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Block auf den Wiener Stephansdom
Erzdiözese Wien / Schönlaub, Stephan Schönlaub / Block auf den Wiener Stephansdom
27.01.2026
Kirchenlexikon

Was ist eine Ostung?

Dass viele Kirchenbauten nach Osten ausgerichtet sind, fällt im Alltag kaum auf. Doch hinter dieser jahrhundertealten Tradition steckt ein reiches Symbolgefüge, das tief mit dem christlichen Glauben, der Liturgie und der gesamten Baukunst des Abendlandes verwoben ist.

Die sogenannte Ostung – die bewusste Orientierung des Kirchengebäudes nach Osten – ist mehr als ein architektonisches Detail. Sie ist Ausdruck eines Glaubens, der den Blick auf das Licht richtet.

 

Der Osten als Ort der Hoffnung

Im Christentum gilt der Osten seit der frühen Kirche als Richtung des aufgehenden Lichts. Der Sonnenaufgang wurde zu einem Bild für Christus, den „Lichtbringer“, den Auferstandenen und den Wiederkommenden. Schon die Kirchenväter beschrieben den Osten als Sinnbild dafür, dass Gott „neues Licht in die Welt bringt“. Die natürliche Bewegung der Sonne wurde so zum theologischen Zeichen: Wer sich nach Osten wendet, wendet sich symbolisch Christus zu.Diese Ideen prägten früh die Gebetspraxis. Christen orientierten sich bei ihren Gebeten bewusst gen Osten. Das Kirchengebäude selbst wurde damit zur steinernen Verlängerung dieser Gebetsrichtung.

 

Architektur im Dienst des Glaubens

Ab dem 4. Jahrhundert setzte sich die Ostung zunehmend als Gestaltungsprinzip durch. Der Altarraum – das Herz jeder Kirche – wurde idealerweise im Osten platziert. Die Gläubigen blickten beim Gottesdienst in jene Richtung, aus der das Licht des Tages strömt. Das Gebäude selbst wurde so zu einer Art „Kompass des Glaubens“. In vielen Regionen Europas prägt diese Orientierung bis heute das Landschaftsbild: Kirchen stehen leicht diagonal zu Straßen oder Plätzen, weil sich ihre Ausrichtung weniger an der Umgebung als an der Himmelsrichtung orientiert. Auch viele österreichische Kirchen folgen diesem Prinzip.

 

Wenn Architektur und Sonne

zusammenspielen

Besonders eindrucksvoll zeigt sich die Ostung dort, wo Baukunst, Astronomie und Theologie bewusst zusammengeführt wurden. Zahlreiche mittelalterliche Kirchen sind so geplant, dass der Sonnenaufgang an einem bestimmten Tag – meist dem Patronatsfest – durch ein genau platziertes Fenster fällt und so den Innenraum mit symbolischem Licht erfüllt.

 

Auch der Stephansdom in Wien weist eine solche Feinorientierung auf. Die Lichtführung am Festtag des heiligen Stephanus (26. Dezember) zählt zu jenen faszinierenden Phänomenen, bei denen die architektonische Ostung in ein liturgisches Schauspiel übergeht: Das frühe Winterlicht dringt durch ausgewählte Fenster und verstärkt die Festsymbolik, die der Kirchenpatron verkörpert.

 

Ostung heute – Tradition mit Gegenwartskraft

Obwohl moderne Kirchenbauten nicht immer strikt nach Osten ausgerichtet sind, bleibt die Idee dahinter lebendig. Die Ostung erinnert bis heute an die christliche Hoffnung auf Licht, Auferstehung und Vollendung. Sie verbindet Glauben, Naturerfahrung und Baukunst zu einem sprechenden Zeichen: Wer eine Kirche betritt, betritt einen Raum, der den Blick auf das Morgen richtet.

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