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09.11.2018 · Karitatives · Lebenszeugnis

„Viele fangen danach ein neues Leben an“

„Der Fußball spricht überall die gleiche Sprache.“ (Gilbert Prilasnig)

Gilbert Prilasnig ist ehemaliger Profi-Fußballer und Nationalteamspieler. Heute betreut er unsere Straßenweltmeisterschafts-Mannschaft in Mexiko. Die Spieler sind ehemals obdachlose, alkoholkranke oder drogenabhängige Menschen.

 

 

Wir alle kennen die Fußballnationalteam-Spieler David Alaba, Marco Arnautovic oder Julian Baumgartlinger.

 

Wer aber sind Thomas, Afshar oder Ali Reza? Auch sie kicken für Österreich. Sie sind im Teamkader für den „Homeless World Cup“ (HWC) Mitte November in Mexiko-City. Das ist die alljährliche soziale Straßenfußball-Weltmeisterschaft.

 

Ehemalige obdachlose, alkohol- oder suchtabhängige Männer spielen dabei mit Menschen mit ähnlichem Lebensschicksal um den Titel. Teamchef ist seit eineinhalb Jahrzehnten der frühere Fußballprofi Gilbert Prilasnig. Wir treffen ihn in Wien, nachdem die Passformalitäten an der Mexikanischen Botschaft erledigt sind.

 

Die Vorfreude ist groß, doch in erster Linie geht es nicht darum, Weltmeistertitel zu werden, sondern dass die Spieler nach harten Zeiten wieder feste Schritte in ihr Leben setzen, so der Teamchef.

 

Die Spieler treten auch in Erinnerung an den Mitinitiator des HWC, Harald Schmied an. Der ehemalige Kommunikationsdirektor der steirischen Caritas verstarb vor kurzem nach langer schwerer Krankheit.

 

Prilasnig kam auch durch einen Anruf von Schmied zu seinem Job: „Es war 2004 in einer Phase, in der ich Probleme hatte, einen Klub zu finden. Mittlerweile ist es mein 15. Jahr als Trainer“.


Sie coachen Spieler mit schwierigem Hintergrund. Wie formt sich das Team?

 

Wir suchen die Spieler in verschiedenen sozialen Einrichtungen. Trägerverein ist die Caritas Graz. Sie hat ein Netzwerk zu rund 30 Einrichtungen, die auch Fußballprojekte führen. Aus dem Netzwerk heraus wird das Team geformt.

 

Jeder Spieler darf nur einmal teilnehmen. Damit ist für jeden die Reise ein Privileg, das Veranstaltungsland kennen zu lernen, dort Fußball zu spielen, emotionale Momente zu erleben und viel am eigenen Selbstwertgefühl zu arbeiten und an der Teamfähigkeit.


Wie sah die Vorbereitung für den HWC aus?

 

Wir hatten drei Kurztrainingslager. Da bekommen die Spieler schon mit, dass es nicht unser primäres Ziel ist, Weltmeister zu werden. Sollte es so sein, nehmen wir den Titel aber gerne mit.


Welche Probleme stellten sich für die Mannschaft - um nach Mexiko reisen zu können?


Teilnahmeberechtigt sind Straßenzeitungsverkäufer, Menschen die wohnungslos sind, Menschen, die eine Alkohol- oder Drogensucht hinter sich haben und aufgrund dessen wohnungslos waren, sowie Asylwerber, die heimatlos sind.

 

Die Asylwerber haben aber strengen Reisebeschränkungen. Die Afghanen sind, wenn sie noch keinen positiven Asylbescheid haben, subsidiär schutzberechtigt und können einen Konventionspass beantragen. Das ist zwar ein österreichischer Pass, aber es steht Staatsangehörigkeit Afghanistan drinnen, dann brauchen sie auch ein Visum. Es ist nicht so einfach, es zu erhalten.


Beschäftigen Sie die Hintergründe der Spieler?

 

Ich kümmere mich nicht um ihre Vergangenheit. Das ist nicht Aufgabe und Sinn meiner Tätigkeit. Natürlich ergibt sich beim Turnier, bei dem wir zehn Tage beieinander sind, die Gelegenheit zu privaten Gesprächen, da erfahre ich schon einiges aus ihren Lebensgeschichten.

 

Primär ist die Arbeit und der Fokus für die Spieler aber in die Zukunft gerichtet. Wir arbeiten Prinzipien aus, die für eine gute Gruppenarbeit wichtig sind und sprechen darüber, was es braucht, damit es bei der Weltmeisterschaft eine gedeihliche, schöne Zeit wird. Die Erinnerungen sollen positiv sein.


Ist es für jeden ein schönes Erlebnis?

 

Die Ziele jedes Einzelnen sind unterschiedlich. Daher versuche ich im Vorfeld die Spieler so auszuwählen, dass die Mannschaft möglichst homogen in ihren Zielvorstellungen ist.

