Als „Möglichkeit innezuhalten und sich zu orientieren“ hat Kardinal Christoph Schönborn die vierte Wiener Diözesanversammlung bezeichnet, die vom 17. bis 19. Oktober 1.500 Delegierte aus allen Bereich der Erzdiözese Wien im Stephansdom versammelt hat. Seit der Erstellung der Leitlinien 2012 und den ersten Pilotprojekten sei der Blick auf die möglichen Veränderungen in der Kirche schon viel konkreter geworden. Es gelte, so der Wiener Erzbischof, bisher gewonnene Erfahrungen – Positives wie Negatives – zu bedenken und darüber zu reden. Das alles natürlich „immer im Blick auf Christus“ und „offen für alles Unvorhergesehene, für alles, das nicht planbar ist."
Schon bei der Eröffnung im Dom am Donnerstagnachmittag erinnerte Kardinal Christoph Schönborn die Delegierten eindringlich an das Grundprinzip des diözesanen Erneuerungs- und Reformprozesses: „Mission first“. Allen Überlegungen zugrunde liegen müsse die Option, wieder näher zu den Menschen zu gelangen. Der Kardinal verwies auf Papst Franziskus, der stets von einer sich den Menschen öffnenden Kirche spreche und dies auch lebe.
Die Erfahrungsberichte der Delegierten von ersten Reformbemühungen zeichneten ein buntes Bild der katholischen Kirche in der Erzdiözese Wien. Von großen Anlaufschwierigkeiten bei Pilotprojekten im Stadtdekanat Favoriten war da genauso die Rede wie von gelungenen Gebetsinitiativen oder sozialen Projekten im 19. Bezirk oder auch in Klein Mariazell. Deutlich wurde dabei, dass es in vielen Pfarren der Erzdiözese Wien bereits vor vielen Jahren erste Bestrebungen zu Umstrukturierungsprozessen gegeben hat. Pastoralassistentin Monika Loiskandl aus dem Dekanat 10 berichtete von ersten Schritten, die bereits unter Bischofsvikar Toni Berger gemacht worden seien. „Viele haben sich da eingebracht“, so Loiskandl: „Und das klingt natürlich toll, war aber nicht immer so toll. Bei vielen herrscht noch immer die Angst vor, was diese Reformen für sie bedeuten.“ Ermutigend sei aber, dass mittlerweile viele gute Sachen miteinander gemacht würden.
Abt Johannes Jung vom Wiener Schottenstift sprach die Bedeutung der Ordensgemeinschaften im Rahmen der Diözesanreform und des Strukturprozesses an und zeigte sich über die inzwischen gelungene Einbindung der Orden in den Erneuerungsprozess zufrieden. „Das gemeinsame Ansprechen aller Möglichkeiten macht einen gemeinsamen Weg möglich“, so der Abt. „Veränderungen sind etwas sehr schwieriges“ räumte Andrea Geiger, die Leiterin der „Stabstelle APG“ ein: „Wir stecken mittendrin und der Weg ist oft beschwerlich. Immer wieder müssen wir uns fragen: Ist das alles auch lebbar?"
Pastoralamtsleiterin Veronika Prüller-Jagenteufel bekannte, dass sie durch die Veränderungen „neue Seiten“ der Kirche kennengelernt habe: „Meine Kirche hat eine große Vielfalt und ich habe die Hoffnung, dass wir diese Vielfalt durch die Veränderungen noch viel mehr miteinander leben können.“
In bereits bewährter ehrlicher Art und Weise nutzten die Delegierten auch bei der vierten Diözesanversammlung das „offene Mikrofon“, um Kritik, Sorgen und Wünsche zum Ausdruck zu bringen. Die Wortmeldungen reichten hier vom klaren „Gott sei Dank passiert dieser Prozess“ und „Wir sind auf dem richtigen Weg“ bis zum sorgenvollen „Ich wünsche mir Platz für die Pfarre Neu genauso wie für den Pfarrverband oder die Seelsorgeräume“. Klar wurde beim „offenen Mikro“ einmal mehr, die Unsicherheit der Delegierten, die Details des Strukturprozesses betreffend: „Wie soll das Leitungsteam aus Laien arbeiten?“ wurde da etwa gefragt. Oft wurde die Sorge geäußert, dass durch den Strukturprozess die Zahl der Eucharistiefeiern abnehmen wird: „Die Gemeinden dürfen nicht eucharistisch ausgehungert werden“, sagte etwa einer der Anwesenden. Eine Delegierte appellierte an die Priester: „Liebe Pfarrer, traut den Laien mehr zu!“ und in Richtung Diözesanleitung sagte sie: „Begleitet Eure Pfarrer besser in diesem Prozess."
Er schwanke selbst, so Kardinal Christoph Schönborn am Donnerstagabend, „zwischen Zweifel und Gewissheit“ hinsichtlich der einzelnen konkreten Vorgaben seitens der Erzdiözese für die Reform. Diese sei jedoch insgesamt notwendig und das Projekt könne nur gelingen, „wenn wir gemeinsam auf den Herrn schauen."