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Montreal - QC - St.-Josephs-Oratorium (innen)
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27.01.2026
Kirchenlexikon

Was ist das Oratorium?

Oratorium ist ein Begriff mit tiefer geistlicher und kultureller Geschichte.

Der Begriff Oratorium entstammt vom lateinischen Verb orare –"reden" bzw. „beten“. Bereits im frühen Christentum bezeichnete er jene kleinen, oft unscheinbaren Gebetsräume, die Gläubigen als Rückzugspunkt dienten. Solche Oratorien finden Erwähnung bei Klemens von Alexandrien und später in den liturgischen Ordnungsschriften des 6. und 7. Jahrhunderts, etwa in der Regula Benedicti, die private Gebetsräume für Mönche beschreibt. Auch die ersten fränkischen Königsresidenzen – etwa unter Chlodwig II. – verfügten über Oratorien als intimere Gegenstücke zu großen Basiliken.

 

In der Musikgeschichte gewann der Begriff im 16. Jahrhundert neue Bedeutung: In Rom versammelte der heilige Philipp Neri (1515–1595) in seinem „Oratorio“ Menschen zu Gebet, geistlichem Gespräch und Gesang – zu jenen berühmten Zusammenkünften, aus denen die musikalische Gattung hervorgehen sollte. Seine Mitarbeiter wie Giovanni Animuccia gestalteten die „Laudi spirituali“, geistliche Lieder, die diese Treffen prägten und als unmittelbare Vorläufer des Oratoriums gelten. Auch die Priestergemeinschaften, die sich auf den Hl. Philippi Neri zurückführen, darunter auch eines in Wienb- nennen sich bis heute deshalb Oratorianer. 

 

Im 17. Jahrhundert entwickelten Komponisten wie Giacomo Carissimi die Form weiter: Seine Werke – etwa Jephte oder Jonas – begründeten das dramatische, aber nicht szenisch aufgeführte Oratorium, das biblische Geschichten mit erzählerischer Kraft und musikalischer Tiefe verband. Im Barock erreichte die Gattung ihren klassischen Ausdruck: Georg Friedrich Händel schuf mit Der Messias (1742), Israel in Ägypten (1739) und König Saul (1738) Werke, die das Oratorium endgültig im Kanon großer geistlicher Musik verankerten.

 

Eine dritte Bedeutungsebene erhielt der Begriff im 19. Jahrhundert: In Italien wurde das „Oratorio“ zur Bezeichnung kirchlicher Jugendarbeit. Pionier dafür war Johannes Bosco (Don Bosco, 1815–1888), der in Turin sein „Oratorio di San Francesco di Sales“ gründete – ein Ort, der jungen Menschen Gebet, Bildung, Spiel, Sicherheit und Gemeinschaft bot. Seine Methoden verbreiteten sich rasch und prägten bis heute die italienische und internationale Jugendpastoral: Ein „Oratorio“ ist dort weniger ein Gebäude als vielmehr ein lebendiger pädagogischer Raum, getragen von geistlichem Anspruch und menschlicher Nähe.

So vereint der Begriff Oratorium drei historische Linien – den stillen Gebetsraum der Alten Kirche, die erzählende Klangwelt der christlichen Musik und die lebendige Gemeinschaftspastoral der Moderne. Jede dieser Dimensionen verweist darauf, dass das Oratorium ein Ort ist, an dem Glaube hörbar, sichtbar und erfahrbar wird.

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