"Wir brauchen gute Theologinnen und Theologen - nicht nur in der Kirche und in der Schule, sondern auch in Politik und Wirtschaft, Kunst, Kultur und Medienwelt": Mit diesen Worten hat der Wiener Erzbischof Josef Grünwidl beim Semesterabschlussgottesdienst der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien die gesellschaftliche Bedeutung theologischer Bildung hervorgehoben. Kritisches Denken, wissenschaftliche Reflexion und die Fähigkeit, über Glauben und Religion Auskunft zu geben, seien weit über kirchliche Berufsfelder hinaus gefragt, sagte Grünwidl am Dienstag, 23. Juni 2026, in der Wiener Schottenkirche. Den Gottesdienst feierten neben Dekanin Andrea Lehner-Hartmann auch zahlreiche weitere, Professorinnen und Professoren, Lehrende, Forschende sowie Studierende mit.
Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Religionen und Glaubenstraditionen sei ebenso wichtig wie die persönliche Reflexion des Glaubens, betonte Erzbischof Grünwidl laut Predigtmanuskript. Und weiter: "Darum zuerst ein klares und deutliches 'Ja' zum Studium der Theologie. Denken, kritisch nachdenken, wissenschaftliche Erkenntnisse über Religionen und Glaubenstraditionen gewinnen ist wichtig. Den eigenen Glauben reflektieren und darüber Auskunft geben können, tut gut und ist notwendig."
Grünwidl sprach auch eine Form von routinemäßiger Kommunikation mit Gott an sowie die Verflachung religiöser Praxis durch Gewöhnung. Ausgehend von einer Passage der Bergpredigt über das Heilige und die "Perlen" sprach er von der Gefahr, dass der tägliche Umgang mit Glauben, Theologie und kirchlichen Vollzügen zur bloßen Routine werde. "Die Gefahr der religiösen Routine ist mir nicht fremd", sagte Grünwidl. Es brauche daher immer wieder Ehrfurcht und Aufmerksamkeit gegenüber dem Heiligen.
Als zentrale Botschaft des Evangeliums hob der Wiener Erzbischof die Goldene Regel hervor: "Alles was ihr von anderen erwartet, das tut auch ihnen." Diese sei bewusst aktiv formuliert und fordere dazu auf, den ersten Schritt zu setzen; unabhängig davon, wie andere handeln. Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft, Barmherzigkeit und Versöhnungsbereitschaft dürften nicht von Vorleistungen anderer abhängig gemacht werden. Die Goldene Regel verdichte den christlichen Anspruch, das eigene Leben an Gott auszurichten und die Liebe konkret zu leben. Das sei keine einfache Aufgabe, so Grünwidl. "Die Liebe leben - das bleibt für uns alle ein lebenslanges Studium, ein ständiges Lernen und Üben. Denn die 'Goldene Regel' kennt keine Ferien."
Die Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien ist die älteste Theologische Fakultät im deutschsprachigen Raum. Derzeit studieren an der KTF rund 1.000 Studierende inklusive Doktoratsstudierenden.
Das Studienangebot umfasst verschiedene theologische und religionswissenschaftliche Studienrichtungen aller akademischer Grade. Etwa 70 Forschende sind aufgeteilt auf sieben Institute und fünfzehn Fachbereiche. Zuletzt wurde eine eigene "Doctoral School of Theology and Research on Religion" (VDTR) an der Universität Wien gegründet, die theologische und religionswissenschaftliche Forschung fördern soll.
Direkt an der Fakultät angesiedelt ist das Forschungszentrum "Religion and Transformation in Contemporary Society", sowie die gemeinsame Fachbereichsbibliothek Katholische und Evangelische Theologie, die mit rund 400.000 Bänden und 800 Zeitschriften zu den größten theologischen Bibliotheken Mitteleuropas gehört.
Website: https://ktf.univie.ac.at