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23.09.2018 · Glaube · Spiritualität

Brauchen Männer und Frauen einander noch?

„Wichtig ist, dass Männer und Frauen einander auf Augenhöhe begegnen und sich voneinander beraten lassen“, appelliert Bonelli. Durch die unterschiedlichen Sichtweisen würden die Geschlechter stark voneinander profitieren.

In seinem neuen Buch räumt der Wiener Psychiater Raphael Bonelli mit bekannten Mann- und Frau-Klischees auf. Basierend auf neuesten Studien beleuchtet der Seelenforscher die spannenden Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Doch die jeweils weiblichen und männlichen Talente sind heute vielfach verschüttet, was zu einigen Beziehungsproblemen führt.

 

 

Ich treffe Raphael Bonelli in seiner Praxis in der Wiener Innenstadt und darf mich dort auf die Couch setzen. Der Psychiater und Buchautor hat derzeit gleich drei Gründe zu feiern: 50. Geburtstag, zum dritten Mal Vater geworden (jetzt sind es drei Buben) und sein neuestes Buch „Frauen brauchen Männer und umgekehrt. Couchgeschichten eines Wieners Psychiaters“. Letzteres ist Anlass für meinen Besuch.

 

Der Titel „Frauen brauchen Männer und umgekehrt“ ist zugleich eine der Kernbotschaften des Buches. Raphael Bonelli: „Wenn Männer und Frauen zusammen sind, kommt es zu einem Mehrwert.

 

Frauen und Männer müssen auf gleicher Augenhöhe sein, damit das gut funktioniert. Aber gleiche Augenhöhe bedeutet nicht, dass Frauen und Männer ganz gleich sind, sondern gleiche Augenhöhe funktioniert dann, wenn die Frau Zugang zu ihrer Weiblichkeit hat und der Mann Zugang zu seiner Männlichkeit.

 

Heute ist dieser Zugang sehr häufig verschüttet. Das nennen wir in der Psychotherapie Verdrängung.“


Kein Prickeln mehr vorhanden

Was heißt es, eine Frau zu sein? Was heißt es, ein Mann zu sein? Wagen wir uns heute diese Frage noch zu stellen? Ist es nicht vielmehr so, dass fast alles auf Effizienz, Funktionieren und Gleichmachung ausgerichtet ist?

 

Raphael Bonelli macht in seinem neuen Buch deutlich, dass – wenn Männer und Frauen ihre jeweilige Identität nicht bewusst leben – etwas Wichtiges auf der Strecke bleibt: der Eros, die Spannung, das Prickeln und Funken zwischen Geschlechtern.


Psychiater Raphael Bonelli studiert die Identitäten der Geschlechter anhand der „Millennials“, jener Generation, die die Gesellschaft jetzt mehr und mehr tragen wird: „Sie sind zwischen 1980 und 1999 geboren, meist sehr gut ausgebildet und beruflich erfolgreich, in persönlichen Beziehungen aber sehr verunsichert und unbeholfen“, charakterisiert der Autor.

 

Millennials leben häufig in Singlehaushalten, haben weniger langfristige und instabilere Partnerschaften als die Generationen davor. Viele landen aufgrund ihrer Beziehungsprobleme auf Bonellis Couch.

 

„Männer und Frauen haben nur noch wenig Zugang zueinander, auch auf körperlicher Ebene. Es herrscht ein Tiefpunkt der Sexualität“, sagt der Seelenforscher: „Die Paare heute haben weniger Sex als Paare vor 20, 30 oder 40 Jahren. Das alles ist eine  Folge der verdrängten geschlechtlichen Identität“, betont Bonelli.


Biologismus und Genderismus

Wie ist es dazu gekommen, dass Männer und Frauen in ihrer Geschlechts- identität so geschwächt wurden? In seinem Buch „Frauen brauchen Männer und umgekehrt“ wirft der Autor einen beeindruckenden Gesamtblick auf die Thematik, erläutert die historischen Entwicklungen im Hinblick auf die Geschlechteridentitäten seit dem 19. Jahrhundert und informiert über sämtliche aktuelle Studien bezüglich der körperlichen, emotionalen und kognitiven Unterschiede zwischen Männern und Frauen. 

 

Eine seiner Grundthesen dabei lautet: So wie der Biologismus des 19. Jahrhunderts falsch war (strikte Rollenzuteilungen an Männer und Frauen aufgrund ihres biologischen Geschlechts), so war auch der Genderismus des 20. Jahrhunderts (völlige Negierung des biologischen Geschlechts) falsch.


Gift für die Liebesbeziehung

Die Generation der Millennials sei noch im Geist des 20. Jahrhunderts erzogen, der besagte, dass Männer und Frauen mehr oder weniger gleich seien.

 

„Problematisch daran war, dass Männer und Frauen in Konkurrenz getreten sind, weil sie nicht mehr wahrgenommen haben, dass sie eben verschieden sind und dass sie sich gegenseitig ergänzen. Deswegen sind sie mehr und mehr in Konkurrenz getreten. Das ist ein Gift, das die Liebesbeziehung eigentlich tötet“, erklärt der Psychiater.

