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11.12.2017 · Weltkirche · Bewegungen

Der Missionar, der aus der Kälte kommt

Kropfreiter: „Unsere Aufgabe ist es,  ein neues Missionsbewusstsein unter den verbliebenen Katholiken zu schaffen.“

Pater Leopold Kropfreiter hat sich auf ein ungewöhnliches Abenteuer eingelassen: Missionar sein in dem vorwiegend muslimischen Land Kasachstan. Keine leichte Aufgabe, wenn man an die harten Lebensbedingungen im zentralasiatischen Staat denkt. Aber der Ordensmann geht konsequent seinen Weg.

 

 

Pater Leopold Kropfreiter lebt seit fast zehn Jahren in Kasachstan. Seit sechs Jahren betreut er in einem abgelegenen Gebiet im Norden des Landes an der russischen Grenze zwei Pfarren. 2013 hat er zusätzlich die Aufgabe des Missiodirektors für Kasachstan übernommen.

 

Als wir ihn bei seinem Besuch in Wien treffen, meint er, dass er sich über das relativ warme Wetter in Wien freue. „Denn schon in Herbst fällt in Kasachstan die Lufttemperatur unter Null Grad Celsius. Meine Dörfer sind im Winter bei minus 40 Grad oft von der Außenwelt abgeschnitten“, erzählt Pater Kropfreiter von den extremen Klimabedingungen in seiner neuen Heimat.

 

Welche ersten Erfahrungen haben Sie gemacht, als Sie 2008 nach Kasachstan gekommen sind?
Ich war ganz offen und habe mich auf alles eingelassen. Und diese Offenheit wurde gleich zu Beginn auf eine harte Probe gestellt. 

 

Ich kam von Wien direkt in die Schwerindustriestadt Timirtau mit ihren furchtbar riesigen Fabriken, ökologisch eine Katastrophe. Weitere Kennzeichen: hohe Kriminalität, Alkoholismus und  Drogenabhängigkeit. Also wirklich ganz schlimm. Da dachte ich mir: „Das halte ich vielleicht zwei Wochen durch, aber dann fahre ich wieder nach Hause.“

 

Ein Rettungsanker zu Beginn war die Arbeit mit den Armen, mit den auf der Straße lebenden Bettlern. Unweit von unserer Pfarre hatten die Mutter Teresa-Schwestern eine Niederlassung. Jeden Tag haben wir gemeinsam miteinander gearbeitet, morgens heilige Messe mit den armen Menschen gefeiert und darauf folgte die Armenspeisung. Da hatte ich die Möglichkeit, mit ganz wenig Sprachkenntnissen  eine sinnvolle Arbeit zu leisten.

 

Kasachstan ist überwiegend ein muslimisches Land, rühmt sich ein multireligiöser Staat zu sein. Ist eine freie Religionsausübung für Katholiken möglich?


Die katholische Kirche ist im Land sehr angesehen. Ich habe als Missionar ein Missionarsvisum und eine Missionarserlaubnis. Man muss einen Stapel von Dokumenten einreichen, aber dann ist man wirklich offiziell in einem muslimischen Land ein Missionar.

 

Es herrscht wirklich Chancengleichheit. Egal, welcher Religionsgruppe du angehörst, jeder braucht eine Missionarserlaubnis.

 

Dann darf man ohne Probleme im kirchlichen Rahmen wirken. Man darf jedoch nicht außerhalb der Kirche in Schulen oder einfach auf der Straße Mission betreiben. Man darf als Missionar durchaus auch bei öffentlichen Treffen eine sehr gewichtige Rolle spielen.

 

Der Staat selber kümmert sich darum, dass die Religionen untereinander gut vernetzt sind. Es gibt regelmäßig auf Landes- und auf Bezirksebene Religionstreffen, bei dem muslimische Imame, orthodoxe Popen und katholische Priester eingeladen werden.

 

Der positive Effekt dabei: Wir kennen uns sehr gut und besprechen Dinge, die alle Religionsgemeinschaften im Land betreffen, wie jetzt z. B. Maßnahmen zur Videoüberwachung von religiösen Stätten aufgrund erhöhter Terrorgefahr.

 

Auch die katholische Kirche in Kasachstan steht vor neuen Herausforderungen. Welche sind das?


Da sehr viele traditionelle Katholiken abgewandert sind, steht die Kirche in Kasachstan vor einer völlig neuen Situation. Die Gemeinden sind sehr klein geworden. Die Jugendlichen suchen sich verständlicherweise im Ausland, in Russland, Polen und Deutschland neue Lebensbereiche, weil sie glauben, dass es in Kasachstan keine Zukunft für sie gibt.

 

Unsere Aufgabe ist es, ein neues Missionsbewusstsein unter den verbliebenen Katholiken zu schaffen, wie sich die Kirche neu entfalten kann. Es kann nur  gehen, dass wir aktiver auf die muslimische Bevölkerung zugehen.

 

Einen ersten Schritt sehe ich im Erlernen der kasachischen Sprache. Wir lernen alle Russisch und es wird auch sehr gern gesehen, dass wir Kasachisch können, aber das ist noch sehr unterentwickelt. Der nächste Schritt ist zu schauen, wie kann die katholische Kirche in einem muslimischen Umfeld wirken und Mission betreiben.

