehüllt in zerfallendes Tuchgespinst, das noch Stand und Profession erahnen lässt. Schaurig der Gedanke, dass diese zu Festtagen von Verwandten umgekleidet wurden! Spätestens dann, wenn mit jedem Schritt die eigene Vergänglichkeit an Distanz verliert, steht man vor Rosalia Lombardo. Bekannt auch als die schönste Mumie der Welt. Erst 2009 konnte entschlüsselt werden, mit welchen Substanzen Dottore Alfredo Salafia im Jahre 1920 die damals noch nicht 2-Jährige so einbalsamiert hat, dass man ergriffen schweigt, als wolle niemand die schlafende Schönheit wecken.