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25.03.2020 · Glaube · Glaubenswissen

Vorurteil oder nicht? Ignoranz und Vertuschung

Täter müssen zur Verantwortung gezogen werden, auch straf-, zivil- und kirchenrechtlich. Es darf nicht zu einer Umkehr von Täter und Opfer kommen.

Gerade das Thema Missbrauch zeigt, dass das Vertuschen oder gar Ignorieren in der Vergangenheit die falschen Wege waren. Liegt dieses Vertuschen-Wollen am „System“ Kirche, wie manche meinen? Oder sind die Ansprüche an die Kirche bereits Grund genug, dass nur mehr ein Versagen möglich ist?

 

Oft hört man den Vorwurf, dass die Kirche viel vertuscht, definitiv nicht nur in Bezug auf Missbrauch. Ist dieser Vorwurf berechtig?

 

Univ. Prof. Regina Polak
lehrt Pastoraltheologie an der Universität Wien

 

In der Aufarbeitung und zukünftigen Prävention von Missbrauch durch Priester und kirchliche Mitarbeiter müssen wir uns noch gründlich mit unseren kirchlichen Strukturen auseinandersetzen. Hier wurde von kirchlichen Verantwortungsträgern zu lange weggeschaut und vertuscht, im Namen einer falsch verstandenen Barmherzigkeit mit den Tätern, die die Opfer noch einmal zu Opfern macht.

 

Die Ursachen liegen aber nicht primär am Zölibat, sondern an problematischen Strukturen, wie z.B. der mangelnden Gewaltenteilung, Intransparenz und falsch verstandenen Vorstellungen von Autoritätsbeziehungen, die Missbrauch begünstigen.

 

Auch der Klerikalismus und eine Kultur des Wegschauens müssen bearbeitet werden. Eine Ekklesiologie, die davon ausgeht, dass kirchliche Strukturen sakrosankt sind, weil die Kirche ein Sakrament ist und daher als Institution nicht fehlbar werden kann, fördert Verschleierung.

Gerade weil kirchliche Strukturen sakramental sind, müssen wir sie prüfen und ändern, wenn sie Vertuschung von Schuld und Sünde fördern.

 

Univ. Prof. Matthias Beck
lehrt Moraltheologie an der Universität Wien und ist Priester

 

Missbrauch ist strafbar, und strafrechtliche Dinge müssen angezeigt werden. Und jeder, der das deckt und nicht zur Aufdeckung beiträgt, macht sich mitstrafbar. Dahinter steckt aber ein tieferes Problem, nämlich, dass wir in der Kirche keine Gewaltenteilung haben.

 

Ein Bischof ist Arbeitgeber und gleichzeitig auch Richter. Da beneide ich wirklich keinen Bischof, weil er immer in dieser Doppelfunktion ist: Er hat zum einen eine Schutzfunktion für seine Priester, denn er ist ihr „Chef“.   Gleichzeitig muss er aber auch aufklären, Richter sein und gegebenenfalls den Priester entlassen. Diese Doppel-Aufgabe ist sicher sehr belastend.

 

Und im Bereich des Missbrauches kommen beide Bereiche zusammen, das soll eigentlich nicht sein.

 

Wo gibt es Handlungsbedarf von Seiten der Kirche?

 

Univ. Prof. Regina Polak
lehrt Pastoraltheologie an der Universität Wien

 

Wir müssen lernen, dass auch Strukturen und die kirchliche Kultur des Umgangs miteinander Missbrauch begünstigen können und die Schuld zwar maßgeblich, aber nicht nur bei einzelnen Personen liegt.

 

Strukturen sind geronnene Beziehungen – und stark hierarchische Autoritätsbeziehungen, die verschleiert werden, weil man die damit verbundenen ungleichen Machtbeziehungen mit Verweis auf Geschwisterlichkeit verleugnet, sind ein Nährboden für missbräuchliche Beziehungen, sexuell, seelisch oder spirituell. Priester und kirchliche Leitungsfunktionen, die mit jungen Menschen arbeiten, müssen auf Herz und Nieren geprüft und bestens ausgebildet werden. Seelisch und sexuell unreife Personen dürfen solche Verantwortung nicht bekommen.

 

Die kirchlichen Ombudsstellen, die Rahmenordnung der Österreichischen Bischofskonferenz und der Ordensgemeinschaften „Die Wahrheit wird Euch frei machen“ haben dazu zahlreiche Maßnahmen gesetzt.

 

Univ. Prof. Matthias Beck
lehrt Moraltheologie an der Universität Wien und ist Priester

 

Da gibt es noch viel aufzuarbeiten innerhalb der Kirche. Aber jetzt kann man sich wieder fragen: Womit hängt das zusammen? Reine Männer-Kirche, Machtansprüche, vielleicht auch eine gewisse Arroganz, dass „so etwas bei uns gar nicht vorkommt“.

 

Leider kommen diese Missbrauchsfälle auch in der Gesellschaft vor, viel häufiger sogar als in der Kirche. Das habe ich schon in der Psychiatrie gelernt. Nur das entschuldigt die Kirche nicht, die eigenen Dinge müssen aufgeklärt werden. Also, wir müssten auch da Vorreiter sein. Und aufklären. Das läuft in der Erzdiözese Wien gut. Hier wurden auch gute Papiere dazu gemacht, das ist vorbildlich. Das kann auch ein Beispiel für die Welt sein. Denn überall auf der Welt muss noch aufklärt werden, in den Familien, in den Sportvereinen.

 

Als Kirche müssen wir aber nach wie vor zuerst im eigenen Umfeld aufräumen.

