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10.10.2019

Brennpunkt Amazonien: "Wir müssen wirklich Mut haben".

Interview mit Bischof Erwin Kräutler über Ökologie, Frauen in der Kirche und neue Wege zum Priestertum.

 

 

Mit Spannung wurde die Amazoniensynode erwartet, am  Sonntag hat Papst Franziskus die Versammlung im Vatikan eröffnet. Rund 300 TeilnehmerInnen – Bischöfe, Sachverständige und BeobachterInnen – diskutieren bis 27. Oktober über neue Wege für die Kirche und eine ganzheitliche Ökologie in der Amazonasregion.

 

Vorbereitet hat die Synode u.a. der aus Österreich stammende Bischof Erwin Kräutler. Seit mehr als 50 Jahren lebt Dom Erwin im brasilianischen Amazonasgebiet und kennt die großen Herausforderungen: Priestermangel, riesige Distanzen, rasante Zerstörung des Regenwaldes, Verseuchung des Bodens und der Gewässer, ungeahndete Rechtsverstöße bis hin zum Mord.

 

In die Synode setzt er große Hoffnungen, wie er bei einem Kurzbesuch in Wien im Interview sagt.


Die Amazonasregion ist für die ganze Erde enorm wichtig, aber die Zerstörung geht schneller voran denn je. Die Synode macht das zum Thema – aber was kann die Kirche tun?


Es geht um die ganzheitliche Ökologie, im Kielwasser von Franziskus’ Enzyklika Laudato si. Die Kirche hat den Auftrag, auf diese Dinge hinzuweisen.

 

Wir beten jeden Sonntag „Ich glaube an Gott, den Vater – den Schöpfer des Himmels und der Erde“. In der Genesis lesen wir, dass wir den Auftrag haben, für diese Mitwelt – ich spreche nicht von Umwelt – einzutreten.

 

Wir verlangen von den Regierungen, den politischen Kräften und Mächten und von den Wirtschaftstreibenden, dass sie Amazonien respektieren.

 

Es gibt immer noch der Trend, dass man sagt, der Wald muss gerodet werden. Es wird Weideland geschaffen, Soja und Zuckerrohr angebaut, all diese Sachen, die dann nach Europa rüberkommen.

 

Man sagt immer wieder: Die Brasilianer sollen das und das tun, um Amazonien zu retten, aber wir in Europa sind mitschuldig. Weil das meiste Soja kommt nach Europa und China. Amazonien ist im Blickpunkt der ganzen Welt, die es auf seine Edelhölzer und Erzvorkommen abgesehen hat, auf die Kraftwerke.


Darauf weisen wir hin und das ist der Auftrag der Kirche. Es geht um die Mitwelt, nicht um eine anonyme Umwelt. Der Papst hat das in seiner Enzyklika ganz klar formuliert: Wir sind alle untereinander vernetzt.

 

Wir können nicht so tun, als ob uns das nichts anginge. Wir sind verantwortlich, auch für die zukünftigen Generationen.


Papst Franziskus hat Sie 2014 in einer Privataudienz ermuntert, „mutige“ Vorschläge für die Erneuerung der Kirche in Amazonien zu machen. Ein viel diskutierter Vorschlag ist, „viri probati“ – bewährte, verheiratete Männer – zu Priestern zu weihen.

 

Sie selbst sprechen von „personae probatae“ und meinen damit auch Frauen. Glauben Sie, es wird sich bei der Synode wirklich etwas in diese Richtung bewegen?


Ich hoffe es. Ich weiß ganz genau, dass wir nicht sagen können: Nach der Synode ist alles anders. Aber dass ein Weg gegangen wird, der tatsächlich dorthin führt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass nach der Synode sofort das Frauenpriestertum kommt. Aber dass wir diese Dinge ansprechen.


Man muss das auch im Zusammenhang sehen. Hier spüren wir das vielleicht weniger, aber 80 Prozent unserer Gemeinden haben keine sonntägliche Eucharistiefeier, sondern nur ein-, zwei- oder dreimal im Jahr.

 

Diese Gemeinden haben nur Wortgottesdienst. Wer hält den Wortgottesdienst? Die Frauen. Zwei Drittel dieser Gemeinden werden von Frauen geleitet. Ich glaube, wir müssen der Frau, die in ihrer Gemeinde diese Verantwortung seit Jahr und Tag übernommen hat, den richtigen Stellenwert schenken.


Ich spreche mit Prof. Zulehner von den „personae probatae“ – er hat das Wort geprägt. Wenn man sagt „viri probati“, sind das nur die Männer und dann geht es wieder auf dieselbe Schiene. Es müssen immer Männer sein – auch bei den Ständigen Diakonen, da ist gar nicht dran zu denken, dass eines Tages eine Frau Diakonin werden kann. Ich meine, wo sind wir denn?!


