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04.12.2019 · Aus der Diözese

Ein Sonntag wie in Vietnam - Die vietnamesische Gemeinde der Erzdiözese Wien

Gemeindemitglieder tragen gemeinsam einen aufwendig gestalteten Märtyrer-Altar und stellen ihn vorne auf der Seite ab, damit ihn alle in der Kapelle gut sehen können.

Der SONNTAG zeigt in den kommenden Wochen die Buntheit und Vielfalt
der sogenannten anderssprachigen Gemeinden in unserer Erzdiözese.


Farbenfroh zeigt sich die vietnamesische Gemeinde an hohen Festtagen. Sie ist zwar klein, aber sehr selbstbewusst. Das macht sie unverwechselbar.

Ein ruhiger Sonntagmorgen. Aus einem mehrstöckigen Haus in der Molitorgasse im elften Wiener Gemeindebezirk klingt sanfte Musik. Es ist jenes des Rafael-Klosters der Benediktinerinnen der Anbetung.

 

Hier in der Kapelle feiert die vietnamesische katholische Sprachgemeinde jeden Sonntag um 11 Uhr die heilige Messe. Heute begeht sie aber nicht nur das Christkönigsfest, den letzten Sonntag im Kirchenjahr, sondern sie erinnert auch an die 117 vietnamesischen Märtyrer, die bei den Christenverfolgungen vor über 200 Jahren im Königreich Vietnam zu Tode kamen.


Zweite Heimat in der Fremde

Über 180 Mitglieder zählt die vietnamesische Gemeinde in Wien und Umgebung. Sie ist damit eine der kleinsten katholischen Sprachgemeinden. An normalen Sonntagen kommen rund 70 Gläubige in die Kapelle. Doch heute ist das ganz anders – die Kapelle ist bis auf den letzten Platz besetzt. Einige Gläubige müssen sogar beim Eingang stehen.

 

„Unsere Gemeinde lebt von einer guten Mischung zwischen Vietnamesen der ersten und der dritten Generation“, erklärt Josef Nguyen Tan Hoa, der der ersten Generation von Vietnamesen, die in Österreich leben, angehört. Geboren in Vietnam, ist er seit über 30 Jahren Mitglied des Pfarrgemeinderats der vietnamesischen Gemeinde – und seit über 20 Jahren dessen stellvertretender Vorsitzender.

 

Josef Nguyen Tan Hoa schmunzelt: „Ich kenne daher die Gemeinde wie meine Westentasche.“ Doch nicht nur aus Wien, sondern auch aus der Umgebung reisen viele Vietnamesen an Festtagen wie diesen nach Simmering. Manche kommen sogar aus der Slowakei, aus Tschechien und aus Ungarn, freut sich Josef Nguyen Tan Hoa.

 

Viele Vietnamesen verließen nach dem Vietnamkrieg ihr Heimatland. Unter ihnen waren auch zahlreiche Katholiken. Österreich nahm damals einige auf. Die Gemeinschaft entwickelte sich zu einer großen Familie, freut sich Pfarrgemeinderat Josef Nguyen Tan Hoa.


Märtyrer im Mittelpunkt

Die Messe beginnt. Priester Paul Tan Kinh Le zieht mit Ministranten und Konzelebranten zum Hauptaltar. Einige Gemeindemitglieder tragen gemeinsam einen aufwendig gestalteten Märtyrer-Altar und stellen ihn vorne auf der Seite ab, damit ihn alle in der Kapelle gut sehen können. Ausgewählte Frauen und Männer aus der Gemeinde gehen zu diesem Altar, entzünden hier Raucherstäbchen und verneigen sich dreimal vor ihm.

 

Über 130.000 Menschen kamen bei den grausamen Christenverfolgungen in den Jahren 1745 und 1862 im Kaiserreich Vietnam ums Leben. Darunter waren auch acht Bischöfe, 50 Seelsorger und 59 Gläubige. Sie wurden im Jahr 1988 von Papst Johannes Paul II. heilig gesprochen. Im Märtyrer-Altar in der Kirche werden einige Reliquien von ihnen aufgebahrt.


Seit über 30 Jahren

Im Kloster der Benediktinerinnen der Anbetung befindet sich seit 17 Jahren der Sitz der vietnamesischen Gemeinde für Wien und Umgebung. Gegründet wurde sie im Jahr 1985 – federführend beteiligt daran war Msgr. Petrus Bsteh, der auch ihr erster Seelsorger war. Um sie nahm er sich in über 13 Jahren besonders an, erzählt Josef Nguyen Tan Hoa begeistert. „Er sprach zwar nur Deutsch, aber wir verstanden ihn trotzdem einwandfrei.“ Auch lernte er einige Worte auf Vietnamesisch.

 

Ein weiterer Förderer der vietnamesischen Gemeinschaft war Franz Kardinal König. Der Schutzpatron der vietnamesischen Gemeinde in Wien ist der Heilige Josef. Auch die Kapelle im Kloster ist ihm geweiht.

 

Lebendige Traditionen

Die vietnamesische Kirche identifiziert sich stark mit den Traditionen des Landes, erzählt Alexander Kraljic, Generalsekretär und theologischer Assistent der ARGE Arbeitsgemeinschaft der Gemeinden aus Afrika und Asien (AAG), der heute Weihbischof Franz Scharl vertritt. „Sie sehen sich als einen wichtigen Teil der Gesellschaft und des Landes.“

 

Der katholische Bevölkerungsanteil ist in Vietnam sehr hoch. Trotz des Kommunismus können die Gemeinden dort ihren Glauben leben. Für den AAG-Generalsekretär zeugen die heute getragenen Gewänder und die Gesänge von der Bedeutung des Festes.