 

Wie kann die Spannung zwischen notwendiger Transparenz und Nicht-nach-außen-Tragen von Interna aufgelöst werden?

 

Univ. Prof. Regina Polak
lehrt Pastoraltheologie an der Universität Wien

 

Entscheidend ist, dass Sorge und Verantwortung für die Opfer an erster Stelle stehen. Opferschutz hat absoluten Vorrang.

 

Man muss Menschen, die durch kirchliche Verantwortungsträger beschädigt worden sind, zuhören, ihre Erfahrungen und Leidensgeschichten ernst nehmen und anerkennen, und dabei helfen, ihre Traumata zu bearbeiten.

 

Täter müssen zur Verantwortung gezogen werden, auch straf-, zivil- und kirchenrechtlich. Es darf nicht zu einer Umkehr von Täter und Opfer kommen.

 

Zugleich muss auch der Umgang mit der Schuld der Täter im christlichen Geist geschehen. Das heißt, der Täter muss sich seiner Verantwortung stellen und Rechenschaft geben, die Konsequenzen seiner Tat übernehmen und einen Beitrag zur Wiedergutmachung leisten. Eine billige Barmherzigkeit, die alles zudeckt und der Auseinandersetzung mit Schuld ausweicht, ist hier fehl am Platz. 

 

Gerechtigkeit ist gefragt. Aber auch der Täter muss die Möglichkeit zu Reue und Vergebung bekommen.  All diese Prozesse müssen transparent und geregelt sein, brauchen aber auch einen geschützten Raum.

 

Univ. Prof. Matthias Beck
lehrt Moraltheologie an der Universität Wien und ist Priester

 

Ich will das nochmal – über das bereits Gesagte hinaus - betonen: Wir brauchen den Opferschutz, die Täter müssen verurteilt werden.

 

Aber wir dürfen jetzt nicht alle in einen Generalverdacht bringen, dass Priester im Kollar, in der priesterlichen Kleidung, in der U-Bahn fahren und angespuckt werden und andere sagen: Bist du auch so ein Kinderschänder? Also wenn das zu so einer General-Verurteilung der Kirche führt, ist das ungerecht. Es gibt sehr viele gute Priester, die keinen Missbrauch begangen haben. Dennoch müssen die Fälle aufgeklärt und die Opfer entschädigt werden.

 

Man muss in Zukunft einer neuerlich drohenden Klerikalisierung entgegenwirken, sodass nicht eine Hochstilisierung der Priester erfolgt. Sie sollen einfache Arbeiter im Weinberg des Herrn sein und mehr dienen als herrschen. Und wir müssen das genannte Verhältnis zwischen „forum internum“ und „externum“ besser klären und eine Gewaltenteilung einführen.

 

Schutz der Innerlichkeit und Intimsphäre von Priestern darf nicht zur Vertuschung von Straftaten führen.

 

 

Abgesehen von Missbrauch: Stellen Menschen generell zu hohe Ansprüche an die Kirche? Ist hier Scheitern nicht sogar vorprogrammiert?

 

Univ. Prof. Regina Polak
lehrt Pastoraltheologie an der Universität WienHeader 1

 

Das Problem sind weniger die hohen Ansprüche, sondern Hochmut, moralischer Triumphalismus, Heuchelei, das Ausblenden der eigenen Endlichkeit und Schuldhaftigkeit sowie die Schwäche im Umgang mit Schuld.

 

Eine Kirche, die überdies an Andere hohe Ansprüche stellt, muss damit rechnen, dass sie am eigenen Maß gemessen wird. Die Menschen wenden sich auch ab, weil sie von Doppelmoral abgestoßen sind – dabei haben sie durchaus hohe Erwartungen an die Kirche, moralisch, spirituell, politisch.

 

Die Erschütterung trifft aber nicht nur Menschen außerhalb der Kirche. Ich sehe dies auch bei vielen Menschen aus dem Innersten der Kirche.

 

Viele Gläubige, langjährige Ehrenamtliche, sind schwer verstört und erschüttert. Das ändert man nicht, indem man die Ansprüche an sich selbst herabschraubt, sondern indem man die Schuld beim Namen nennt, die Ursachen analysiert, ernsthaft bereut und das Verhalten verändert.

 

Univ. Prof. Matthias Beck
lehrt Moraltheologie an der Universität Wien und ist Priester

 

Wir haben womöglich an die Stelle Gottes die Kirche gestellt. Es geht um die Gottes-Beziehung des Menschen. Der Mensch soll Gott finden, um sich selber zu finden. Und dazu soll die Kirche hilfreich sein. Es gibt Bereiche, wo die Kirche dem Menschen auf seinem Weg zu Gott im Wege steht, durch bestimmte Strukturen.


Da werden Grundlagen dafür gelegt, dass Menschen aus der Kirche austreten und nicht wieder zurückkehren, wo ich sage: Schade! Sie finden nämlich nichts Besseres! Mich schmerzt, dass wir das Christentum so schlecht verkaufen, dass die Leute austreten. Die Menschen müssten eigentlich mit den Füßen scharren. Die müssten Schlange stehen vor den Kirchen und fragen: Darf ich da rein?

 

Jesus sind die Menschen zu Tausenden nachgelaufen. Das ist der doppelte Schmerz. Einerseits: Wir verkaufen das großartige Christentum zu schlecht, sodass die Leute austreten. Und wir liefern den Kritikern noch zusätzliche Argumente, um die Kirche noch mehr zu kritisieren. Das ärgert mich doppelt und macht mich traurig.

erstellt von: Der SONNTAG / Michael Ausserer und Stefan Kronthaler
25.03.2020
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