Auf die noch nicht eingelösten Reformanliegen des vor 50 Jahren eröffneten Konzils hat Weihbischof Helmut Krätzl, einer der letzten lebenden deutschsprachigen Augenzeugen der damaligen Beratungen, beim "Kardinal König Gespräch", am Samstag, 25. August 2012, im niederösterreichischen Rabenstein hingewiesen. Der mittlerweile Achtzigjährige hatte 1962 bis 1965 als junger Priester im Dienst Kardinal Franz Königs in der Konzilsaula des Petersdoms als Stenograph die Diskussionen verfolgt.
Im Blick auf seine Zeugenfunktion wird Weihbischof Krätzl am Donnerstag, 11. Oktober, um 18.00 Uhr, im Wiener Stephansdom den großen Gottesdienst der Erzdiözese Wien aus Anlass des 50. Jahrestags der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils leiten.
Während einige Theologen - darunter der "Ratzinger-Schüler" Wolfgang Beinert - ein Drittes Vatikanisches Konzil fordern, um eine Kirchenreform zustande zu bringen, sieht das Weihbischof Krätzl anders. "Das Zweite Vatikanische Konzil ist noch nicht ausgeschöpft, es gibt ungehobenes Potenzial", sagte er in Rabenstein. Konkret erwähnte der Wiener Weihbischof die Inkulturation der Liturgie, eine Ausweitung der gegenseitigen ökumenischen Anerkennung von zentralen kirchlichen Handlungen in den unterschiedlichen Kirchen sowie Änderungen im Eherecht. Ein neues Konzil wünsche er jetzt nicht: "Ich fürchte, dass dort aufgrund der Mehrheitsverhältnisse die Errungenschaften des letzten Konzils korrigiert werden."
Einzigartig am letzten Konzil sei gewesen, dass die Erneuerung der Kirche "von oben" gekommen sei: "Der damalige Papst Johannes XXIII. wurde von vielen aufgrund seines hohen Alters als Übergangspapst angesehen. Doch er hat das Sensorium mitgebracht, dass die Kirche erneuert werden muss", so Weihbischof Krätzl. Bald nach seiner Wahl habe Johannes XXIII. deshalb das Konzil einberufen: "Neben dem jungen US-Präsidenten John F. Kennedy gab der alte Papst der Welt um 1960 neue Hoffnung."
Das Interesse der Welt am Zweiten Vatikanischen Konzil sei riesengroß gewesen. Die römische Kurie habe gefürchtet, dass sich damit das Machtgefüge ändere. Dies sei auch nicht unbegründet gewesen, denn "die Konzilsbischöfe konnten theologische Berater mitnehmen, unter denen machen waren, die zuvor zensuriert worden waren". Die Bischöfe hätten Mut zu Neuem gehabt, "weil sie den Papst hinter sich wussten".
Zu den vielen erzielten Fortschritten dieses Pastoralkonzils zählen laut Weihbischof Krätzl die Wiederentdeckung des gemeinsamen Priestertums aller Getauften, die kollegiale Leitung - die Bischöfe leiten gemeinsam mit dem Papst die katholische Kirche - sowie die liturgische Erneuerung. So betone das Konzil die Eucharistiefeier als gemeinschaftliche Feier mit Beteiligung und tätiger Teilnahme der Gläubigen.
Auch für die Ökumene habe das Konzil wichtige Impulse gebracht, weil man nun durch die Taufe eine innige Verbundenheit aller Christen gesehen habe. Die Kirche sei außerdem von rein rechtlichen Aussagen zur Ehe abgerückt: "Sie wurde beim Konzil als Bund dargestellt, als Bund der Liebe und nicht mehr rein verzweckt auf die Weitergabe des Lebens."
Der Wiener Diakon Max Angermann betonte in Rabenstein, in seiner Anfangszeit habe er das Gefühl vermittelt bekommen, dass seine Funktion "nicht so wichtig" sei. Heute erfahre er bei Hochzeiten, Taufen oder in der Telefonseelsorge viel Wertschätzung von den Menschen für seine Arbeit. Das Konzil sei notwendig gewesen, da "zahlreiche Themen in der Luft lagen und besprochen werden mussten". Es sei eine Standortbestimmung gewesen über "Wo leben wir heute?".
Die langjährige Mitarbeiterin von Kardinal König und Wiener Diözesanarchivarin Annemarie Fenzl zeigte sich in Rabenstein überzeugt, dass "der Heilige Geist das Konzil in Gang gesetzt hat". Deshalb bewege es heute noch. "In der Kirche gibt es oft Frust und Enttäuschung, aber auch weiter viel Engagement und Freude", so Fenzl. Die Konzilstexte sollten wieder gelesen werden, denn "wer die Texte nicht kennt, kann auch kaum darüber reden", erinnerte Fenzl an eine wichtige Botschaft Königs.