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19.10.2016

Bob Dylan: Gospelphase und Papstworte

Johannes Paul II. meditierte über Dylans Liedtext. Der Nobelpreisträger fand in einer Lebenskrise zum Christentum.

Rund 70 mal hat der Wiener Robert Fischer sein Idol Bob Dylan live auf der Bühne erlebt. Für den frischgebackenen Nobelpreisträger überwindet er sogar seine Reiseangst. Was ihn an dem wandelbaren Liedermacher fasziniert, warum dessen Texte so besonders sind und wie es kam, dass Dylan predigte, erzählt der Fan im Interview mit erzdiözese-wien.at.

 

Musik hat in Robert Fischers Leben schon früh eine große Rolle gespielt. Die Gitarre hatte er fast immer, seine Plattensammlung wuchs stetig und er war oft bei Konzerten zu finden. Irgendwann ist er auf Bob Dylan gestoßen, nach und nach schlug der US-amerikanische Sänger und Songwriter ihn in seinen Bann.

 

1995 besuchte Robert Fischer sein erstes Bob Dylan Konzert, das war in München. Von da an kaufte er jedes Jahr eine Karte, 1998 tourte er zu acht Konzerten Dylans. Mittlerweile hat er zwischen 60 und 70 Auftritte miterlebt, genau weiß er es nicht mehr.

 

Erstmals lyrische Texte in der Popmusik

Dass Bob Dylan den Nobelpreis für Literatur erhalten hat, findet Robert Fischer absolut gerechtfertigt. „Bob Dylan war der erste, der eine lyrische Klasse in die Poptexte eingeführt hat“, so Fischer, „vor ihm hatten die Texte in der Popmusik einen minderen Charakter – so in der Art: ,Ich liebe dich, du liebst mit nicht und ich bin traurig.‘“

 

Bahnbrechend wurde das Lied „Like a rolling stone“. Mit einer Länge von sechs Minuten sprengte es alle bisher geltenden Normen. Es markiert Dylans Wechsel von der Folkmusik zum Rock‘n Roll und entfaltet in mehreren Strophen eine Geschichte, gespickt mit Zitaten aus Geschichte und Literatur.

 

Worum es genau geht, weiß keiner, Bob Dylan interpretiert seine Texte grundsätzlich nicht. „Das Tolle an diesen Texten ist, dass sich bis heute jeder sich einen eigenen Reim drauf machen kann“, sagt Robert Fischer.

 

Ein silbernes Kreuz auf der Bühne

In den 1970er Jahren wurde Bob Dylan von Krisen gebeutelt. Die Scheidung von seiner Frau setzte ihm sehr zu, auch der Tod des von ihm verehrten Elvis‘. Sein aktuelles Album (Street Legal, 1978) kam nicht gut an und bei seiner laufenden Tour kämpfte er sich von einem Auftritt zum nächsten.

 

„Beim Konzert in San Diego am 17. November 1978 warf jemand aus dem Publikum ein silbernes Kreuz auf die Bühne“, berichtet Robert Fischer aus den Annalen, „Bob Dylan meinte später, normweise hebe er solche Sachen nicht auf, aber dieses Kreuz hat er eingesteckt. Beim nächsten Konzert in Arizona hatte er ein Motivationsloch, er suchte nach etwas, das ihn weiterbringen könnte. Da fand er in seiner Tasche das Kreuz.“

 

Das kleine Kreuz und einige andere Erlebnisse veranlassten Bob Dylan, Ende der 1970er Jahre vom Judentum zum Christentum überzutreten. „Er hatte auch mal eine Art Erscheinung und hat sich sehr stark mit der christlichen Religion beschäftigt“, weiß Fan Robert Fischer.

 

Gospelphase und Bob Dylan als Prediger

Seine religiösen Erfahrungen fanden Niederschlag in Bob Dylans Texten und in seiner Musik. „Die drei Alben Slow Train Coming (1979), Saved (1980) und Shot of Love (1981) spiegeln das mit christlichen Liedern und Gospel-Begleitung wieder“, sagt Robert Fischer, „er ging mit drei Gospelsängerinnen auf Tour, die zum Teil auch alleine Lieder vorgetragen haben. Bob Dylan hat bei seinen Konzerten ,gepredigt‘, bevor er begonnen hat, ein Lied zu singen, hat er einige Minuten über seinen Glauben gesprochen.“

 

Für den Song Gotta Serve Somebody (auf Slow Train Coming) erhielt Bob Dylan seinen ersten Grammy. „You're gonna have to serve somebody, It may be the devil or it may be the Lord“, heißt es im Refrain.

 

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Robert Fischer zitiert aus dem Lied Every Grain of Sand (auf Shot of Love): „,Then onward in my journey I come to understand that every hair is numbered like every grain of sand.‘ Das findet man bei Matthäus 10, 28-30: ,Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt.‘ Das hat Bob Dylan da verwendet – ein wunderschönes Lied.“

 

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Papst Johannes Paul II. meditierte über Dylan Song

Im Jahr 1997 spielte Bob Dylan vor mehr als 300 000 Menschen und Papst Johannes Paul dem II. beim Eucharistischen Kongress in Bologna. Johannes Paul II. meditierte über Dylans Lied Blowing in the Wind: Die Antwort wisse wirklich der Wind, meinte er, „der Wind, der Atem und Leben des Heiligen Geistes ist, der Stimme, die ruft: ,Komm!‘ Ihr habt mich gefragt: ,Wie viele Straßen muß ein Mann gehen, bevor er ein Mensch wird?‘ Ich sage euch: Eine! Es gibt nur einen Weg für die Menschheit, und das ist Christus, der sagte, ,Ich bin das Leben!‘“.

 

Wie Picasso und Shakespeare?

Bob Dylan ist heute 75 Jahre alt, noch immer spielt er rund 100 Konzerte pro Jahr. „Diese lange Karriere und seine vielen Wandel machen Bob Dylan vergleichbar mit Picasso oder Shakespeare“, findet Robert Fischer. Ihn fasziniert die Wandelbarkeit des Künstlers - vom Folk- zum Rocksänger, seine christliche Phase, Alben in Country- oder Soulrichtung.

 

„Er hat sich wie ein normaler Mensch verändert“, so Robert Fischer, „mal war er ganz unten und kein Hahn hat nach ihm gekräht, dann hatte er ein fulminantes Comeback und war wieder ganz oben. Er hat nie aufgegeben und, so hat man den Eindruck, sich nie verbiegen lassen. Seine Karriere, die 1960 begonnen hat, dauert an, die Lieder sind zeitlos.“