Für Leib, Seele und die Jugend

Vor der Gabenbereitung tanzt eine Gruppe von Frauen zur Musik. Diese besteht aus verschiedenen Mitgliedern der Gemeinde. Mehrere Wochen schon probten sie für diese Aufführung an diesem Festtag, weiß Pfarrgemeinderat Josef Nguyen Tan Hoa. „Unsere Gruppe tanzt nur zu Hochfesten – und daher auch heute.“

 

Nach der Messe wird im Gemeindesaal im dritten Stock des Klosters weitergefeiert. Auf mehreren Tischen gibt es ein Buffet mit vietnamesischen Spezialitäten – angefangen bei der Nudelsuppe bis hin zu Frühlings- und Gemüserollen, Garnelen oder Klebereis. Viele Frauen aus der Gemeinde bereiteten sie daheim vor, erzählt Josef Nguyen To Han. Nicht nur die Frauen auch die Jungen übernehmen gerne das Ruder in der kleinen Gemeinde: Sie gestalten etwa die Liturgie mit; wählen dabei die Lesungen und die Fürbitten aus. Sowohl auf Deutsch als auch auf Vietnamesisch tragen sie diese vor; auch werde die Messe simultan übersetzt. „Weil nur mehr wenige Jugendliche die Sprache ihrer Eltern noch gut verstehen“, bedauert Josef Nguyen Tan Hoa.


Bunte Hüte, rote Mäntel

Viele Männer fallen heute auch durch ihre roten und blauen Mäntel während der Messe und danach bei der Agape auf; ebenso die Frauen mit ihren bunten Hüten. Ob Mäntel oder Hüte – diese Tradition stammt noch aus der Zeit der Märtyrer und hält auch die Erinnerungen an sie wach.

 

Einer, der diese Tracht heute trägt, ist Gerald Krumpel. „Für mich ist das eine besondere Ehre, heute erstmals die traditionelle Männertracht  ,Au dai’ zu tragen.“ Mit der Gemeinde verbindet ihn eine langjährige Freundschaft, erzählt er. Der gebürtige Wiener ist beinahe jeden zweiten Sonntag hier. Was macht die vietnamesische Gemeinde für ihn als Nicht-Vietnamesen aus, wollen wir von ihm wissen? Diese sei zwar relativ klein, aber „sehr aktiv und lebendig“, sagt er.

 

Fast alle Gemeindemitglieder arbeiten tatkräftig mit und bringen sich in das Pfarrleben ein. „Es gibt hier zwei Kulturen – die österreichische und die vietnamesische“, bringt es ein Gemeindemitglied bei der Agape auf den Punkt. „Wir pflegen hier das Miteinander – und das jeden Sonntag.“ 

erstellt von: Der SONNTAG / Christopher Erben
04.12.2019
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Weitere Informationen:

Weihbischof Scharl

 

Die Ahnen und der rote Drache

Vietnam ist neben den Philippinen eines der katholisch geprägten Länder Asiens. Es ist für Vietnamesen nicht einfach, die deutsche Sprache zu erlernen und umgekehrt ist es nicht einfach für uns, die vietnamesische Sprache zu erlernen. Eine Besonderheit ist auch die Küche. Als Weihbischof habe ich Erfahrungen mit verschiedenen Küchen und mir fällt auf, dass die vietnamesische Küche sehr fein und abwechslungsreich ist. Die Küche ist so ähnlich wie ihre Sprache: komplex und vielfältig.

 

Faszinierend ist der Versuch, den Glauben treu weiterzugeben. Das kommt besonders von jenen Leuten, die als „Boat people“, jene in der Folge des Vietnamkrieges in Südostasien geflohene Menschen, zu uns gekommen sind.

 

Sie sind sehr heimatverbunden, traditionsbewusst, aber auch sehr flexibel, heute und hier tätig zu werden. Sei es als auch junge  Pfarrgemeinderäte oder wie Diakon Liem Duong, der der Leiter des Referats Einsegnungsdienst im Vikariat Wien-Stadt ist.

 

Eine große Rolle in der Liturgie spielen die Ahnen und auch die Märtyrer. Da gehen Liturgie und heimatliche Tradition(en) ein Stück weit gut zusammen. Etwa der rote Drache, den es in der Liturgie beim Beginn des neuen Jahres gibt oder die beliebten Prozessionen. Auch die Familie ist wichtig.

 

Dabei gibt es eine gewisse Spannung: Wie können Traditionelles und aktuell bei uns Erfahrenes verbunden werden? Wer beide Sprachen, Vietnamesisch und Deutsch, beherrscht, der kann beide reichhaltigen Kulturen, die einheimische und unsere, besser leben.

 


Anderssprachige Gemeinden der Erzdiözese Wien

Der SONNTAG berichtete bisher über:

 

Die albanische Gemeinde der Erzdiözese Wien

Die Philippinische Gemeinde (FCC) der Erzdiözese Wien

Die tschechische Gemeinde der Erzdiözese Wien

 


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Der SONNTAG
die Zeitung der Erzdiözese Wien
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1010 Wien
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F +43 (1) 512 60 63-3970

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