 

Wenn es Spieler gibt, die unbedingt Weltmeister werden wollen – und einige denen Gruppengefühl, Abwechslung und sportliche Herausforderung wichtiger sind, dann ist Konfliktpotential vorprogrammiert.


Wie kommen die Spieler untereinander aus?

 

Wir haben einen hohen Zulauf aus der afghanischen Flüchtlingscommunity. Sie sind sehr fußballaffin und Straßenfußball-begeistert. Diese Flüchtlinge haben auch den Vorteil, dass sie in den meisten Fällen Reisepapiere beantragen können und erhalten.

 

Andererseits haben wir viele Spieler, die einen Drogen- oder Alkoholentzug hinter sich haben. Das ergänzt sich gut, denn die afghanischen Flüchtlinge trinken keinen Alkohol. Dieser ist strengstens verboten bei jedem Vorturnier und auch bei der WM.

 

Dann gibt es auch Spieler aus Obdachloseneinrichtungen. Dieses Jahr sind zwei aus der Wiener ‚Gruft’ dabei. Da ist es wichtig, dass das gemeinsame Ziel gewährleistet sein kann.


Wie läuft die WM vor Ort ab?

 

Ein Turnier auf dem zentralsten Platz der Stadt mit toller Stimmung und vielen Zuschauern.


Gespielt wird mit einem Tormann und drei Feldspielern. Wie setzen Sie ihr Team da ein?


Ein Team darf aus acht Spielern bestehen. Die Spieler werden nicht blockweise, sondern einzeln bei laufendem Spiel gewechselt.


Was geschieht nach dem Ende des Turniers?

 

Wir bieten eine psychologische Nachbetreuung an und schicken die Spieler zu ihrer sozialen Einrichtung zurück. Das ist ganz wichtig, damit sie wieder Halt finden. Es gibt auch immer Spieler, die so gestärkt zurückkommen, dass sie sagen, jetzt fange ich ein neues Leben an. Einige haben schon bei unseren Sponsoren einen Job erhalten.


Sind Spieler schon bei Fußballklubs untergekommen?

 

Viele haben nach dem Turnier wieder bei unterklassigen Vereinen begonnen. Es sind immer wieder welche dabei, die große Talente waren und das Zeug gehabt hätten, Profi zu werden. Dann aber beispielsweise in die Drogenszene abgerutscht sind.

 

Machen Sie die Lebensschicksale Ihrer Spieler bescheidener?

 

Ja, natürlich. Ich bin sowieso kein unzufriedener Mensch. Ich habe mit diesem Traineramt eine Betätigung gefunden, die mein sozialer Beitrag ist, den ich leisten möchte und kann. Es waren auch meine ersten Trainererfahrungen und die sind sehr wertvoll.

 

Der Fußball spricht überall die gleiche Sprache. Bisher haben mich alle sehr gut verstanden. 

erstellt von: Der SONNTAG / Stefan Hauser
09.11.2018
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Weitere Informationen:

Radiotipp

Wie der legendäre Sturm-Trainer Ivica Osim auch Gilbert Prislasnig zum Erfolgsspieler machte, können Sie am
9. November, 17:30 Uhr, auf radio klassik Stephansdom hören.

Da Capo am Sonntag 11. November um 17:30h

 


zur Person:

Gilbert Prilasnig


Persönliches:

geboren am 1. April 1973 in Klagenfurt


Spieler:
223 Bundesligaspiele bei SK Sturm Graz – 16 Spiele im Nationalteam – zwei Meistertitel (1998, 1999) – dreimalige Teilnahme an der UEFA-Champions League (1995, 1996, 2000)
seit 2004 ehrenamtlicher Trainer des Österreichischen Nationalteams beim Homeless World Cup - seit 2010 Nachwuchsleiter beim SK Sturm Graz


Privates:
Er lebt in Lebensgemeinschaft mit seiner Freundin Katharina, mit der er zwei gemeinsame Kinder hat (Emilia 10, Jonas 7).


Lieblingsvereine:
FC Barcelona, Ajax Amsterdam


Lieblingsfußballer:
Luka Modric (kroat. Nationalspieler und Weltfußballer 2018)

 

privat

Leben ist…
aus meiner Sicht da, um sich persönlich zu entwickeln. Es ist wichtig, dass man sich bildet, aber auch für andere da ist. Dass man Dinge macht, die man gerne tun möchte und das Gefühl hat, etwas Positives zur Entwicklung der ganzen Menschheit beitragen zu können.

 

Sonntag ist…
für mich meistens ein harter Arbeitstag, deshalb weil ich im Fußball tätig bin. Ich habe dafür unter der Woche mehr Zeit für die Familie.

 

Glaube ist…
mir in meinem Leben wichtig, ich bin ein katholischer Christ. Der Glaube hat immer eine große Rolle gespielt. Insofern, dass ich mir gesagt habe: Glaube ist einerseits zwar schön, ich würde aber auch gerne wissen, ob das, was ich glaube, auch stimmen kann. Damit beschäftige ich mich.

 


 

Der SONNTAG

die Zeitung der Erzdiözese Wien

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