Papst Leo hat großes Interesse an der Kirche in Österreich bzw. in der Erzdiözese Wien. Das hat Erzbischof Josef Grünwidl im Anschluss an seine Privataudienz beim Papst am Montagabend im Interview mit Kathpress in Rom betont. Der Papst habe ihn eingeladen, frei über die Situation in Wien zu sprechen, so Grünwidl: "Der Papst hat sehr gezielt bei einzelnen Punkten nachgefragt, wo er noch genauere Informationen wollte. Ich habe das als sehr wertschätzend empfunden. Auch, dass er sehr daran interessiert ist, wirklich genau zu hören und gut zu wissen, was los ist und worum es geht."
Ihm sei es wichtig gewesen, so Grünwidl, dem Papst freimütig die Lage in der Erzdiözese Wien mit ihren unterschiedlichen Lebensrealitäten zwischen der Hauptstadt und den ländlichen Regionen Niederösterreichs zu schildern: "Wir haben hier unterschiedliche Geschwindigkeiten bei der Erosion des christlichen und des kirchlichen Lebens." Es sei ihm aber wichtig, "auch in dieser Zeit der Transformation, in der sich eine neue Kirchengestalt entwickelt und eine altvertraute Kirchengestalt an prägender Kraft verliert, immer wieder darauf hinzuweisen: Es gibt Grund zur Hoffnung. Gott umarmt uns im Heute. Wir sollen nüchtern die Realität anschauen und mit Hoffnung und Zuversicht das tun, was uns möglich ist und auch neue Wege beschreiten."
Grünwidl bestätigte, er habe bei der halbstündigen Audienz mit dem Papst auch über "klassische Reformthemen" geredet. Näheres wollte er dazu nicht sagen. Gefragt nach seiner eigenen Haltung zu der in Deutschland kontrovers geführten Debatte über Segnungsfeiern für gleichgeschlechtliche Paare, erklärte Grünwidl, in Österreich sei man "sehr froh" gewesen über die vatikanische "Erlaubnis, dass es Segnungen in ganz einfacher Form für irreguläre Paare geben soll und geben kann." Deutschland gehe einen "direkteren Weg", merkte Grünwidl an. "Ich kommentiere nicht Entscheidungen der deutschen Bischöfe, glaube aber, dass dieser von Papst Franziskus begonnene Kurs, auf Menschen zuzugehen, die um Segen bitten, und ihnen zu ermöglichen, Segen zu empfangen, ein richtiger und auch pastoral kluger Weg ist."
Synodalität auf den Boden bringen
Mit Blick auf das Thema Synodalität, den Weg zu mehr Mitverantwortung aller Getauften, sprach Grünwidl im Kathpress-Interview unter Berufung auf Papst Franziskus von einem nötigen "Kulturwandel in der Kirche" und fügte hinzu: "Ich erwarte mir für uns in Österreich, dass wir dieses große Wort Synodalität durchbuchstabieren und sozusagen auf den Boden bringen, es wirklich konkret machen. Und das erwarte ich mir auch von der Weltkirche."
Papst Leo habe bereits gezeigt, dass er Synodalität weiterführen werde. Der Wiener Erzbischof sieht dafür einen klaren Weg: "Es sind jetzt sicher Schritte notwendig, um das noch einmal durchzudenken, theologisch zu reflektieren. Und wenn es zu synodalen Schritten kommt, etwa zu stärkerer Partizipation von Getauften - Frauen und Männern - auch auf Entscheidungsebenen, dann muss das in Richtlinien, in Kirchengesetze gegossen werden, sodass Synodalität landet und konkret gelebt werden kann."
Auch die Umstände seiner eigenen Ernennung zum Wiener Erzbischof klangen bei der Audienz an, bestätigte Grünwidl zudem auf Anfrage von Radio Vatikan. Leo XIV. war bereits als Präfekt des Bischofsdikasteriums mit der Nachfolge von Kardinal Christoph Schönborn befasst und nahm dann als Papst die Ernennung Grünwidls vor. Der Erzbischof sagte, der Papst kenne die Situation gut. "Leo war im November 2024 als Kardinal noch in Wien zu Besuch, damals auch zu einem Gespräch mit dem Herrn Kardinal Schönborn, wo es sicher auch um die Frage der Nachfolge gegangen ist. Ich hatte durchaus das Gefühl, dass er auch für mein Zögern und für meine Vorbehalte, die anfangs da waren, Verständnis hat."
Ökumenischer und interreligiöser Dialog
Als besonderen Beitrag Wiens für die Weltkirche, den er gerne einbringen würde, nannte Grünwidl das ökumenische und interreligiöse Miteinander in Wien. In der österreichischen Hauptstadt treffe sich regelmäßig der Rat der Religionen. "Dadurch, dass es persönliche Beziehungen gibt zu Vertretern anderer Glaubensgemeinschaften und Kirchen, wird auch manches möglich - einfach, weil wir einander kennen und miteinander im Gespräch sind."
