50 Jahre nach der Verabschiedung des Konzilsdokuments "Nostra Aetate" (1965) wurden von katholischer und jüdischer Seite im Dezember zwei Dokumente verabschiedet, die für den jüdisch-katholischen Dialog neue Impulse bringen könnten: Am 10. Dezember 2015 veröffentlichte der Vatikan ein Dokument, in dem u.a. mit Nachdruck eine Intensivierung des Dialogs und insbesondere der Zusammenarbeit von Juden und Christen gefordert wird. Schließlich verbinde die beiden Religionen mehr als alle anderen Religionen.
Das Dokument wurde von der vatikanischen Kommission für die religiösen Beziehungen mit dem Judentum veröffentlicht und trägt den Titel "Denn unwiderruflich sind Gnade und Berufung". Es beschäftigt sich vor allem auch mit theologischen Grundlagen und offenen Fragen und Streitpunkten. Die Kommission für die religiösen Beziehungen mit dem Judentum ist dem Päpstlichen Einheitsrat angeschlossen.
Eine Woche zuvor, am 3. Dezember, nahm erstmals in der Geschichte eine Gruppe von orthodoxen Rabbinern aus Israel, Europa und Nordamerika zum Dialog und zum Christentum mit einer eigenen Erklärung Stellung. Unter den Unterzeichnern waren namhafte Persönlichkeiten und Gelehrte wie etwa der Rabbiner David Rosen, der seit Jahrzehnten den Dialog mit dem Vatikan von jüdischer Seite her prägt. Die orthodoxen Rabbiner sprachen sich in ihrem Dokument u.a. für eine "Partnerschaft" zwischen Juden und Christen angesichts der Herausforderungen der Gegenwart aus. "Wir möchten dem Willen unseres himmlischen Vaters folgen, indem wir die uns angebotene Hand unserer christlichen Brüder und Schwestern ergreifen", hieß es darin.
Das Dokument ist umso bedeutender, als bereits im Jahr 2000 eine bedeutende Gruppe von Rabbinern und Gelehrten aus dem konservativen und Reformjudentum mit ihrer Erklärung "Dabru emet" in der "New York Times" die Bemühungen der katholischen Kirche um bessere Beziehungen zum Judentum würdigte. Die Erklärung war damals aber vor allem auch in orthodoxen jüdischen Kreisen auf Kritik gestoßen.
Die Erklärung vom 3. Dezember trägt den Titel "Hin zu einer Partnerschaft zwischen Juden und Christen". Zu den 25 Erstunterzeichnern gehören Rabbiner aus Deutschland, Israel und den USA. Ausdrücklich würdigt die Erklärung, dass sich die offizielle Lehre der katholischen Kirche über das Judentum seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil vor 50 Jahren "grundlegend und nicht wieder umkehrbar" geändert habe. Auf dieser Grundlage und der Äußerungen der Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. hätten Katholiken und andere christliche Kirchenführer einen "aufrichtigen Dialog" mit den Juden begonnen. Unter Hinweis auf rabbinische Autoritäten bestätigen die Unterzeichner, dass das Christentum aus jüdischer Sicht "weder ein Zufall noch ein Irrtum" sei, sondern ein gottgewolltes "Geschenk an die Völker".
Wörtlich halten die Rabbiner fest: "Wir Juden und Christen haben viel mehr gemeinsam, als was uns trennt: den ethischen Monotheismus Abrahams; die Beziehung zum Einen Schöpfer des Himmels und der Erde, der liebt und für uns alle sorgt; die jüdischen Heiligen Schrift; der Glaube an eine verbindliche Tradition; die Werte des Lebens, der Familie, mitfühlender Rechtschaffenheit, der Gerechtigkeit, unveräußerlicher Freiheit, universeller Liebe und des letztendlichen Weltfriedens."
Es wird betont, dass Juden und Christen je in einem Bund mit Gott stehen und gemeinsam eine Sendung in der Welt hätten: "Nun, da die katholische Kirche den ewigen Bund zwischen Gott und Israel anerkennt, können wir Juden die bestätigte konstruktive Gültigkeit des Christentums als Partner in der Welterlösung anerkennen, ohne jede Angst, dass dies für missionarische Zwecke genutzt werden würde."
