
Er ging aus den Ideen des niederländischen Bischofs Cornelius Jansen hervor, dessen 1640 posthum veröffentlichtes Werk Augustinus eine strenge Rückkehr zur Gnaden- und Prädestinationslehre (Vorherbestimmung zu Heil bzw. Verdammnis) des Kirchenvaters Augustinus forderte. Jansen betonte die durch die Erbsünde geschwächte menschliche Natur und die absolute Notwendigkeit der göttlichen Gnade, der der Mensch nicht widerstehen könne.
Gnade, Freiheit und menschliche Schwäche
Die Jansenisten vertraten die Auffassung, dass Gott seine Gnade nur einer begrenzten Zahl von Menschen wirksam schenke und dass der Mensch aus eigener Kraft nicht zu seinem Heil beitragen könne. Damit rückten sie die Themen Prädestination, wirksame Gnade und Willensunfreiheit ins Zentrum ihrer Theologie. Gegner warfen ihnen vor, eine katholische Variante des Calvinismus zu vertreten, und kritisierten die daraus abgeleitete strenge Moral, die etwa den häufigen Kommunionempfang als Anmaßung betrachtete.
Ein Brennpunkt des Jansenismus wurde das Zisterzienserinnenkloster Port‑Royal bei Paris. Unter der Führung von Persönlichkeiten wie Angélique Arnauld und unter dem geistigen Einfluss des Abts Jean Duvergier de Hauranne (Saint‑Cyran) entwickelte sich das Kloster zu einem Zentrum strenger Reformfrömmigkeit. Hier entstand ein Netzwerk aus Nonnen, Theologen und gebildeten Laien – unter ihnen die später berühmten Denker Antoine Arnauld, Pierre Nicole und der junge Jean Racine, aber auch Blaise Pascal. Port‑Royal wurde zugleich bekannt für seine anspruchsvollen Schulen, die „Petites Écoles“, und seine literarische Produktion, etwa die Logik von Port‑Royal.
Besonders heftig stießen die Jansenisten mit dem Jesuitenorden zusammen, der in Seelsorge und Bildung eine größere Betonung menschlicher Freiheit und pastoraler Flexibilität vertrat. Jansenisten kritisierten die jesuitische Kasuistik als zu lax und warfen ihr vor, die Moral zu verwässern. Umgekehrt sahen die Jesuiten im jansenistischen Rigorismus eine Gefahr für das Vertrauen in die Sakramente. Dieser theologische Streit entwickelte sich rasch zu einem kirchenpolitischen Machtkampf und prägte Frankreich jahrzehntelang.
Die Kirche reagierte früh und deutlich. Bereits 1653 verurteilte Papst Innozenz X. fünf aus Jansens Werk gezogene Thesen als häretisch. Weitere Bullen verschärften die Maßnahmen; 1713 verurteilte die Bulle Unigenitus 101 Sätze des Jansenisten Pasquier Quesnel. In Frankreich betrachtete auch die Monarchie den Jansenismus als Bedrohung der kirchlichen und staatlichen Ordnung. Schließlich wurde Port‑Royal 1709–1712 gewaltsam aufgelöst, die Nonnen vertrieben und die Gebäude zerstört – ein symbolisches Ende des Einflusszentrums, aber nicht der Bewegung selbst.
Obwohl der Jansenismus offiziell verurteilt wurde, blieb sein Einfluss bestehen. Seine strenge Anthropologie und moralische Ernsthaftigkeit prägten Teile der französischen Literatur und Philosophie nachhaltig. Gleichzeitig formte die Auseinandersetzung mit jansenistischen Rigorismen das Profil mehrerer großer Heiliger, die bewusst pastorale Milde betonten – etwa Vinzenz von Paul, Alfons von Liguori oder die Herz‑Jesu‑Mystik um Margareta Maria Alacoque, deren Botschaft als geistliches Gegengewicht zum überzogenen Strengheitsideal verstanden wurde.
Der Jansenismus war mehr als eine theologische Richtung: Er war eine Bewegung, die Spiritualität, Bildung, Politik und Kultur Frankreichs zutiefst prägte. Sein strenger Gnadenbegriff führte zu scharfen Konflikten, aber auch zu wichtigen Gegenbewegungen innerhalb der Kirche. Bis heute bleibt er ein Beispiel dafür, wie innerkirchliche Reformimpulse zu weitreichenden geistigen Auseinandersetzungen führen können.