Gerade aus der Erfahrung, die wir haben, wo Frauen tatsächlich Verantwortung übernommen haben, mit viel Einfühlungsvermögen und Kompetenz, da einfach zu sagen: Du hast jetzt nichts mehr zu sagen, wir stellen einen Mann dorthin, der kann verheiratet sein oder nicht – das ist absolut unmöglich! Wir müssen da wirklich Mut haben.


Nicht alle Bischöfe der Amazonas-Region sehen das gleich. Welche Positionen gibt es?


Die meisten Bischöfe denken daran, dass „viri probati“ möglich sind. Ich möchte aber einen Schritt weiter gehen – und da bin ich einer von vielen. Es gibt aber auch die andere Gruppe, die beinahe noch vorkonziliär ist und denkt, wir müssen alles beibehalten.

 

Die denken immer nur an den Zölibat. Für mich ist der Zölibat nicht das Problem, das Problem ist die Eucharistie. Die Eucharistiefeier ist der Kern unseres Glaubens, der Gipfel.

 

Wir können uns die katholische Kirche nicht ohne die Eucharistiefeier vorstellen. Und warum gibt es so viele Gemeinden, die „nur“ den Wortgottesdienst haben – genauso wie die Evangelikalen? Das spezifisch Katholische ist nicht nur die Marienverehrung, sondern eben auch die Eucharistie.

 

Da meine ich, muss man einfach Mut haben. Wenn der Papst schon von „neuen Wegen für die Kirche“ spricht, heißt das, dass irgendetwas nicht mehr so up to date ist. Dass wir versuchen müssen, neue Wege zu finden, auch zum Priestertum.


Es wird bei der Amazonassynode auch um neue Wege gehen, Traditionen der Indigenen in die katholische Liturgie aufzunehmen.


Früher hat man gemeint, die Indigenen hätten keinen Gottesglauben. Wenn man näher hinschaut, wird man vom Gegenteil überzeugt. Sie haben eine andere Art, aber sie glauben an die Transzendenz.

 

Man hat immer gedacht, wir kommen und schenken ihnen das Evangelium – das ist unsere Missionsarbeit. Im Missionsdekret des II. Vatikanums steht, die Kirche hat den Auftrag, die Liebe Gottes allen Menschen zu verkünden und mitzuteilen. Es geht also nicht nur um das Verkünden, sondern um die Mitteilung der Liebe Gottes, wie auch immer das dann im konkreten Fall ausschaut.

 

Heute sprechen wir weniger von Inkulturation und mehr von Interkulturalität. Das heißt, sie haben ja ihre Kultur – und der liebe Gott war vor uns da. Das sind ganz andere Vorzeichen. Dass wir schauen, wie gestalten sie ihren Glauben – und nicht gleich sagen: Das ist falsch. Und: Unsere kulturellen Ausdrucksformen sind wichtig, und ihr müsst das so annehmen, wie wir uns das denken. Nein. Der Ausgangspunkt muss ein anderer sein. Bei der Synode werden viele Indigene dabei sein.


Ihr Einsatz für Indigene und für den Schutz des Regenwaldes hätte Sie beinahe das Leben gekostet. Als Bischof standen Sie rund um die Uhr unter Polizeischutz. Wie ist das jetzt, nach Ihrem altersbedingten Rücktritt?


Den Polizeischutz habe ich immer noch. Als ich Emeritus geworden bin, habe ich gedacht, das sei jetzt vorbei. Aber es ist bis heute so. Die Militärpolizei erwartet mich immer auf dem Flughafen und begleitet mich, wo immer ich hingehe.

 

Man darf nicht sagen, man hat sich daran gewöhnt, aber immerhin ist es ein gutes Verhältnis zu den Polizisten. Sie kennen mich und ich kenne sie auch gut, sie fahren mit mir quer durch die Landschaft.

 

Meine Polizisten sind bei allen Gottesdiensten dabei, manchmal bei drei an einem Tag, sie waren bei allen Firmungen und ich habe sie sogar selber gefirmt.


Im Juli haben Sie Ihren 80er gefeiert. Sie sind aber nach wie vor sehr aktiv – Pension schaut anders aus. Wird sich daran in nächster Zeit etwas ändern?

 

Ich weiß es nicht. Ich bleibe drüben in Brasilien, vorläufig habe ich keinen Wunsch, die Zelte abzubrechen. Ich komme gern herüber und ich habe meine Wurzeln nie verleugnet, aber meine Aufgabe ist drüben. Und die werde ich weiterführen. Solange mir der liebe Gott das Leben schenkt und den Atem schenkt, werde ich weitermachen.