"Wir wollen daran erinnern, dass in unserer Stadt vor 100 Jahren jemand geboren wurde, der eindrucksvoll zur Nächstenliebe aufgerufen hat und mit seinen aufrüttelnden Appellen viele erreicht hat", sagte Pfarrer Prior Pater Walter Ludwig von der Neuklosterpfarre in Wiener Neustadt. Bis heute berühmt seien Ungars "Zeit im Bild"-Appelle zur Augustsammlung, so Walter. Bei einer Messe in Wien erinnerte Ungar-Nachfolger Helmut Schüller, dass Ungars Geburtstag gleichzeitig das Fest des heiligen Dominikus ist. Dominikus und Ungar verbinde, dass sie Notlagen klar erkannt hätten und Konsequenzen gezogen hätten.
Die Hungersnot in Südfrankreich zu Lebenszeit Dominikus' sei für den Ordensgründer Auslöser zum Verschenken seines Besitzes geworden, so Schüller. Es sei Dominikus und Leopold Ungar nicht darum gegangen, die Menschen "niederzupredigen", sondern konkret zu helfen.
Der am 8. August 1912 in Wiener Neustadt als Sohn einer großbürgerlichen jüdischen Kaufmannsfamilie geborene Leopold Ungar studierte zunächst Jus. Das für eine spätere Berufstätigkeit gedachte Studium schloss er zwar ab, weit mehr Zeit widmete er aber dem Schauspielstudium am Reinhardt-Seminar und dem Besuch der Lesungen seines Idols Karl Kraus. Der Meister der geschliffenen Sprache blieb für Ungar ein Leben lang "eine Art Prophet".
Nach der Promotion zum Doktor der Rechtswissenschaften empfing Ungar 1935 die Taufe und trat im September des gleichen Jahres, für seine Umwelt wohl überraschend, ins Wiener Priesterseminar ein. Nach dem "Anschluss" 1938 musste Ungar Österreich verlassen. Er kam nach Paris, wo er sein Studium abschloss und 1939 zum Priester geweiht wurde. Als Hitler Frankreich besetzte, musste Leopold Ungar wiederum fliehen, diesmal nach England. Als Seelsorger in einem Lager für deutsche Kriegsgefangene überdauerte er den Krieg. Seine Lektüre in dieser Zeit waren vor allem die Kirchenväter, die von nun an sein theologisches Spezialgebiet wurden. Im September 1947 kehrte Ungar nach Wien zurück.
Als der spätere Weihbischof Jakob Weinbacher dringend einen sprachgewandten Priester suchte, der die Administration der alliierten Hilfslieferungen für das hungernde Wien durchführen könnte, fiel die Wahl auf Leopold Ungar, damals Kaplan im 4. Bezirk. Als 1956 die Ungarnkrise ausbrach verstand es Prälat Ungar, der 1950 Wiener Caritasdirektor geworden war, durch seine dramatischen Appelle eine Spendergemeinde von einigen hunderttausend Österreichern zu schaffen, die die konkrete Realisierung seiner Ideen unter dem Dach der Caritas möglich werden ließ.
1964 wurde Ungar auch österreichischer Caritas-Präsident. 1988 legte Ungar sein Amt als Wiener Caritasdirektor zurück, 1991 auch seine Funktion als österreichischer Caritas-Präsident. Nachfolger wurde Helmut Schüller und 1995 Franz Küberl. Nach langer schwerer Krankheit starb Prälat Leopold Ungar am 30. April 1992 in Wien. Gemeinsam mit Kardinal Franz König gilt Ungar als ein Pionier bei der Überwindung alter, noch aus der Zeit der Ersten Republik stammender, parteipolitischer Klischees.