 

Raphael Bonelli ist auch Neurowissenschaftler und führt in seinem Buch eine wissenschaftliche Erkenntnis vor Augen, die in unserer Gesellschaft und bei ihren Entscheidungsträgern noch nicht wirklich angekommen ist: Männer und Frauen sind nicht gleich.

 

Die Pionierarbeit hat auf diesem Gebiet die Gendermedizin geleistet, die die vielfältigen körperlichen Unterschiede zwischen Mann und Frau als erste aufgezeigt hat.

 

Weltweite Studien über alle Kulturgrenzen hinweg belegen mittlerweile auch die emotionalen und kognitiven Unterschiede: Während Frauen mehr soziale Kompetenzen aufweisen, sind Männer besonders sachkompetent. Frauen sind vor allem sprachlich begabt, Männer dafür mathematisch und technisch.

 

Das männliche Gehirn ist zwar größer, das weibliche dafür komplexer verschaltet. „Männer und Frauen sind auf unterschiedliche Weise intelligent. Sie kommen auf unterschiedlichen Denkwegen zu gleichwertigen Ergebnissen“, erklärt der Psychiater.

 

Dennoch gebe es aber natürlich z. B. auch naturwissenschaftlich hochbegabte Frauen und sozial hochkompetente Männer, die Verteilung der jeweiligen Talente sei aber eindeutig.


Spannend und in manchen Kreisen politisch fast unkorrekt: Biologisches und soziales Geschlecht (Gender) sind untrennbar miteinander verwoben wie wissenschaftliche Untersuchungen zeigen.

 

Anhand einer tragischen Fallstudie („Der Junge, der als Mädchen erzogen wurde“), zeigt Bonelli, dass es nicht möglich ist, das angeborene Geschlecht eines Menschen „wegzuerziehen“ oder durch Medikamente wegzutherapieren. Zu stark wirkt verdrängte männliche oder weibliche Identität aus dem Unbewussten heraus.


Mann und Frau auf Augenhöhe

„Wo Es war, muss Ich werden“, zitiert Raphael Bonelli den Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud: „Das Unbewusste – ,Es’ - ist die Konstitution: Körperlichkeit, Emotionalität und Kognition“, erklärt Bonelli: „Dieses Es muss Ich werden, das heißt, mehr bewusst werden.“

 

Der Psychiater ermutigt Männer und Frauen, sich ihrer jeweiligen männlichen und weiblichen Identität stärker und positiver bewusst zu werden und ihre jeweiligen Talente wieder mehr zu schätzen und pflegen.

 

„Wichtig ist, dass Männer und Frauen einander auf Augenhöhe begegnen und sich voneinander beraten lassen“, appelliert er. Durch die unterschiedlichen Sichtweisen würden die Geschlechter stark voneinander profitieren.

 

Zu welchen problematischen Entwicklungen beratungsresistente Männer (die Folgen reichen von Rücksichtslosigkeit bis zur Gewalttätigkeit) und beratungsresistente Frauen (die Folgen hier: Streben nach Beachtung, emotionale Instabilität, Intriganz...) führen, wird anhand vieler Fallstudien aufgezeigt.

 

Was dann folgt, ist die Verdrängung der geschlechtlichen Identität: Männer werden schwach, launisch und unsachlich, Frauen dem Leben verschlossen (sie haben keinen Bezug mehr zu Kindern, Tieren usw.), emotional kalt und gleichgültig, schreibt Raphael Bonelli.

 

Gegensteuern kann man hier mit einem starken männlichen bzw. weiblichen Selbst-Bewusstsein. „So lange die Geschlechterbeziehung auf Augenhöhe stattfindet, ist die Lösung in Griffweite, weil das jeweils andere wertgeschätzt wird.

 

Die Liebesbeziehung zwischen Mann und Frau kann ein Weg zum gesunden Selbstbewusstsein und zur Selbstverwirklichung sein: Erst an der Frau entdeckt der Mann den Sinn seiner Männlichkeit – und umgekehrt.“  

 

Wie wird es der kommenden Generation ergehen? Raphael Bonelli ist zuversichtlich: „Ich glaube an die Entwicklungsfähigkeit des Menschen und dass wir durch das Wissen, das wir uns angeeignet haben, entsprechend den Geschlechtereigenschaften die Menschen auf gleicher Augenhöhe behandeln, ohne eines der Geschlechter zu diskriminieren.“

erstellt von: Der SONNTAG / Agathe Lauber-Gansterer
23.09.2018
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Weitere Informationen:

Die gesellschaftlichen Erwartungen sind für die Entwicklung einer positiv gelebten Geschlechtsidentität (ob bei Frauen oder Männern) nicht immer hilfreich.


zur Person

Raphael M. Bonelli
geboren 1968, ist Neurowissenschaftler an der Sigmund Freud Universität Wien sowie Psychiater und systemischer Psychotherapeut in eigener Praxis in Wien.

 

Raphael M. Bonelli | Vorträge, Diskussionen, Interviews

www.bonelli.tv/


Buchtipp

Raphael M. Bonelli

„Frauen brauchen Männer und umgekehrt“

Kösel Verlag

352 Seiten

EUR 22.70

ISBN:  978-3-466-34687-5

 


 

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