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27.01.2026
Kirchenlexikon

"Jesuitisch" - was ist das?

Während des Pontifikats von Papst Franziskus, dem ersten Jesuiten unter den Päpsten war seitens der Gegnern des Papstes viel von "jesuitisch" die Rede. Was meinte und meint man damit eigentlich?

Der Jesuitenorden, offiziell „Societas Jesu“ (Gesellschaft Jesu), wurde 1540 vom heiligen Ignatius von Loyola gegründet. Sein Ziel war es, der katholischen Kirche in einer Zeit tiefer Umbrüche – der Reformation und des Humanismus – neue Kraft zu geben. Von Beginn an standen Bildung, Wissenschaft, Mission und seelsorgliche Begleitung im Mittelpunkt der jesuitischen Tätigkeit.

 

Die Jesuiten verbanden eine starke spirituelle Ausrichtung mit einer ausgeprägten praktischen Orientierung. Grundlage war die ignatianische Spiritualität, die das Gewissen, die Fähigkeit zur Unterscheidung und den Einsatz des Verstandes betonte. Der Orden suchte nach Wegen, das Evangelium so zu vermitteln, dass es Menschen in ihrer konkreten Lebenswirklichkeit erreichte. Diese Kombination aus geistlicher Tiefe und pragmatischem Blick auf das Leben war prägend für die Arbeitsweise des Ordens und über Jahrhunderte prägend, gerade auch in unseren Breiten.

 

Was ist Kasuistik?

Die Kasuistik ist eine moraltheologische Methode, die besonders in der frühen Neuzeit verbreitet war. Sie versucht, allgemeine moralische Regeln auf konkrete Einzelfälle (lat. casus = Fall) anzuwenden. Die Grundidee: Moralische Urteile müssen nicht nur abstrakt richtig sein, sondern auch die reale Lebenssituation eines Menschen berücksichtigen.

 

In einer Zeit großer gesellschaftlicher Veränderungen – etwa durch neue Wirtschaftsformen, globale Handelsbeziehungen und politische Umbrüche – standen Christen häufig vor neuartigen Gewissensfragen. Kasuistik sollte helfen, in solchen schwierigen Fällen verantwortliche Entscheidungen zu treffen.

 

"Jesuitenkasuistik": Anliegen und Methode

Die Jesuiten griffen die kasuistische Tradition auf und entwickelten sie weiter. Ihr Hauptanliegen war Seelsorge: Sie wollten Menschen ermöglichen, moralisch verantwortliche Entscheidungen zu treffen, ohne sie zu überfordern oder in starre Regeln zu drängen. Wesentliche Merkmale jesuitischer Kasuistik waren:
 

  • Einzelfallorientierung: Man prüfte die konkrete Situation, Motive und Umstände.
  • Gewissensbildung: Der Mensch sollte zu einer innerlich getragenen Entscheidung kommen.
  • Pastorale Milde: In Zweifelsfällen suchte man eher eine „mildere“ Lösung, die dem Menschen half, weiter im Glauben zu wachsen.
  • Praktische Vernunft: Man wollte lebensnahe und realistische Antworten geben, nicht bloße Prinzipienwiederholungen.

 

Kritik und Wirkung

In der Geschichte wurde die Jesuitenkasuistik oft kritisiert – besonders von protestantischen und jansenistischen Autoren und später von Aufklärern wie Pascal. Man warf ihr vor, zu „weich“ zu sein und moralische Regeln zu sehr zu lockern. Diese Kritik war häufig polemisch geprägt und berührte politische Spannungen der Zeit. Historisch gesehen war die jesuitische Kasuistik jedoch ein Versuch, im Rahmen der katholischen Moraltheologie praktische Antworten auf komplexe Lebenssituationen zu geben. Sie war keineswegs grenzenlos, sondern bewegte sich innerhalb kirchlicher Lehre und der Tradition des Ordens.

 

Bedeutung heute

Auch wenn der Begriff „Kasuistik“ heute weniger verwendet wird, lebt vieles ihres Ansatzes fort:
die Bedeutung der Gewissensentscheidung, die sorgfältige Betrachtung von Umständen und eine pastoral sensible Begleitung. Die moderne katholische Moraltheologie arbeitet zwar mit anderen Methoden, nimmt aber weiterhin Elemente der jesuitischen Tradition auf. Viele dieser Motive prägten die Lehre von Papst Franzikus und viele der alten Polemiken wurde gerade während seines Pontifikats vonseiten rigoristischer Strömungen neu bedient. 

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