Mit einem Wortgottesdienst im Wiener Stephansdom gedenkt die katholische Kirche am Sonntag, 2. August, der im Holocaust ermordeten Roma und Sinti. Weihbischof Franz Scharl, in der Österreichischen Bischofskonferenz für Roma, Sinti und Jenische zuständig, lädt dazu gemeinsam mit Vereinen und Aktivisten um 14.30 Uhr in den Dom. Der Wortgottesdienst steht unter dem Leitwort „Dikh he na bister – Schau hin und vergiss nicht“ und schließt mit einer Kranzniederlegung. Anschließend findet im Arkadenhof des Erzbischöflichen Palais eine Agape mit Lesungen und Musik statt. Die Feier soll, so die Veranstalter, ein Zeichen des Erinnerns, der Menschlichkeit und des gesellschaftlichen Zusammenhalts setzen.
Österreich begeht den 2. August als Nationalen Holocaust-Gedenktag für Roma und Sinti. Der Tag erinnert an die Ermordung von rund 4.300 Roma und Sinti in der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Das Europäische Parlament erkannte ihn 2015 als Gedenktag für den Völkermord an Roma und Sinti während des Zweiten Weltkriegs an. In Österreich beschloss der Nationalrat im Jänner 2023 einstimmig die Einrichtung eines Nationalen Gedenktags für die im Holocaust verfolgten und ermordeten Roma und Romnja sowie Sinti und Sintizze.
Bereits am Freitag, 31. Juli, lädt das Parlament um 10 Uhr zu einer Kranzniederlegung im Weiheraum beim Äußeren Burgtor in Wien. Die Schauspielerin Mercedes Echerer liest aus der Lebensgeschichte von Walpurga Horvath, Pfarrer Matthias Platzer leitet ein freies Gebet. „Menschenwürde ist etwas Unantastbares und darf niemals infrage gestellt werden. Die Erinnerung an die traurige Vergangenheit soll ein Impuls sein, die Zukunft menschenwürdig zu gestalten“, sagte der geistliche Assistent der Romaseelsorge der Diözese Eisenstadt. An der zum zweiten Mal stattfindenden Gedenkveranstaltung nehmen auch der Zweite Nationalratspräsident Peter Haubner und Bundesratspräsidentin Christine Schwarz-Fuchs teil. Martin Denic wird die Feier musikalisch am Akkordeon begleiten.
„Ich denke, es ist auf jeden Fall besser spät als nie, dass der Gedenktag eingerichtet wurde“, sagte Platzer, der auch dem Volksgruppenbeirat der Roma angehört. Die Anerkennung dieser Opfergruppe sei lange vernachlässigt worden. „Vergessen zu werden, tut weh.“ Nun bestehe die Chance, das Selbstbewusstsein der Volksgruppe zu stärken. Die Kranzniederlegung sei ein notwendiger Akt, um allen Menschen ihre Menschenwürde zuzuerkennen. Solche Gedenkakte zeigten, dass die Opfer nicht totgeschwiegen würden, sondern in Erinnerung und im Bewusstsein blieben. Gerade die Kirche kenne eine Gedenkkultur, die Verstorbene im Gedächtnis behalte, so der Priester. Im Burgenland ist das Anzünden von Kerzen ein zentraler Teil des Gedenkens an die verfolgten und ermordeten Roma. Das Mahnmal für die Opfer des Roma-Attentats in Oberwart, Gedenktafeln in Jabing oder der Kirchenpark in Neusiedl am See bieten eigens gestaltete Orte, an denen Angehörige und Bürger Kerzen, Blumen und Steine niederlegen können.
Ebenfalls am 31. Juli findet eine Gedenkfeier des Innenministeriums auf dem Friedhof der Roma und Sinti in Lackenbach statt. Nach einer historischen Einordnung durch den Historiker Gerhard Baumgartner und einem Beitrag von Vivian Taubmann vom Verein Friedhof der Sinti in Lackenbach spricht Manuela Horvath, Leiterin des Referats für Romapastoral der Diözese Eisenstadt, ein Gebet. Anschließend wird am zentralen Denkmal ein Kranz niedergelegt.
Der offiziell anerkannte Gedenktag sei ein wichtiger Schritt, um das Leid der Opfergruppe sichtbar zu machen und zu zeigen, „dass man uns nicht vergisst“, sagte Horvath.
Gedenken und gelebter Glaube verbinden sich auch bei der Roma-Wallfahrt nach Mariazell, die heuer am 9. August zum 30. Mal stattfindet. Weihbischof Scharl wird der Messe in der Basilika vorstehen. Im August 1996 war der Bittgang zur Magna Mater Austriae, nachdem er während der NS-Zeit verboten worden war, von österreichischen Roma-Vereinen wieder ins Leben gerufen worden. Auch heuer werden Roma, Sinti und Lovara aus Österreich und anderen europäischen Ländern erwartet.
„Es ist ein Ort, an dem wir nicht nur unseren Glauben, sondern auch unsere Kultur leben können, wo aber gleichzeitig Gemeinschaft und Austausch mit Menschen außerhalb der Volksgruppe im Mittelpunkt stehen“, erklärte Horvath. Bei der Wallfahrt werden Lieder auf Romanes und Deutsch gesungen, darunter auch Gesänge aus dem Gotteslob. Musikalisch gestaltet wird die Messe von der jungen Gruppe Post Meridiem, die aus einer Roma- und einer Nicht-Roma-Musikerin besteht und mit ihrer Musik Freundschaft und Verbundenheit zum Ausdruck bringt. Die Romapastoral der Diözese Eisenstadt organisiert eine gemeinsame Fahrt nach Mariazell. Eine Gruppe mit rund 60 Personen startet am Sonntag um 6 Uhr in Oberwart. Aufgrund der großen Nachfrage wurde erstmals auch ein Bus für Wallfahrerinnen und Wallfahrer aus Wien organisiert. Unterstützt wird die Fahrt aus Mitteln der Volksgruppenförderung des Bundeskanzleramts.
Ein besonderes Zeichen setzen Kinder und Jugendliche mit einer eigens gestalteten Wallfahrtskerze zum Thema Frieden. Der Gabenzug wird die Geschichte sowie die gegenwärtige Situation von Roma und Sinti in Österreich und Europa aufgreifen.