Ungarische Gebete und Gesänge erfüllten am Samstag den Wiener Stephansdom: Mehrere Hundert Gläubige aus Ungarn sowie aus ungarischen Gemeinden in Österreich, der Slowakei und Rumänien feierten das Fest des heiligen Königs Stephan. Die traditionelle Messe zum ungarischen Nationalfeiertag machte zugleich sichtbar, wie eng die Geschichte des Nachbarlandes seit Jahrhunderten mit Wien und seiner Kathedrale verbunden ist.
Hauptzelebrant war György Udvardy, Erzbischof von Veszprém und stellvertretender Vorsitzender der Ungarischen Bischofskonferenz. Gemeinsam mit ihm feierte unter anderem János Varga, Rektor des Wiener Pázmáneums. Auch die ungarische Botschafterin in Österreich, Edit Szilágyiné Bátorfi, nahm an dem Gottesdienst teil.
In seiner Predigt stellte Udvardy die Frage, welche Bedeutung das Erbe des heiligen Stephan heute noch haben könne. Es gehe nicht um eine bloße Erinnerung an die Vergangenheit, sondern um ein Fundament, das auch in einer veränderten Gesellschaft Orientierung gebe. Für Stephan sei dieser tragende Grund Jesus Christus gewesen. Aus dem Glauben habe der König Maßstäbe für sein politisches Handeln und für seinen Dienst am Gemeinwohl gewonnen.
Ein Staat habe, so Udvardy, nicht zuerst seiner eigenen Macht zu dienen. Seine Aufgabe bestehe darin, gerechte Verhältnisse zu schaffen und besonders jene zu schützen, die arm, klein oder auf Hilfe angewiesen seien. Gesetz und Gewissen dürften dabei nicht auseinanderfallen. Christliche Politik müsse sich daran messen lassen, ob sie der Würde jedes Menschen diene.
Ein König prägt ein Land
Stephan I., der um das Jahr 975 geboren wurde und 1038 starb, gilt als Gründer des christlichen Königreichs Ungarn. Um die Jahrtausendwende wurde er zum ersten König des Landes gekrönt. Er errichtete Bistümer, förderte Klöster und band Ungarn dauerhaft in das christliche Europa ein. 1083 wurde er gemeinsam mit seinem Sohn Emmerich heiliggesprochen. In Ungarn wird sein Fest am 20. August zugleich als Nationalfeiertag und Tag der Staatsgründung begangen.
Sein Vermächtnis, betonte Erzbischof Udvardy, lasse sich nicht allein durch Institutionen bewahren. Jede Generation müsse neu lernen, den Glauben weiterzugeben. Gerade junge Menschen bräuchten Wege, auf denen sie die christliche Botschaft als lebensnah und tragfähig erfahren könnten. Eine besondere Bedeutung komme dabei der Eucharistie zu: Sie schenke Kraft, Orientierung und forme aus vielen Einzelnen eine Gemeinschaft.
Ungarisches Glaubensleben in Wien
Ungarischsprachiges katholisches Leben hat in Wien eine lange Geschichte. Die heutige Gemeinde führt ihre Anfänge bis in das Jahr 1522 zurück. Einen wichtigen Mittelpunkt bildete seit dem 17. Jahrhundert das von Kardinal Péter Pázmány gegründete Pázmáneum. Das frühere ungarische Priesterseminar in der Boltzmanngasse ist heute Studien- und Gästehaus und versteht sich weiterhin als eine „Wiener Botschaft“ der ungarischen Kirche.
Zur gegenwärtigen Gemeinde gehören alteingesessene Familien ebenso wie Studierende, Berufstätige und Menschen, die erst in den vergangenen Jahren nach Österreich gekommen sind. Geleitet wird sie von Dechant Ferenc Simon. Jeden Sonntag um 11 Uhr wird in der Pfarrkirche Am Tabor in der Leopoldstadt die Messe auf Ungarisch gefeiert; weitere Gruppen und Gemeindeaktivitäten treffen sich ebenfalls dort. Auch im Stephansdom gibt es regelmäßig Gelegenheit zur Beichte in ungarischer Sprache. (Informationen der Ungarischen Gemeinde).
Ein besonders starkes Band zwischen Wien und Ungarn ist das Gnadenbild von Mária Pócs im Stephansdom. Die aus einer griechisch-katholischen Kirche im heutigen Ostungarn stammende Ikone soll 1696 Tränen vergossen haben und wurde im folgenden Jahr nach Wien gebracht. Seitdem zählt die „Madonna von Pötsch“ zu den meistverehrten Marienbildern der Kathedrale. Maria weist auf dem Bild auf das Jesuskind – als Wegweiserin zu Christus. Damit bringt die Ikone auf ihre Weise auch jene Botschaft zum Ausdruck, die im Mittelpunkt des Stephansfestes stand: Christlicher Glaube lebt nicht allein von der Erinnerung, sondern davon, dass Menschen aus ihm Gegenwart und Zukunft gestalten. (Geschichte des Gnadenbildes)