 

Wie sieht das konkret aus?


Wir stehen ganz am Anfang. Wir bemühen uns um ganz intensive Kontakte. Der Weg führt über unsere Schule St. Lorenz in Korneevka.

 

Während der Schulzeit ist es nicht erlaubt, Religionsunterricht zu halten. Deshalb laden wir im Sommer alle Kinder – Katholiken, Orthodoxe und Muslime – zu Kinder- und Jugendlagern ein. Diese Lager sind über alles wertgeschätzt von den Kindern und finden ganz bewusst im kirchlichen Rahmen statt.

 

Am Vormittag halten wir immer Katechese. Die Eltern wissen Bescheid. Sie kennen uns durch die ständige Zusammenarbeit in der Schule und haben kein  Problem damit, uns ihre Kinder anzuvertrauen.

 

Wir hatten in den vergangenen vier Jahren eine Einführung in den Glauben, angefangen mit der Schöpfung, Abraham, Mose und David. Dieses Jahr haben wir den Sprung in das Neue Testament gewagt, zu Jesus. Mit verschiedenen Kursen in verschiedenen Gruppen haben wir über Jesus gesprochen, auch mit den Muslimen. Eine interessante Tatsache: Die muslimischen Kinder waren sehr interessiert und gaben die besten Antworten.

 

Wie groß ist die soziale Not im Land und wie können wir helfen?

 

Ich habe gerade eine Familie vor Augen: Die Kinder werden ständig krank, weil es im Haus furchtbar kalt ist. Das Dach ist undicht, der Boden nicht isoliert und es zieht im ganzen Haus, wenn ein bisschen stärkerer Wind geht – und wir haben ständig Wind in Kasachstan. Die Kinder versäumen sehr häufig die Schule. Das zieht sich schon seit Jahren so hin. Nur die Mutter arbeitet, aber sie verdient nicht genug, um auch noch das Haus ein bisschen zu renovieren. Sie schafft es gerade so, Lebensmittel zu kaufen.

 

Wir können nun mit einem gemeinsamen Projekt mit dem Päpstlichen Missionswerk in Österreich dieser Familie ganz konkret helfen: ein neues Dach, vielleicht auch neue Fenster und den Boden isolieren. Dann haben wir ihnen wirklich über Jahre hinweg geholfen und die Kinder haben eine normale Möglichkeit, zu lernen und sich zu Hause wohl zu fühlen.

 

Wir stehen kurz vor Weihnachten. Wie wird das Fest in Kasachstan gefeiert?


Wir haben eine schwierige Situation vor uns, weil keine rechte weihnachtliche Stimmung aufkommen kann. Es gibt keine Adventmärkte oder Adventfeiern, keine Adventkalender, vielleicht nur im ganz privaten Bereich.

 

Wir versuchen jetzt unsere Kinder und Jugendlichen etwas zu sensibilisieren. Die Schüler unserer Schule veranstalten schon seit über zehn Jahren jedes Jahr aufs Neue ein riesiges Krippenspiel am 24. Dezember am Abend.

 

Es ist sehr ungewöhnlich und passt eigentlich nicht in den Kontext von Kasachstan, aber es wird sehr gerne gesehen. Anschließend kommen alle Besucher, die in diesem Krippenspiel waren, in unsere Kirche. Wir feiern gemeinsam Weihnachten, aber nach dem Weihnachtsgottesdienst ist alles zu Ende und dann fehlt ein bisschen die Weihnachtsstimmung, die man in Österreich hat.

 

Im vergangenen Jahr sind wir noch weiter in ein anderes, 35 Kilometer entferntes Dorf gefahren und gerieten in einen Schneesturm. Plötzlich ging nichts mehr, weil die Straße so stark verweht war. Aber die Menschen in dem Dorf wollten unbedingt Weihnachtsmesse feiern und haben den Chef der örtlichen Kolchose so lange genervt, bis er riesige Traktoren hinaus fahren ließ, damit sie uns den Weg freimachten.

 

Das war für uns ein kleines Weihnachtswunder.

erstellt von: Der SONNTAG / Stefan Hauser und Markus Langer
11.12.2017
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Weitere Informationen:

Die Gemeinschaft der Diener Jesu und Mariens betreut ein privates Gymnasium in der Gemeinde Korneevka, um Kindern und Jugendlichen bessere Zukunftschancen zu bieten.

 

Pater Leopold Kropfreiter unterrichtet die Kinder, aber nicht in Religion, denn das ist nicht erlaubt.

 

zur Person

P. Leopold Kropfreiter ist Priester in der Gemeinschaft der Diener Jesu und Mariens, gebürtig aus Arbesbach in Niederösterreich. Seit 2008 arbeitet er in der Mission in Kasachstan, seit 2011 im Norden des Landes, ca. 100 Kilometer von der russischen Grenze entfernt in einem abgelegenen Gebiet, wo er die Pfarren Korneevka und Tonkoschorovka betreut. Seit 2013 ist er Missiodirektor für Kasachstan.

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