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15.03.2018 · Karitatives · Barmherzigkeit

„Was haben wir denn getan!?“

Kardinal Christoph Schönborn unterstützt in Zusammenarbeit mit Manuel Baghdi (links) die gestrandeten Iraner, so gut es möglich ist. Nun bittet der Kardinal um konkrete Hilfe für die verzweifelten Menschen.

108 Christen und Angehörige anderer religiöser Minderheiten aus dem Iran sitzen seit Monaten mittellos in Wien fest. Kardinal Christoph Schönborn ruft zur Unterstützung der Verzweifelten auf.

 

Für die Mächtigen der Weltpolitik ist es wohl nur ein unbedeutender Kollateralschaden, doch für die Betroffenen ist es eine ungeheure menschliche und humanitäre Katastrophe:

 

Exakt 108 Personen aus dem Iran, die eigentlich in die USA hätten weiterreisen sollen, sitzen seit vielen Monaten in Österreich fest. Die US-Behörden verweigern ihnen die Einreise, zurück in den Iran können sie auch nicht. Hilfe gibt es für diese Menschen derzeit nur von einer Seite – von Kardinal Christoph Schönborn.


Die Iraner – Familien und Alleinstehende, auch viele Alte und Behinderte – sind Teilnehmer des sogenannten „Lautenberg-Programms“, das vor 28 Jahren vom amerikanischen Kongress beschlossen wurde.

 

Ursprünglich diente es dazu, religiöse Minderheiten wie Juden aus der früheren Sowjetunion zu helfen und sie in die USA zu holen. Das Programm wurde dann auf den Iran ausgeweitet.

 

Da eine direkte Ausreise aus dem Iran aber nicht möglich ist, weil die USA und der Iran keine offiziellen diplomatischen Beziehungen unterhalten, diente Österreich als Transitland. Die Menschen mussten sich in Wien eine Unterkunft besorgen und über die US-Botschaft diverse Formalitäten abwickeln. Nicht länger als sechs Monate sollte diese Prozedur dauern.


Wer es in das „Lautenberg-Programm“ schaffte, konnte auf ein neues Leben und eine neue Heimat in den USA hoffen und vertrauen. „Die Menschen haben im Iran alles verkauft. Häuser, Wohnungen, Autos und was sie sonst noch besessen haben. Auch ihren Job haben sie natürlich aufgegeben“, erklärt Manuel Baghdi. Er ist Berater von Kardinal Schönborn in Nahost- und Flüchtlingsfragen.

 

Eine Bedingung des „Lautenberg-Programms“: Die Menschen müssen sich die Reise und den Aufenthalt in Österreich selbst finanzieren. Doch ihre finanziellen Mittel haben die in Wien gestrandeten Iraner längst aufgebraucht.


Unterstützung vom Staat Österreich gibt es naturgemäß nicht; weder für ein Dach über dem Kopf noch für weitere Notwendigkeiten. Wer krank ist, einen Arzt braucht oder gar ins Spital muss, hat selbst die Kosten zu tragen. Und immer mehr, besonders die Alten und chronisch Kranken, kommen in ausweglose Situationen. „Meine alte Mutter ist schon schwer depressiv, will nur mehr sterben“, erzählt eine Betroffene.


„Wir wissen nicht mehr ein noch aus“, weint eine junge Frau, Mitte 20. Mit ihrem Mann – die beiden sind Christen – wollte sie in den USA ein neues Leben beginnen. Jetzt sitzen sie völlig mittellos in Wien fest, ihr Touristenvisum ist längst abgelaufen.

 

Eine der letzten Möglichkeiten, um zu ein wenig Geld zu kommen: „Blutplasma spenden.“ Und sie zeigt ihre zerstochenen Arme. „Was haben wir denn getan, was haben wir verbrochen?“, weint die junge Frau. Ihren Namen will sie nicht nennen, sie hat Angst. – So wie alle anderen auch.

 

Angst vor Verfolgung

Bei den Iranern, die in Wien festsitzen, handelt es sich um assyrische und armenische Christen, Mandäer und Zoroastrier. US-Präsident Trump hatte im Jänner 2017 Einreisebeschränkungen u.a. für den Iran verfügt, um „radikale islamische Terroristen“ aus den USA fernzuhalten.

 

Unter den in Wien Gestrandeten befindet sich aber kein einziger Muslim. Und weil es sich bei allen um Angehörige von religiösen Minderheiten handelt, will auch niemand zurück.

 

„Die Menschen haben furchtbare Angst“, erklärt Baghdi. „Sie müssen zumindest mit Repressalien rechnen, vielleicht auch mit schlimmer Verfolgung.“ Außerdem hätten sie im Iran überhaupt keine Existenzgrundlage mehr.


Tragisch ist auch der Fall eines jungen Familienvaters. Als eines seiner Kinder schwer erkrankte, durfte seine Frau mit den Kindern in die USA weiterreisen. Ihm selbst wurde zugesagt, er könne bald nachkommen.

 

Vor wenigen Tagen erhielt er nun aber von Seiten der USA einen negativen Bescheid. Die Verzweiflung übermannt den rund 30-Jährigen immer wieder, treibt ihn schier in den Wahnsinn. „Bitte helfen Sie mir“, fleht er.

 

Und dieser Fall einer zerrissenen Familie ist bei weitem nicht der einzige, berichtet Manuel Baghdi.


Der Mitarbeiter von Kardinal Schönborn könnte noch von vielen weiteren tragischen Schicksalen berichten: „Eine Familie stand plötzlich über Nacht auf der Straße, ohne Geld und ohne Wohnung.“ Nach einem raschen Telefonat mit Kardinal Schönborn war klar, dass sie vorübergehend im Erzbischöflichen Palais Unterkunft bekommen.

 

Der Erzbischof unterstützt viele der Gestrandeten mit eigenen Mitteln. „Aber allein ist das nicht mehr zu schaffen“, spricht Baghdi Klartext.


Derzeit wird hinter den Kulissen von den Behörden abgeklärt, ob es für die Betroffenen noch eine Chance gibt, in die USA zu gelangen, oder ob sie etwa auch in Österreich um Asyl ansuchen könnten. „Aber das ist Politik“, so Baghdi. Die Menschen brauchen zuerst humanitäre Hilfe: „Wir müssen sie versorgen.“


 

 

erstellt von: Der SONNTAG / Georg Pulling
15.03.2018
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Weitere Informationen:

Kardinal Schönborn bittet persönlich um Hilfe für die verzweifelten Menschen: „Die Gestrandeten brauchen unsere Solidarität und konkrete Hilfe.

 

Ich selbst helfe, so gut es mir möglich ist. Bitte unterstützen Sie die Menschen in Not mit Ihrer Spende.“

 

Ihre Spende hilft!

Die Erzdiözese Wien hat für die verzweifelten und mittellosen Menschen aus dem Iran über den Verein „Bewegung Mitmensch - Maria Loley“ ein

 

Spendenkonto eingerichtet:

Bank Austria,

IBAN: AT 26 1100 0086 1580 0300,

Kennwort: Iran

 

 


weitere Informationen zu

Der SONNTAG

die Zeitung der Erzdiözese Wien

Stephansplatz 4/VI/DG

1010 Wien
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