Grünwidl verwies gegenüber Radio Vatikan auch auf Kardinal Franz König und die von ihm 1964 gegründete Stiftung "Pro Oriente" zur Förderung der ökumenischen Beziehungen zwischen der römisch-katholischen und den orthodoxen Kirchen. "Dieses Miteinander, glaube ich, gelingt in Österreich und auch in der Stadt Wien, in der Erzdiözese Wien sehr gut. Ich denke, das wäre ein Baustein, ein Erfahrungswert, den wir einbringen können."
Beeindruckende Persönlichkeit
Sichtlich bewegt zeigte sich Grünwidl im Interview mit Kathpress über die Persönlichkeit des Papstes: "Ich habe Papst Leo als einen Mann erlebt, der mir das Gefühl gegeben hat, er ist ganz für mich da, nimmt mich ernst, hört mir zu. Auch wenn der Papst sehr viel zu tun hat und noch viele Termine kommen - jetzt, in dieser halben Stunde ist er ganz für mich da", so der Wiener Erzbischof wörtlich. In dieser Hinsicht wolle er sich ein Beispiel am Papst nehmen "und ich denke, das könnte auch für viele andere ein Impuls sein zum kritischen Nachdenken über die Selbstpräsenz. Und darüber, wie wir für andere da sind - oder ob wir an ihnen vorbeileben."
Gespräche im Vatikan
Neben der Papstaudienz standen und stehen für Grünwidl in diesen Tagen in Rom Gespräche in mehreren Kurienbehörden auf dem Programm. Bereits am Montag war er im Dikasterium für Kultur und Bildung. Dort sei ihm "noch einmal klar geworden, dass Wien zum Beispiel auch als Universitätsstadt doch einen Status hat und auch von Rom und weltkirchlich gesehen als ein wichtiger Player betrachtet wird", so der Erzbischof im Interview. Zugleich gehe es um persönliche Kontakte im Vatikan.
Bischofs- und Klerusdikasterium sowie das Staatssekretariat standen am Dienstag auf dem Programm. "Vor allem geht es mir darum, dass die zuständigen Kardinäle und auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in diesen Dikasterien mich als neuen Erzbischof einmal sehen und kennenlernen", sagte Grünwidl gegenüber Radio Vatikan.
Bundespräsident Alexander Van der Bellen hat Papst Leo XIV. unlängst nach Österreich eingeladen. Erzbischof Josef Grünwidl hat diese Einladung im Rahmen seiner Privataudienz beim Papst am Montag bekräftigt. Das hat Grünwidl im Interview mit Kathpress am Montagabend in Rom bestätigt: "Ich habe die Einladung wiederholt und dem Papst gesagt, dass wir uns sehr freuen würden, wenn er nach Österreich kommt."
Freilich sei er sich dessen bewusst, so Grünwidl, "dass wir in Österreich weltkirchlich gesehen zahlenmäßig eine sehr kleine Kirche sind". Nur rund drei Promille der Katholiken weltweit lebten in Österreich. Zugleich könne man aber schon auch hinzufügen, dass die Bedeutung von Wien und Österreich für Europa sicherlich höher zu bewerten sei. Für die Einladung habe sich der Papst bedankt, aber sich nicht weiter dazu geäußert, so Grünwidl: "Mein Eindruck ist, dass Österreich jetzt nicht ganz oben auf seinen Reiseziel-Listen steht."
Pallium und Kardinalsernennungen
Darauf angesprochen, dass er als Wiener Erzbischof von vielen auch als künftiger Kardinal gehandelt wird, meinte Grünwidl, er wisse nicht, welchen Kurs Papst Leo im Blick auf Kardinalsernennungen fahren wird. Papst Franziskus habe befunden, dass das Kardinalskollegium immer noch europäisch überrepräsentiert sei und nicht mehr der Realität der Weltkirche entspricht. Und so habe er begonnen, die Erzbischöfe in europäischen Hauptstädten wie Prag, Paris oder Berlin nicht mehr automatisch zu Kardinälen zu ernennen. Er persönlich finde es klug, "dass man im Kardinalskollegium versucht, die Realität der Weltkirche abzubilden". Aber das sei eine Entscheidung, die Papst Leo zu treffen hat.
Im Interview mit dem ORF fügte Grünwidl hinzu, dass er persönlich jedenfalls keine Ambitionen auf die Kardinalswürde habe: "Kardinal zu sein bedeutet, öfter auch in Rom zu sein, und ich bin in Wien wirklich ausgelastet."
Im Kathpress-Interview kam Grünwidl auch darauf zu sprechen, dass er am 29. Juni, dem Festtag von Peter und Paul, in Rom von Papst Leo wie alle neu ernannten Erzbischöfe das Pallium überreicht bekommt. Das mit sechs Kreuzen bestickte, etwa fünf Zentimeter breite Band aus weißer Lammwolle dürfen nur Erzbischöfe tragen, die eine Kirchenprovinz leiten. In Österreich sind dies der Erzbischof von Salzburg und von Wien. Dieses Wollband erinnere ihn noch stärker an die Aufgabe und an das Geschenk, "Hirte für die Menschen sein zu dürfen". Zudem sei es ein "Symbol der tiefen Verbundenheit mit dem Heiligen Vater".