Zu den Gemeinsamkeiten gehöre auch der Glaube an den einen Gott. Damit werde diejenige rabbinische Theologie zurückgewiesen, die Christen wegen des Trinitätsglaubens zu Götzendienern erklärt. Die bleibenden Differenzen zwischen beiden Gemeinschaften und Religionen würden durch eine solche Partnerschaft in keiner Weise bagatellisiert.
Ziel und Fokus der jüdisch-christlichen Zusammenarbeit bleibt das ethische Handeln: "Juden und Christen müssen als Partner zusammenarbeiten, um die moralischen Herausforderungen unserer Zeit ansprechen zu können."
Das vatikanische Dokument vom 10. Dezember fordert mit Nachdruck eine Intensivierung des Dialogs und insbesondere der Zusammenarbeit von Juden und Christen - die mehr verbinde als alle anderen Religionen. Denn das Christentum habe jüdische Wurzeln; Jesus sei nur im jüdischen Kontext seiner Zeit zu verstehen. Beide Religionen seien unwiderruflich aufeinander angewiesen; das Gespräch zwischen ihnen sei in theologischer Hinsicht "nicht Kür, sondern Pflicht". Daher sollten Christen und Juden sich nicht nur besser kennenlernen. Gemeinsam müssten sie für Gerechtigkeit, Frieden, die Bewahrung der Schöpfung eintreten und jede Form von Antisemitismus bekämpfen.
Im Mittelpunkt des Dokuments stehen freilich theologische Fragen, etwa der Stellenwert der Offenbarung oder die unauflösliche Einheit von Altem und Neuem Testament - auch wenn sie von Juden und Christen unterschiedlich interpretiert werden. Es geht um das Verhältnis von Altem und Neuem Bund: Der Bund sei nie von Gott gekündigt worden; er bestehe weiter und sei nicht einfach vom auserwählten jüdischen Volk auf die Kirche übergegangen.
Das Studiendokument hat keinen lehramtlichen Charakter, wie die Autoren der Päpstlichen Kommission für die Beziehungen zum Judentum betonten. Allerdings sind hier erstmals ausführliche theologische Aussagen und Argumente schwarz auf weiß festgehalten, etwa aus Ansprachen der Päpste in der römischen Synagoge oder im Heiligen Land, oder auch aus früheren Dialogpapieren; etwa dass die katholische Kirche keine Judenmission kenne. Auch wenn Katholiken im Dialog mit dem Judentum Zeugnis für ihren Glauben an Jesus Christus ablegten, sollten sie auf aktives Missionieren verzichten, heißt es in dem Text.
Und noch auf ein weiteres schwieriges Problem geht das Papier ein: Kirche und Judentum könnten "nicht als zwei parallele Heilswege" dargestellt werden. Aus dem christlichen Bekenntnis, dass es nur einen Heilsweg geben könne, folge in keiner Weise, dass die Juden von Gottes Heil ausgeschlossen wären, weil sie nicht an Jesus Christus als den Messias Israels und den Sohn Gottes glauben. Vielmehr hätten sie "Anteil an Gottes Heil". Wie dies jedoch "ohne explizites Christusbekenntnis möglich sein kann, ist und bleibt ein abgrundtiefes Geheimnis Gottes".
Der Schweizer Jesuit und Experte für den christlich-jüdischen Dialog, P. Christian Rutishauser, zog in einem Beitrag für das theologische Internetportal "feinschwarz.net" ein überaus positives Resümee zu beiden Dokumenten: "Der jüdisch-katholische Dialog scheint mit beiden Texten in eine neue Phase einzutreten, die über die Shoa dominierte Pionierphase hinausgeht. Man mutet sich gegenseitig zu. Dies ist ein Zeichen, dass die Beziehung solide geworden ist."
Wohltuend sei auch, dass nicht um Konsens gesucht wird. Der jüdisch-christliche Dialog führe, wie beide Texte zeigen, gerade nicht zur Verwässerung der je eigenen Glaubensposition. Im Gegenteil. Eine echte Vertiefung werde erst erreicht, "indem das Eigene bewusst mit dem Anderen in Beziehung gesetzt wird, in An- und in Abgrenzung, im Mut zur Differenz mit großen Respekt vor der Sicht des Andern", so der Provinzial der Schweizer Jesuitenprovinz wörtlich.