Vor dem „Anti-Missbrauchsgipfel“ vom 21. bis zum 24. Februar 2019 in Rom hat Papst Franziskus alle Vorsitzenden der Bischofskonferenzen aufgefordert, mit Opfern von Missbrauch zusammenzutreffen. Sie sollen zuhören und so direkt von dem Leid zu erfahren, das Menschen innerhalb der Kirche angetan wurde. Wie Kardinal Christoph Schönborn den Medien der Erzdiözese Wien berichtete, soll jeder Bischof von seinen Erfahrungen aus dem Gespräch mit Opfern in einem zweiminütigen Video berichten, das vorab an den Papst zu senden ist.
Vor dem Treffen in Rom von den Bischöfen ein Zusammentreffen mit Missbrauchsopfern einzufordern, sei die richtige Strategie des Papstes, so Kardinal Schönborn. Auch, dass sie im Video zu einer Reflexion über das Gehörte angehalten werden. Schönborn in Radio klassik Stephansdom: Dass Bischöfe aus allen Kulturen sich dem Thema öffnen müssen, „das verändert eine Kultur, das ermutigt Opfer zu reden, das warnt Täter vor Missbrauchshandlungen, und das weckt die Verantwortung der Hirten, nicht wegzuschauen und nicht zu vertuschen.“
„Ich habe in den letzten 30 Jahren mit vielen Missbrauchsopfern gesprochen“, so Kardinal Schönborn in seinem eigenen Zwei-Minuten-Video an Papst Franziskus. Das Wichtigste, das er gelernt habe, sei das Zuhören – und, dass Opfer sehr lange, „oft 20, 30 Jahre“ brauchen, bis sie in der Lage sind, über den Missbrauch zu sprechen. „Die entscheidende Frage ist, ob wir ihnen glauben“, so der Wiener Erzbischof. Missbrauchsopfer hätten zu oft die Erfahrung gemacht, dass sie zur Seite geschoben werden und ihnen nicht geglaubt wird.
Besonders schmerzlich, so Kardinal Schönborn, sei es, wenn Priester den Namen Gottes, den Namen Jesu benützen würden, um Angst zu machen, indem sie ihren Opfern Dinge sagen, wie: „Wenn du sprichst, dann wirst du von Jesus verstoßen sein, dann kommst du in die Hölle.“ Das verschärfe die Situation von Missbrauchsopfern dramatisch. „Sie werden vom Täter nicht nur mit der Angst vor ihm, sondern auch mit der Angst vor Gott infiziert.“ Diese Angst zu überwinden, sei eine der schwierigsten Schwellen. Deshalb sei es so notwendig, dass die Opfer „die Zuwendung der Kirche, die Ehrlichkeit des Zuhörens und das Vertrauen, das Glaubenschenken“, erfahren können, sagt Kardinal Schönborn.
"Das Gesetz des Schweigens, nicht darüber zu reden, ist noch sehr weit verbreitet", so Kardinal Schönborn. Nach der großen Welle der Aufdeckung von Missbrauchsfällen 2010 und schon bereits in Ansätzen 1995 habe man sich sehr bemüht, ehrlich und wahrhaftig zu sein, nichts zu vertuschen, Schutz- wie Präventionsmaßnamen wirklich umzusetzen und die Täter zur Rechenschaft zu ziehen.
Jetzt, so Kardinal Schönborn, habe man den Eindruck, das Thema sei globalisiert, das zeigten auch Bewegungen wie #metoo. „Ich glaube, so schmerzlich es ist, es ist auch eine Chance. Ich erwarte mir eine große kulturelle Veränderung."
Er denke dabei an seine eigene Jugend und mit welcher Selbstverständlichkeit schwarze Pädagogik praktiziert und geschlagen wurde. „Da hat sich Gott sei Dank etwas in der Gesellschaft geändert. Beim Thema Missbrauch, Autoritätsmissbrauch, sexueller Missbrauch sind wir an diesem Kulturwandel erst dran. Das ist ein Kulturwandel, der die ganze Gesellschaft ergreifen wird, und das ist gut so.“