Freitag 10. April 2026

Schnellsuche auf der Website

24.07.2016
Interview und Statement des CIMI-Präsidenten

Kräutler-Nachfolger: "Es tobt Krieg in Brasilien vor Olympia"

CIMI-Präsident Paloschi bei Fachtagung Weltkirche in Lambach: Im Zuge der Vorbereitungen auf Spiele viele Menschenrechtsverletzungen auf Kosten der Armen und der Jugend.

Aus der Sicht des Nachfolgers von Bischof Erwin Kräutler als Präsident des brasilianischen Indianermissionsrates CIMI, Erzbischof Roque Paloschi aus Porto Velho, tobt in Brasilien im Vorfeld der olympischen Spiele ein "ständiger Krieg, der größer ist als jener im vorderen Orient".

 

Paloschi bezog sich damit auf die vielen Menschenrechtsverletzungen, die im Zuge der Vorbereitungen auf Olympia 2016 in Rio de Janeiro täglich passieren. Die Lage sei hoffnungslos und verzweifelt, "es tobt ein Krieg der Auslöschung der Armen und der Jugend", so der Bischof im Interview mit "Kathpress" am Rande der "Fachtagung Weltkirche 2016", die am Samstag, 23. Juli im Stift Lambach endete.

Von den politischen Entscheidungsträgern erwartet er auch angesichts der Umwälzungen in den letzten Monaten keine Unterstützung. Es gebe nur sehr wenige in der gesetzgebenden Versammlung, die sich auf die Seite der Armen stellen. "Das sind so wenige, die fallen nicht ins Gewicht und haben auch keine breite Wählerschaft", beklagte Erzbischof Paloschi. Die Politiker, die während der sechsmonatigen Suspendierung von Staatspräsidentin Dilma Rousseff das Ruder übernahmen, bezeichnete er als "Mehl vom gleichen Sack". Sie würden den Verfall der sozialen Rechte weiter betreiben.

In Brasilien herrsche eine "weiße Rassenideologie, die nicht nur die indigene Bevölkerung, sondern auch die vielen Schwarzen ablehnt, die als Sklaven von Afrika nach Brasilien geholt wurden", erklärte der Erzbischof, der als CIMI-Präsident für die Rechte u.a. der Indios in Amazonien eintritt. Eine negative Rolle spielten auch die Medien, "die ganz ausdrücklich gegen die indigene Bevölkerung Stellung beziehen und diese als Hindernisse auf dem Weg zur Modernisierung darstellen".

Schlechte Nachrichten gebe es auch bezüglich des von Bischof Erwin Kräutler über Jahre bekämpften Megastaudamm-Projektes Belo Monte, das kurz vor der Fertigstellung stehe. Die aktuell durchgeführten Überflutungen würden zeigen, dass die Folgen für die Indios noch gravierender sind als ursprünglich angenommen. Hinter Belo Monte stehe die Mentalität der Regierung, "alles aus der Natur rauszuholen, was möglich ist".


Belo-Monte-Protest wichtig

Den Protest der Kirche und jener der Unterstützer der Indios hält Paloschi trotzdem für notwendig: "Es war ganz wichtig, die Stimme zu erheben, denn das hat sowohl in Brasilien als auch international bewusst gemacht, dass es Menschen gibt, die sich dieser zerstörerischen Maschinerie entgegensetzen, die die Ökologie und den Lebensraum der Menschen zerstört."

Angesprochen auf die Nachfolge von Erwin Kräutler, meinte Paloschi, es sei generell schwierig, einer international so anerkannten Person nachzufolgen. Da komme es nicht darauf an, "etwas anders zu machen".

 

"Man kann durchaus von Genozid an Indios sprechen“

Im Fall der Ausbeutung Amazoniens samt systematischem Vorgehen gegen die dortige indigene Bevölkerung "kann man durchaus von einem Genozid sprechen", nahm sich Paloschi in seinen Ausführungen bei der Tagung kein Blatt vor den Mund.

Das Schwellenland Brasilien benötigt Energie, die durch Mega-Wasserkraftwerke wie das demnächst fertige in Belo Monte produziert wird. Dabei werden riesige Gebiete unter Wasser gesetzt, großflächige Soja- und Maisfelder angelegt und Weideland für Rinderherden gerodet. Dazwischen graben sich Bergbaufirmen auf der Suche nach Rohstoffen rücksichtslos durch die Erde, berichtete Erzbischof Paloschi. Die Leidtragenden sind die indigenen Völker, für die und deren Lebensraum sich der Nachfolger von Bischof Erwin Kräutler als Präsident des Indianermissionsrates CIMI seit Jahren einsetzt. Doch die indigene Urbevölkerung werde "als 'Barbaren ohne Seele' gesehen" bzw. als dumm, weil sie das Land eben nicht ausbeuten.

Die Folgen sind nach den Worten des Erzbischofs dramatisch: "Die Regierung sagt, je schneller die Indios verschwinden, desto besser." Amazonien solle "entindigenisiert" werden, so Paloschi wörtlich. Die Koalition zwischen brasilianischer Regierung, Großgrundbesitzern und multinationalen Konzernen gehe dabei gnadenlos vor. Paloschi: "Die Indigenen Völker werden wie Natur unterworfen und ausgebeutet. Sie haben wiederholt massive Gewalt seitens paramilitärischer Gruppen erleiden müssen.

Die Kirche setzt sich für die Rechte der Indios ein; eine große Anzahl von Missionaren, die bei ihnen leben und mit ihnen leiden, seien buchstäblich "Blutzeugen", sagte Erzbischof Paloschi. Doch gerade die Urbevölkerung habe gezeigt, wie man in Harmonie mit der Natur leben kann: "Sie lebt die Lösung in Amazonien" und gibt laut Paloschi auch ein Beispiel für Nachhaltigkeit generell: "Die indigenen Völker sind die Samenkörner der Lösung und die Problemlöser für Mutter Erde."